Sieben Frauen sitzen auf dem Podium. Fast alle in praktischer Merkel-Uniform. Hüftlange Jacketts in satten Farben, lila, blau, rot. Dazu die obligate dunkle Hose. Ein buntes Tuch. Sie verwenden Begriffe wie "Sorgearbeit", "bipolare Wegeketten" und "Erwerbsobliegenheit".Eine der Frauen tanzt aus der Reihe. Sie trägt rote Strümpfe und einen eleganten leichten Rock. Das lange Haar fällt über die Schultern. Ihre Rhetorik hat einen persönlichen Ton. Anke Domscheit-Berg sagt "ich", und wenn sie redet, blitzt ihr Leben auf, greifbare Realität. Plötzlich wird sichtbar, was sich hinter den "biografischen Schnittstellen" verbirgt, von denen so viel die Rede ist an diesem Nachmittag.In der Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin wird der Gleichstellungsbericht präsentiert. Auf dem Podium sitzen Politikerinnen, eine Juraprofessorin, eine Wirtschaftswissenschaftlerin, eine Gewerkschafterin von Verdi und dazwischen Anke Domscheit-Berg, in zweiter Ehe verheiratet, ein Kind, bis vor Kurzem Direktorin bei Microsoft Deutschland.Die "freie Wahl" ist das Reizwort des Tages. Es geht um die Vorwürfe aus konservativen Kreisen, Frauen seien selbst schuld, dass die Gleichstellung immer noch nicht erreicht ist. Könnten sie sich doch entscheiden: zwischen Kunstgeschichte und Informatik, Minijob und Führungsposition, zwischen diesem oder jenem Mann, dem Saboteur oder dem Partner, der kooperiert.Nein, sagt Anke Domscheit-Berg, die freie Wahl habe sie nicht gehabt, als sie ein Kind bekam und der Vater eine andere Vorstellung vom Familienleben hatte als sie. Ihre Vorstellung war: "Jeder kümmert sich zu gleichen Teilen um alles. Paritätisch und egalitär." Eine Illusion. Der Vater ihres Sohnes war montags bis freitags geschäftlich unterwegs. "Hätte er den Kollegen nicht gesagt, er sei Papa geworden, es hätte keiner gemerkt." Nein, er hatte gar nichts dagegen, dass auch sie Karriere machte und Geld verdiente. "Aber wie du das hinkriegst, ist dein Problem." Die Beziehung zerbrach. Eine Weile war sie danach mit ihrem Sohn allein. Alleinerziehend, berufstätig, es war schwer.Anke Domscheit-Berg ist heute 43 Jahre alt, ihr Sohn ist zehn. Geboren wurde sie in Brandenburg. In der DDR, erzählt sie später im Gespräch, war das Alleinerziehen kein Stigma, und es wirkte sich auch nicht negativ auf die Arbeit aus. Doch als sie im Jahr 2001 bei der Unternehmensberatung, bei der sie damals arbeitete, an dem Punkt weitermachen wollte, an dem sie vor der Geburt ihres Kindes gestanden hatte, hieß es: mit dem Mutterwerden hätte sie sich die Karriere verbaut. "Das wurde mir von den Chefs ins Gesicht gesagt." Die waren richtig beleidigt. Da habe man für sie den roten Teppich ausgerollt und jetzt wolle sie lieber Familie! Wie undankbar!Und da liegen sie wieder einmal bloß, die neuralgischen Punkte, an denen Frauen- und Männerleben auseinanderdriften wie Eisschollen. Alleinerziehend und Karriere? Du Rabenmutter, wenn du schon allein bist, bleib gefälligst bei deinem Kind!Wo bleibt sie da, die freie Wahl? Anke Domscheit-Berg sagt, sie habe sich in Bascha Mikas Buch "Die Feigheit der Frauen" nicht wiedergefunden. Dort sind die Frauen selbst schuld an mangelnder Eigenständigkeit und verpfuschtem Leben. Weil sie noch immer den Ernährer suchen und nicht das Abenteuer in der "kalten Außenwelt".Nach Ansicht von Mika gibt es auch Frauen, die selbst schuld am Alleinerziehen sind. Nämlich dann, wenn die Frau einem Mann ein Kind überhilft, obwohl dieser auf Familie gar nicht so scharf war. Zumindest nicht mit ihr. Bei Bascha Mika heißt eine dieser Frauen Monika. Monika ist eine späte Mutter und entzieht dem Vater zur Strafe das Kind. Eine andere alleinerziehende Mutter, "Bettina", trennte sich in der Schwangerschaft vom Vater ihres Kindes. Sie wird von Mika in einem zwei Seiten langen Monolog zitiert. Am Schluss sagt sie: "Ich werde bald Mutter. Ein bisschen Angst habe ich ja, aber meist bin ich glücklich. Natürlich muss ich das mit dem Kind jetzt alles allein hinkriegen. Aber inzwischen glaub ich eigentlich - das schaff ich schon." Damit endet der Monolog der Frau. Genau an der Stelle, wo auch Liebesfilme und Märchen aufhören - dann, wenn es schwierig wird. Dann, wenn die Prüfung erst losgeht. Dann, wenn es wirklich etwas zu erzählen gibt.Die Geschichte dort enden zu lassen, ist bequem und unpolitisch dazu. Es bedeutet, die Schwierigkeiten, die auf diese Frau zukommen, als gegeben hinzunehmen. Damit sind sie Teil ihrer Entscheidung und nicht etwas, wogegen man sich auflehnen muss. Denn was dieser alleinerziehenden Frau dann begegnet, hat sie ja alles vorher gewusst, es ist ja kein Geheimnis: der Mangel an Krippenplätzen, die begrenzten Kita-Zeiten, die Halbtagsschulen. Dass Kinder (und Mütter, ja auch Tagesmütter) krank werden, und Arbeitszeiten nur bedingt flexibel sind, ist auch bekannt. Nun muss sie zusehen, wie sie damit fertig wird. Sie hatte die freie Wahl. Was ist, wenn sie es nicht schafft?Aufschlussreich ist die Isolation dieser Figur. Alles alleine hinkriegen. Ich schaff das schon. Niemand schafft es allein, und niemand soll es wirklich alleine schaffen müssen. Es ist der alte Mutterwahn, nur in neuem Gewand. Ein Beispiel für Selbstbestimmtheit? Eher für Selbstüberforderung - und Anmaßung. Denn der Vater, und sei er noch so uninteressiert, hat laut Gesetz dieselben Rechte wie die Mutter. Die Pflichten? Dazu später. Bettina jedenfalls ist bei genauer Betrachtung vielleicht eines dieser Exemplare, die von Väterrechtlern an den Pranger gestellt werden. Eine vaterentsorgende Mutter. Reichlich unemanzipiert. Warum fordert sie die aktive Verantwortung des Vaters nicht ein?Etwa 1,6 Millionen Menschen erziehen ihre Kinder in Deutschland allein, 90 Prozent unter ihnen sind Frauen, in Berlin genau 91Prozent. Es geht ihnen in Deutschland finanziell deutlich schlechter als in Frankreich oder in Skandinavien. Berlins Wirtschaftssenator Harald Wolf (Die Linke) spricht von der "höchsten Armutsquote in diesen Haushalten". Der Soziologe Heinz Bude schreibt in seinem Buch "Die Ausgeschlossenen" aus dem Jahr 2008: "Als skandalös erweist sich der Vergleich mit anderen europäischen Wohlfahrtsstaaten. So müssen in skandinavischen Ländern nur etwa zehn Prozent alleinerziehender Mütter mit weniger als der Hälfte des bedarfsgewichteten Durchschnittseinkommens auskommen, in Deutschland mehr als ein Drittel."Alles eine Folge freier Wahl? Wie sieht das Leben alleinerziehender Frauen wirklich aus, jenseits der holzschnittartigen Bilder, die sich in bestürzender Monotonie durch die Medien ziehen? Die auf Sozialtransfers angewiesene alleinerziehende Mutter ist zum Inbegriff einer keineswegs homogenen Gruppe geworden. Dabei verdienen sechzig Prozent den Lebensunterhalt, wenn auch oft äußerst bescheiden, für sich und ihre Kinder weitgehend allein. Trotz beschämender Rahmenbedingungen. Beschämend für einen anscheinend so fortschrittlichen Staat mit formaler Geschlechterdemokratie. Alleinerziehen ist nichts für Feiglinge. Es erfordert Stärke. Auch die, Leute zu ertragen, die keine Ahnung haben und trotzdem darüber urteilen.Als ich im Winter 2010 begann, ein Buch übers Alleinerziehen zu schreiben, war das Image alleinerziehender Frauen an einem Tiefpunkt angelangt. Im Januar 2010 charakterisierte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung unter dem Titel "Die Hätschelkinder der Nation" alleinerziehende, arbeitslose Mütter als raffinierte, vom Hartz-IV-System bevorzugte Existenzen und rückte sie in die Nähe von Sozialbetrug. "Eine alleinerziehende Hartz-IV-Empfängerin wäre nicht nur dumm, sich offiziell wieder einen Partner zuzulegen. Es wäre auch unklug, wenn sie einen regulären Job annähme", schreiben die Verfasser des Artikels. Im Sommer 2010 machte Henryk M. Broder im Tagesspiegel einen Lösungsvorschlag, herrlich ironisch, wie gewohnt. Nach den Tierschützern hatte ihn auch eine alleinerziehende Mutter in einer Talkshow genervt: Warum nicht beide Nervensägen miteinander verkuppeln? "Heiratet sie!", ruft Broder den Tierschützern zu. "Tut was, damit sie daheim bleiben und sich um ihre Kinder kümmern können, statt im Fernsehen darüber klagen zu müssen, dass ihnen keiner hilft." Im Herbst 2010 ist es Thilo Sarrazin, der sich in seinem Bestseller "Deutschland schafft sich ab" über Alleinerziehende und ihre Kinder Gedanken macht. Seine Schlüsse allerdings verschwanden irgendwo hinter der Aufregung über Sarrazins Thesen zu Genen, Völkern und Intelligenz. Die SPD erwog jedenfalls keinen Parteiausschluss wegen fragwürdiger Sprüche über alleinerziehende Frauen und sein Mutter-Vater-Kind-Familienbild. Familie geht bei Sarrazin vor alles, und sei sie auch wenig harmonisch. "Kinder", heißt es bei ihm, "gedeihen in einer nicht so gut funktionierenden vollständigen Familie aber oft besser als bei einem Elternteil, wo sie Partnerbindungs- und Partnerfindungsversuche miterleben. Da gesunde Kinder ziemlich viel aushalten, richten auch ungeordnete Familienverhältnisse in den meisten Fällen keinen allzu großen Schaden an, aber die Entwicklungsmöglichkeiten der Kinder beschneiden sie schon." Vollständige Familie gegen Elternteil. Alleinerziehenden erkennt man den Status der Familie damit schlichtweg ab. Das spiegelt sich in der Umfrage eines Lifestyle-Magazins für die coole junge Familie wider - Nido zufolge betrachten 52 Prozent der Deutschen ein Elternteil plus Kind nichts als Familie. Was sind sie dann? Ein kläglicher Rest mit ewigem Amputationsschmerz?Schon in seinem folgenreichen Interview für Lettre International ein Jahr zuvor hatte Sarrazin gesagt: "Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtgeburten, und die füllen die Schulen und Klassen, darunter viele Kinder von Alleinerziehenden." Niemand hat wegen dieses Satzes einen Gutachter bemüht, wie es im Fall von Sarrazins Äußerungen über Migranten geschah. Alleinerziehende scheinen wehrlos zu sein. Sind sie zu beschäftigt, um das Bild zu korrigieren, das über sie verbreitet wird? Das des einsamen Vegetierens zwischen Depression und Billig-Discount? Die Mädchen verwahrlost, die Söhne kriminell?Nein, um Vorurteilen auf den harten Leib zu rücken, dafür schreibt man kein Buch. Das wäre zu freudlos. Und Empörung allein erspart keine Recherche. Sich mit der Familienform des Alleinerziehens auseinanderzusetzen, ist jedoch anregend. Es lohnt sich, weil Umbruchsituationen immer aufschlussreich sind. Die alleinerziehende Mutter, so wie sie heute noch schafft und sorgt, ist ein Auslaufmodell. Auch wenn ihr das selbst vielleicht nicht bewusst ist. Und den Vätern noch weniger. Wenn Väter sich ganz "aus der gemeinsamen Verantwortung ausklinken" - so hat es eine meiner Interviewpartnerinnen formuliert - dann bleibt ihr nichts anderes übrig, als Alleinversorgerin zu sein. Oder sollte sie sich genauso davonmachen wie er?Ich habe diese Frauen "Überleisterinnen" genannt. Alleinerziehend, berufstätig, kein Unterhalt. Eine unter ihnen, die OP-Schwester Jana R., war mit dem zweiten Kind im fünften Monat schwanger, als ihr Mann sie verließ. Per SMS. Vier Wochen zuvor hatte das Paar noch geheiratet. Fünf Jahre waren sie schon zusammen. Wer wann wie viel arbeitet, und wer bei den Kindern ist - alles hatten sie vorher besprochen. Vorbildlich, egalitär. Es nützte nichts. Nach der Trennung zog der Mann zu einer alten Liebe, aber auch die endete bald. Jana R. brachte ihre Tochter zur Welt, der ältere Bruder war damals drei. Ihn sah der Vater im ersten Jahr nach der Trennung ein, zwei Mal im Monat, dann brach er den Kontakt ab. Zu seiner Tochter baute er nie eine Beziehung auf. Seit mehreren Jahren nun meldet sich der Mann nicht mehr bei ihr und den Kindern. Unterhalt für die Kinder hat er noch nie bezahlt. Jana R. bekommt Unterhaltsvorschuss vom Jugendamt, 180 Euro für jedes Kind, 72 Monate lang. Das ist die gesetzlich festgelegte Dauer. Der Unterhaltsvorschuss für den elfjährigen Sohn fällt in einem Jahr weg. Das Jugendamt hat die Vormundschaft für die Unterhaltsforderungen der Kinder übernommen. Lange hat Jana R. gehofft, dass der Mann wieder "zur Besinnung kommt und seine Kinder sehen will". Er wollte nicht.Der Bruch in ihrem Leben liegt nun sieben Jahre zurück. Jana R. sagt: "Ich bin glücklich." Ihre Stimme passt zu diesem Satz. Wir verabreden uns an zwei Abenden zum Telefongespräch. Mehr ist nicht drin, Jana R. hat keine Zeit. Aber die Stimme bleibt dran, zwei Stunden lang. Sie lacht, sie redet, sie hört zu. Eine Frau, die mit sich im Lot ist, eine nachdenkliche, humorvolle Erzählerin. Es ist jeweils elf Uhr nachts. Gerade kam sie vom Spätdienst nach Hause, die Kinder schlafen. Eine Pädagogikstudentin hat sie nach dem Hort zu Hause betreut, mit ihnen gespielt, gegessen und sie ins Bett gebracht. Jana R. ist nicht müde, das Adrenalin kreist noch in ihren Adern. "Ich gebe zu, dass ich gerne arbeite. Ich freue mich auf meine Patienten. Und ich brauche auch die Momente, in denen es um Leben oder Tod geht. Ein normaler Bürojob ist für mich keine Option."Sie arbeitet in vier Schichten. Frühdienst von 6.30 Uhr bis 15.15 Uhr. Spätdienst von 14Uhr bis 22.30 Uhr. Nachtdienst von 21.30Uhr bis 7 Uhr. Zwischendienst von 10Uhr bis 18 Uhr. Zurzeit hat Jana R. zehn Mal im Monat Spätdienst. Oder alternativ dazu zehn Mal im Monat Nachtdienst. Das ist Pflicht. "Frühdienst und Zwischendienst kriege ich alleine abgedeckt. Wir stehen um sechs Uhr an der Schule, die Kinder gehen zur Frühbetreuung, bis nachmittags um 16 Uhr sind sie im Hort. Die anderen Dienste schaffe ich mit Hilfe einer Freundin und wenn etwas Unvorhergesehenes in der Klinik dazwischenkommt, mit dem Kinderbetreuungsdienst, den die Klinik anbietet."Dieser kostenlose Service, das betont dessen Leiterin ausdrücklich, ist nicht für die besonderen Bedürfnisse Alleinerziehender gedacht. Sondern für die besonderen Vorkommnisse in der Klinik. Ein großer Unterschied. "Wenn kein persönliches Netz für Kinderbetreuung existiert, kommen die Frauen ins Schleudern." Ein Satz, der für alle Alleinerziehenden gilt, für Frauen wie Jana R. aber besonders. Einmal im Monat arbeitet sie Samstag nachts. "Ich brauche die Wochenendzulage. Nur mit dem Grundgehalt (etwa 1500 Euro netto bei 30 Stunden Wochenarbeitszeit) wäre es eng." Mit den Kindern hat sie es so besprochen: "Wir verzichten einen Samstag im Monat nachts auf Mama. Dafür gibt's dann aber Tierpark, Kino, Restaurant."Auf Frauen wie Jana R. passt der Satz des Journalisten Patrik Schwarz: "Bis heute aber überdeckt die Stärke der anwesenden Frauen fast en passant die Schwäche der abwesenden Männer." Die Stärke der Frauen aber ist zwiespältig: Einerseits wird sie für selbstverständlich gehalten und auch ebenso selbstverständlich genutzt, andererseits fordert die Kraft und das Selbstbewusstsein dieser Frauen eine offen zur Schau getragene Aggression von Männern, aber auch von anders lebenden Frauen heraus. Die Väter- und Leserbriefforen im Internet sind inzwischen zur Arena eines Geschlechterkampfs geworden, in der Männer, die sich gekränkt fühlen, ihrem Hass freien Lauf lassen. Nicht selten mischen sich sexistische Töne in ihre Tiraden gegen die "Mütterlobby" und "Frau-konforme" Väter. Groß ist hier die Sehnsucht nach Zeiten, in denen Frauen noch Frauen und Männer noch Männer waren. Jede Rückkehr zu biologistischen Rollenmodellen aber ist der falsche Weg.Kaum jemand hat dies so eingehend betrachtet wie die französische Philosophin Elisabeth Badinter in ihrem Buch "Die Identität des Mannes". Im Kapitel "Der gute Vater: von der Mütterlichkeit zur Väterlichkeit" beschreibt sie Väter, die Babys und Kleinkinder genauso gut "bemuttern" konnten wie die Mütter selbst. "Bemuttern lernt man, indem man es praktiziert." Ihre Reflexionen über die Befähigung von Vätern auch mit Babys und kleinen Kindern allein umzugehen, sollten sich all jene vor Augen halten, die meinen, Väter seien von Natur aus nicht zu Säuglingspflege und Kleinkind-Betreuung geeignet.Die Rechtsprechung ist da schon viel weiter. Sie stellt Männer und Frauen als Eltern einander gleich. Die Rechtslage für Väter hat sich innerhalb der vergangenen zwölf Jahre in großen Schritten verbessert. Seit 1998 gilt nach Scheidungen grundsätzlich das gemeinsame Sorgerecht. Ledige Väter konnten das Sorgerecht ebenfalls seit 1998 mit der Mutter ihres Kindes über eine gemeinsame Sorgeerklärung ausüben, waren allerdings juristisch machtlos, wenn sie das Sorgerecht gegen den Willen der Mutter erlangen wollten. Das hat sich mit einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts am 2. August 2010 geändert. Nun brauchen die ledigen Väter nicht mehr die Zustimmung der Mutter. Wie sie das gemeinsame Sorgerecht erlangen - ob automatisch mit Anerkennung der Vaterschaft oder ob sie einen Antrag stellen müssen, das wird in den nächsten Monaten vom Gesetzgeber endgültig entschieden.Auch die Unterhaltsrechtsreform setzte neue Vorgaben für das Experiment Familie. Die Reform schaffte den nachehelichen Unterhalt weitgehend ab. Gestärkt wurden die "Zweitfamilie" und die "Eigenverantwortung". Das genuin westdeutsche Gespann aus Versorger und Gattin wird damit irgendwann aussterben. Die Gesetzgebung folgt dem Leitbild der egalitären Elternschaft. Das Prinzip "Einer zahlt, einer betreut" ist damit nahezu obsolet. Solange aber die "Sorgearbeit" - eigentlich ein schönes Wort - bei den Müttern bleibt, werden sie doppelte Einschnitte haben. Und nicht immer lassen die sich mit doppelten Freuden schönreden.Eine neue Frauengeneration scheint dazu nicht mehr bereit zu sein. Vor Kurzem erzählte mir eine junge Schauspielerin, sie habe sich mit dem Vater ihres Kindes auf eine 50-50-Regelung geeinigt. Das bedeute "fünfzig Prozent mehr Arbeit, fünfzig Prozent mehr Geld und fünfzig Prozent mehr Schlaf". Ein Bekannter findet das verwerflich. Eine Rabenmutter, natürlich. Gerade hat er sich von seiner Frau getrennt, die Kinder leben bei ihr, sie arbeitet voll. Das alte Modell inklusive Modernitätsschub der Frau bei gleichzeitiger Verhaltensstarre des Mannes.Anke Domscheit-Berg tappte nicht in die Falle. Aber sie hatte auch Glück. Der Vater ihres Sohnes klinkte sich in anderer Funktion wieder ein. Inzwischen hat sie fast das erreicht, was sie ursprünglich wollte: Elternsein ja, aber "paritätisch und egalitär". Zwei Wochen im Monat lebt der Sohn bei ihr und ihrem neuen Ehemann, zwei Wochen beim Vater und dessen neuer Frau. "Ich bin glücklich verheiratet, er ist glücklich verheiratet, und der Junge hat nun zwei glückliche Familien" , sagt sie. Ihr Thema ist längst ein anderes: Die karriereverhindernde "gläserne Decke". Und wie man sie mit weiblichen Netzwerken aufbricht. Anke Domscheit-Berg berät und trainiert jetzt Managerinnen.Christina Bylows Buch zu diesem Thema erscheint am 25. April im Gütersloher Verlagshaus: "Familienstand: Alleinerziehend. Plädoyer für eine starke Lebensform"; 176 Seiten, ca. 14,99 Euro.------------------------------Er hatte nichts dagegen, dass auch sie Karriere machte. "Aber wie du das hinkriegst, ist dein Problem."Alleinerziehen ist nichts für Feiglinge. Es erfordert Stärke. Auch die, Leute zu ertragen, die keine Ahnung haben und trotzdem darüber urteilen.