Es werde doch wohl noch erlaubt sein, die Wahrheit zu sagen, sagt der Filmregisseur Florian Henckel von Donnersmarck im Flur des Berliner Landgerichts den anwesenden Journalisten. Sonst sei sein Vertrauen in den Rechtsstaat schwer erschüttert.Von Donnersmarck hat es sich nicht nehmen lassen, zu diesem Gerichtstermin in der Sache Gröllmann/Mühe zu kommen. Ulrich Mühe war schließlich sein Held in dem Film "Das Leben der Anderen". Er hat ihn interviewt für das Buch zum Film, und Mühe hat da gesagt, seine frühere Frau habe mit der Staatssicherheit zusammengearbeitet. Jenny Gröllmann, bekannte DDR-Schauspielerin, erklärte daraufhin eidesstattlich, sie habe das zu keiner Zeit wissentlich getan. Sie hat eine einstweilige Verfügung auf Unterlassung durchgesetzt, nun ist die Sache vor Gericht.Die Wahrheit und die Stasi-Akten. Meist, das hat die Erfahrung gezeigt, geht das ja zusammen. Es gibt IM-Verpflichtungserklärungen mit Unterschrift, und es gibt handgeschriebene Spitzelberichte. Hier liegt der Fall anders. Es gibt keine Unterschrift, und es gibt keine von Jenny Gröllmann geschriebenen Berichte - bei Künstlern und Intellektuellen verzichtete die Staatssicherheit in der Regel darauf.Aber es gibt die "Täter"-Akte "Jeanne", sie ist der weit kleinere Teil der Gröllmann-Akte, die überwiegend aus einem "Opfer"-Teil besteht. Das ist weitgehend unbekannt. "Jeanne" - ist das die Akte mit Berichten von Jenny Gröllmann an die Stasi, wie der Anwalt der Mühe-Partei behauptet? Oder ist es eine frei komponierte Akte, die der Stasi-Major Menge Anfang der Achtzigerjahre zusammenbastelte, weil er an Jenny Gröllmann nicht wirklich herankam, aber auf diese Trophäe nicht verzichten wollte? So argumentiert die Gröllmann-Partei. Was ist wahr?Anwalt Hegemann, ein Gerichtserfahrener Mann mit Professorentitel, ist sich sicher, die Akten ergäben ein stimmiges Bild. Unmöglich könne Menge den ganzen Vorgang erfunden haben. Hegemann stützt sich auf ein Gutachten von Wissenschaftlern aus dem Forschungsverbund SED-Diktatur an der FU. Sie haben die Akten bewertet.Stimmt so nicht, sagt Hardy Langer, Anwalt der Gröllmann-Partei, er spricht von einem Gefälligkeitsgutachten. Der Vorgang sei zwar nicht erfunden, denn schließlich gebe es ja die Akten. Aber was sage ihre Existenz über deren Wahrheitsgehalt? Der Ex-Stasi-Major Menge ist bereit, eidesstattlich zu erklären, er habe Frau Gröllmann ohne ihr Wissen als IM geführt. Auch habe er sie nur zwei, drei Mal getroffen, unter einer Kriminalisten-Legende, beteuert er heute.Jenny Gröllmanns Freunde haben ein Gegengutachten erarbeitet, auf das sich Anwalt Langer stützt. Sie haben recherchiert und herausgefunden, dass von den gut 20 Treffen mit "Jeanne", die in den Akten vermerkt sind, nachweislich fünf nicht stattgefunden haben können, weil Jenny Gröllmann zu dieser Zeit - es gibt ein exakt geführtes Bühnenbuch - im Maxim-Gorki-Theater gespielt hat. Ein schwerwiegendes Argument. Wenn diese fünf Treffen getürkt sind, warum könnten es nicht auch andere sein? Nicht Gröllmann-Berichte, sondern Menge-Berichte, zusammengestellt aus geöffneten Briefen, abgehörten Telefongesprächen, Berichten von anderen IM's, wie Anwalt Langer erklärt? Ein erfundener IM. Das wäre eine Sensation, sagt von Donnersmarck, und er hat Recht - das hat es so noch nicht gegeben. Donners-marck zweifelt daran.Was ist die Wahrheit? Es gibt ein ungedrucktes Interview für den "Spiegel" aus diesem Jahr. Jenny Gröllmanns erster Ehemann, ein Filmregisseur und IM, spricht darin von "uns" und "wir", was die Strategie für den Umgang der beiden mit "der Staatsmacht" betrifft. Für den Mühe-Anwalt ist das ein klares Indiz, dass beide wussten, mit wem sie sich da einlassen. Gröllmanns Erklärung, damals geglaubt zu haben, mit einem Kriminalisten zu sprechen, lässt er nicht gelten.Der Richter hat nun zu entscheiden, ob Ulrich Mühe weiter behaupten darf, dass Jenny Gröllmann wissentlich mit der Stasi zusammengearbeitet hat. Nur einige Details eines heute schwer zu rekapitulierenden Vorgangs können hier erwähnt werden. Aber sie lassen ahnen, dass es mit der Wahrheit komplizierter sein könnte, als es in den Akten steht.------------------------------Foto: Das Defa-Paar Ulrich Mühe (als Hölderlin) und Jenny Gröllmann (als Susette Gontard) in "Hälfte des Lebens", 1985