Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften (BBAW) hatte gerufen, und viele waren ins Schauspielhaus am Gendarmenmarkt gekommen, um dort am Sonnabend den dreihundertsten Geburtstag der Nachfolgegesellschaft von Leibnitz "Societät der Wissenschaften" zu feiern. Bundespräsident Johannes Rau beschrieb in einem Grußwort die Akademie als den Ort, an dem auch wissenschaftlichen Projekten nachgegangen werde, welche die Lebenszeit eines einzelnen Forschers überdauern; er denke dabei an die Erstellung eines Wörterbuches deutscher Dialekte oder einer digitalen Enzyklopädie. Zudem sei die Akademie wegen ihrer interdisziplinären Ausrichtung besonders gut geeignet, Antworten auf gegenwärtige Fragen zu formulieren, die zunehmend fächerübergreifendes Denken erforderten. Gerade hier könne eine wissenschaftliche Gemeinschaft entstehen, in der "die Naturwissenschaften sagen, was die Menschen können und die Geisteswissenschaften, was die Menschen sollen."Denkblockaden brechenDie Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn sprach von den "gesellschaftlichen Verpflichtungen" einer Akademie und forderte dazu auf, in Zukunft noch mehr Augenmerk auf die Nachwuchsförderung zu richten. Mit genau dieser Absicht hatte die BBAW bereits am Vorabend zusammen mit der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina die "Junge Akademie" ins Leben gerufen. Sie soll jüngere Wissenschaftler einbinden und nicht zuletzt dem landläufigen Bild der Institutionen entgegenwirken, denen Rau zufolge mitunter der Hauch "elitärer, etwas verstaubter Altherrenclubs" anhaftet. Nachwuchswissenschaftler, die mit einer Promotion auf sich aufmerksam gemacht haben, sollen hier durch ein Stipendium die Gelegenheit bekommen, über fünf Jahre an einem selbst gewählten Projekt zu arbeiten. Man erhoffe sich ein "vernunftgeleitetes Zwiegespräch zwischen den Generationen über die Zukunft der Wissenschaft", sagte Dieter Simon, der Präsident der BBAW.Die "Junge Akademie", die durch die Volkswagenstiftung und das Bildungsministerium unterstützt wird - Ministerin Bulmahn übernahm die Schirmherrschaft für das Projekt -, soll ein Diskussionsforum für fünfzig Nachwuchswissenschaftler werden. Am vergangenen Freitag stellten sich bereits die ersten zwanzig Mitglieder vor, deren Absichten die neue Vorstandssprecherin Margit Knoblauch so formulierte: "Mediziner, Biologen, Physiker, Mathematiker, Soziologen, Philosophen, Juristen, eben Geistes- und Sozial- und Naturwissenschaftler, kommen in der Jungen Akademie zusammen, um jenseits der Mauern universitärer Disziplinen auf Endeckungsreise zu gehen." Als Beispiele einer fruchtbaren Zusammenarbeit über die "professionellen Denkblockaden" einzelner Fachrichtungen hinaus nannte sie die Übertragung der Selbstorganisation biologischer Systeme auf soziale Strukturen und die Übernahme neuester Erkenntnisse der Neurobiologie in die Philosophie. Des Weiteren wolle man eine Arbeitsgruppe einrichten, die dem Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit nachgehen soll. "Die derzeitige Umstrukturierung unserer Gesellschaft in eine Informationsgesellschaft wirft Fragen nach dem zukünftigen Umgang mit und der Darstellung von Wissen auf", sagte Knoblauch.Schließlich wolle man sich auch für die Nachwuchswissenschaftler außerhalb der "Jungen Akademie" einsetzen: "Aus den noch frischen persönlichen Erfahrungen heraus wollen wir Missstände im derzeitigen Wissenschaftssystem für Nachwuchswissenschaftler im internationalen Rahmen analysieren", erläuterte Knoblauch. Als eines der ersten Vorhaben plane man, einen Kriterienkatalog zur EU-weiten Verbesserung der Situation für junge Akademiker zu erarbeiten und sich besonders für die Förderung von Wissenschaftlerinnen einzusetzen.