Da ist sich einer sicher - und irrt sich doch. "Ich habe Anfang der 50er meine ersten Auftritte in der Deutschlandhalle gehabt. Entweder in einer Berlin-Revue oder im Kabarett. Es ist deswegen für mich eine Tragödie, dass diese Halle abgerissen wird." Wolfgang Völz schiebt das Durcheinander mit den Jahreszahlen kokett auf Altersdemenz, er sei ja schon 78 Jahre alt. Wie auch immer: Anfang der 50er kann es nicht gewesen sein, die Deutschlandhalle wurde erst 1957 wieder aufgebaut. Und heute ist also der letzte Betriebstag für das Gemäuer auf dem Messegelände gekommen.Tatsächlich hat Völz, den viele als Stimme von Käpt'n Blaubär identifizieren, unter anderem in der Deutschlandhalle seine Karriere begonnen. Dort trat er mit den Stachelschweinen auf, aber auch in Zille-Revuen mit Brigitte Mira. Aus dieser Zeit gründet wohl seine Anhänglichkeit.Das hatte sich vor zwölf Jahren, kurz vor Schließung der Halle als Mehrzweckgebäude, bei ihm noch anders angehört. Es war Ende 1997, der Bundespräsident hieß Roman Herzog und suchte gerade eine Dienstwohnung, weil ihm Schloss Bellevue nicht genügte. Völz' Vorschlag: "Soll doch Familie Herzog hier (in die Deutschlandhalle) einziehen. Genug Platz wäre - hier lässt sich so mancher Herd aufstellen."So viel Biss ist von Völz heute nicht mehr zu hören. Dagegen "Melancholie und Schmerz", wie er es nennt. Letztlich berührt es eben auch den alten Spötter, wenn ein weiteres Stück Berliner Unterhaltungsgeschichte geschliffen wird. Übrigens: Mit dem Abriss des Sportpalastes in Schöneberg in den 70er-Jahren hatte Völz nie Probleme. "Der hatte für mich immer diesen Anklang: ,Wollt ihr den totalen Krieg?'. Das galt für die Deutschlandhalle nicht." Außerdem ist an der Pallasstraße auch nie der Schweizer Zirkus Knie mit einer gewissen Roswitha Völz aufgetreten, Wolfgang Völz' Frau seit 53 Jahren. "Die Deutschlandhalle war immer ein hübsches Erlebnis", sagt er.Weitaus prosaischer geht Sally Rothholz mit dem bevorstehenden Abriss um. Dabei war es der damalige Geschäftsführer, der am 31. Dezember 1997 nach Beendigung der x-ten Tournee von "Menschen, Tiere, Sensationen" die Deutschlandhalle als Mehrzweckhalle abgeschlossen hat. "Dabei gehörte sie mit ihrer Kapazität von bis zu 12 000 Besuchern zu den bedeutendsten Hallen im ganzen Land", sagt Rothholz. Durchaus stolz verweist er auf die Fußballturniere, die Militärmusik-Parade British Tattoo, Reitturniere, Eisshows und natürlich all die Konzerte von Pink Floyd bis Pavarotti. Mit besonderer Wärme erinnert sich Rothholz an das "Konzert für Berlin" am 12. November 1989, drei Tage nach dem Mauerfall, im Eichkamp. Bei freiem Eintritt spielten Musiker wie Nina Hagen, Udo Lindenberg, die Puhdys oder Joe Cocker. Den ganzen Tag über hörten damals etwa 50 000 Leute live zu. "Das war ganz großartig", schwärmt Rothholz noch heute.Weniger großartig war schon damals die Ausstattung. Die Akustik hielt internationalen Standards kaum mehr stand, die Holzbestuhlung tat es schon lange nicht mehr. Das Dach war überlastet, wenn etwa bei großen Rockkonzerten 50 Tonnen und schwerere Hängelasten dort angebracht werden sollten. Die Infrastruktur wie etwa die Pressezentren waren völlig veraltet. Trotzdem, sagt Sally Rothholz, der heute als Chef der Velomax die Max-Schmeling-Halle und das Velodrom führt, habe man damals alle Veranstaltungen gekriegt, die man haben wollte. Es gab keine Konkurrenz und West-Berlin war - trotz oder gerade wegen der Mauer - eine international gefragte Stadt.Fragt man Sally Rothholz, ob die Deutschlandhalle überhaupt je eine Chance hatte, das neue Berlin zu er- und überleben, so antwortet er mit einem Beispiel aus New York. Der Madison Square Garden, die Mutter aller Hallen, sei in ihrer annähernd hundertjährigen Geschichte mehrfach komplett neu gebaut worden. Und ist bis heute konkurrenzfähig.An die Deutschlandhalle klatschen demnächst die Abrissbirnen. Und dann klingt auch Sally Rothholz am Ende fast ein bisschen ehrfürchtig, wenn er sagt: "Die alte Dame hatte ihre große Zeit."------------------------------Haus mit TraditionDie Deutschlandhalle wurde am 29. November 1935 eingeweiht. Vor allem Sportveranstaltungen, große Shows sowie NSDAP-Massenveranstaltungen wurden durchgeführt. 1943 wurde das Gebäude durch Bomben zerstört.Nach Wiederaufbau fanden Shows und Sportveranstaltungen statt. Sie war auch West-Berlins größte Konzerthalle. Seit 1995 steht sie unter Denkmalschutz.Wegen Baufälligkeit wurde sie 1997 geschlossen und sollte abgerissen werden. Dann wurde sie aufwendig saniert, um sie nach dem Abriss der Eissporthalle Jafféstraße dem Eissport zur Verfügung zu stellen. Im Mai 2008 beschloss der Senat den Abriss und den Neubau einer Eissporthalle an der Glockenturmstraße.Heute findet eine Protestkundgebung statt, 15.30-21.45 Uhr, Jafféstraße/Messedamm (Parkplatz). Der ECC Preußen Juniors muss die Halle bis 15. Mai besenrein übergeben.------------------------------Foto: Die Deutschlandhalle ist seit 1995 ein Denkmal. Dennoch soll sie jetzt abgerissen werden.------------------------------Foto: 47 Mal traten die Tiere und Artisten des Zirkusshow-Klassikers "Menschen, Tiere, Sensationen" in der Deutschlandhalle auf.