Die Apple-Top-Manager Jon Rubinstein und Phil Schiller über die Zukunft von iPods, Handys und Musikläden im Internet: "Es gibt keinen Toaster, der auch Kaffee brühen kann"

Herr Rubinstein, was heute der iPod ist, war einst der Walkman von Sony. Sony konnte insgesamt 340 Millionen Walkmen verkaufen. Wird der iPod nun zu einem ähnlichen Kassenschlager?Jon Rubinstein: Ich denke, Apple wird eine Menge mehr iPods verkaufen. Sonys Marktanteil bei Walkmen war nur kurze Zeit sehr hoch, dann ging er drastisch zurück.Warum sollte das beim iPod anders sein?Rubinstein: Weil der iPod erheblich schwerer zu kopieren ist als es der Walkman war. Es handelt sich schließlich um ein ganzes Ökosystem verschiedener Elemente, die genau aufeinander abgestimmt sind: Hardware, Software, unser iTunes-Musicstore im Internet. Das ist auch der Grund dafür, warum der iPod in den USA gut 40 Prozent vom Markt für digitale Mobilspieler hält und in Japan und Großbritannien sogar mehr als 50 Prozent. Der iPod bietet ein enormes Potenzial für Apple, weiter zu wachsen.Das heißt also, wir sollten jetzt alle Apple-Aktien kaufen ...Rubinstein (lacht): ... und noch mehr iPods.Sie verantworten das Geschäft mit dem mobilen Musikspieler iPod. Werden Sie damit künftig auch Chef der Mobiltelefonsparte von Apple sein?Rubinstein: Wie meinen Sie das?Es ist doch absehbar, dass digitaler Musikspieler, Kamera und Handy in einem Gerät verschmelzen. Künftig muss man dann keine drei Geräte mehr in die Hosentasche stecken, wenn man aus dem Haus geht, sondern nur noch eins.Rubinstein: Das nenne ich die große Vereinigungstheorie. Viele Firmen glauben daran. Ich persönlich aber nicht.Warum nicht?Rubinstein: Schauen Sie sich in Ihrer Küche um: Gibt es da etwa einen Toaster, der auch Kaffee brühen kann? Es gibt kein solches Kombinationsgerät, weil es nichts besser machen würde als ein einzelner Toaster oder eine einzelne Kaffeemaschine. Genau so verhält es sich auch mit dem iPod, den Digitalkameras oder dem Handy: Es ist wichtig, spezialisierte Geräte zu haben, die das, was sie machen sollen, auch wirklich gut können.Nun machen ja die Mobiltelefon-Hersteller gerade das Gegenteil: Nokia zum Beispiel ist längst auch zum weltgrößten Hersteller von Digitalkameras geworden.Rubinstein: Dennoch fotografieren die meisten Leute noch immer lieber mit ihrer Digitalkamera als mit dem Handy. Und das hat einen einfachen Grund: Digitalkameras machen einfach bessere Bilder.Vielleicht derzeit noch...Rubinstein: Das wird auch so bleiben. Ein Handy, ein iPod oder eine Digitalkamera besteht schließlich nicht nur aus elektronischen Bauteilen. Da gehört jeweils eine Menge spezieller Software dazu. Und dann muss das alles auch miteinander gut zusammenarbeiten.Sie erwarten also, dass es auch noch in zehn Jahren unterschiedliche Geräte für unterschiedliche Nutzungen geben wird?Rubinstein: Ja, davon bin ich überzeugt. IPod, Digitalkamera und Handy werden weiter separat nebeneinander existieren.Nun hat Apple gerade gemeinsam mit dem Mobiltelefonhersteller Motorola ein Handy herausgebracht, das Apples Musikabspielsoftware iTunes eingebaut hat. Ist das Gerät also nur ein Testfall?Rubinstein: Wir stehen bei der Integration von iTunes in Handys erst am Anfang. Wir werden sehen, wie es funktioniert. Es handelt sich aber bei dem Motorola-Mobiltelefon auf keinen Fall um einen Ersatz für den iPod. Auf das iTunes-Handy kann ich mir 100 Hits laden, die ich gerade besonders gerne höre. Mit dem iPod hingegen wird meine ganze Musiksammlung mobil.Apple hatte in den Neunzigerjahre mit dem "Newton" den Taschencomputer erfunden. Könnte der iPod nicht zu einem Taschencomputer ausgebaut werden?Phil Schiller: Taschencomputer wären kein gutes Geschäft für Apple. Das ist nur ein Nischenmarkt für einige spezialisierten Unternehmens-Anwendungen. Basisfunktionen von Taschencomputern wie Terminplaner und Adressverwaltung haben längst die meisten Handys miteingebaut ...Rubinstein: ... oder auch der iPod.Dennoch könnte man sich bei Taschencomputern einige praktische Details auch für Laptops abschauen. So sind berührungsempfindlichen Bildschirme doch eine bequeme Sache. Ist damit zu rechnen, dass Apple demnächst tragbare Computer mit diesen so genannten Touchscreens herausbringt?Schiller: Zu künftigen Produkten äußern wir uns grundsätzlich nie.Apple gehörte zu ersten Computerherstellern, die in ihre Geräte serienmäßig den WLAN-Kurzstrecken-Datenfunk eingebaut haben...Rubinstein: ... Ja, wir haben damals den WLAN-Markt für Privatkunden erst geöffnet ...Wird Apple nun ebenfalls die WLAN-Nachfolgetechnologie Wimax in seine Geräte einbauen - eine Technik, die drahtlose Datenübertragung über Distanzen von 30 Kilometern erlaubt?Rubinstein: Wir halten nicht viel von Wimax. Europas Mobilfunkfirmen haben gerade erst viel Geld für ihre UMTS-Netze ausgegeben. Auch in den USA ist es völlig unsicher, ob eine große Anzahl von Wimax-Netzen installiert wird.Schiller: WLAN hat durch seine Einführung ein Kernproblem vieler Privatleute und Firmen gelöst: Ohne Kabelsalat können sie sich seither in Büros oder zu Hause eine Hochgeschwindigkeits-Internetverbindung teilen. Und das bei geringen Anschaffungskosten. Wimax scheint hingegen vor allem für Telekommunikationsfirmen interessant zu sein, die damit große Distanzen kabellos überbrücken können.Anders als Apple setzen Konkurrenten wie Realnetworks beim Online-Vertrieb von Musik auf Abonnements: Einzelne Songs werden dabei nicht verkauft. Das gesamte Musikangebot wird stattdessen gegen eine monatliche Gebühr zum Abspielen bereit gestellt. Sind solche Streaming-Angebote nicht attraktiver für Kunden als Apples Internetladen-Konzept, bei dem jeder einzelne Song 99 Cent kostet?Schiller: Technisch wäre es für uns nicht schwer, auch solche Abonnements anzubieten. Wir glauben aber, dass unsere Kunden die Musik besitzen wollen, für die sie gezahlt haben. Wer bei den Abonnement-Diensten einmal vergisst, seine monatliche Gebühr zu zahlen, kann keine Musik mehr hören. Wir glauben hingegen, dass Kunden nur für Lieder zahlen wollen, die sie auch überall hin mitnehmen oder auf CD brennen können.Gespräch: Thomas H. Wendel------------------------------FührungszirkelJonathan Rubinstein und Philip W. Schiller gehören zum engsten Führungszirkel von Apple rund um Unternehmenschef Steven Paul Jobs.Rubinstein verantwortet das Geschäft mit dem mobilen digitalen Musikspieler iPod. Bevor er 1997 zu Apple kam, hatte er für die von Steve Jobs gegründete Software-Firma Next gearbeitet, in der die Grundlagen für das heutige Apple-Computer-Betriebssystem Mac OS X programmiert wurden.Schiller ist Welt-Marketingchef von Apple. In dieser Funktion war er maßgeblich beteiligt unter anderem an der Einführung der iMac- und iBook-Computerfamilien sowie Mac OS X.------------------------------Foto: Apple-Chef Steven Paul Jobs mit seinen Mitstreitern Jonathan Rubinstein und Philip W. Schiller (v. l.) kürzlich in Paris.