Schon kurz vor der Eröffnung um acht Uhr drängten sich am Mittwoch um die tausend Besucher vor dem Eingang der "Schönhauser Allee Arcaden". "Und der Strom riß nicht mehr ab", sagte Centermanager Konrad Wachsmuth am Nachmittag. "Bis zum Abend erwarten wir an die 30 000 Leute." Das neue Einkaufscenter an der ehemals besten Einkaufsstraße in Prenzlauer Berg ist werbewirksam eröffnet worden: Schlangen bunter Ballons flatterten im Freien, die Feuerwehr spielte und Bezirksbürgermeister Reinhard Kraetzer zerschnitt das blaue Band. Das Management zeigte sich am Eröffnungstag hoch zufrieden.95 der 99 Läden im Center haben bereits geöffnet. Die Passagen sind der erwartete Kundenmagnet in der Schönhauser Allee. Viele Einzelhändler aus der Straße haben darauf früh reagiert. "An unserem früheren Standort an der Schönhauser Allee haben wir keine Zukunft mehr gesehen", sagt Karsten Renner. Deshalb ist er mit seinem Sportgeschäft "Bumerang" in die "Arcaden" umgezogen. Auch zwei Jeansläden, ein Schuhgeschäft, ein Reisebüro und die Post verlagerten ihren Standort ins neue Einkaufszentrum. Sie begründen ihren Umzug ähnlich wie André Peste vom Sanitätshaus Seeger, der ins Untergeschoß der neuen Mall eingezogen ist: "Wir nutzen die Magnetwirkung."Renner ist überzeugt: Wenn alle Kunden in die "Arcaden" strömten, bliebe für die übrigen Geschäfte wenig Publikum übrig. "Für die Läden jenseits der Stargarder Straße auf der einen Seite und der Wichertstraße auf der anderen Seite bedeutet die Eröffnung der Arcaden nur eine noch größere Verschlechterung."Billigdiscounter und BankenBereits jetzt wertet Horst Faber, Vorsitzender des Landesverbands Groß- und Einzelhandel, die Situation der Händler an der Schönhauser Allee als "trostlos". Es gebe wenig Vielfalt, vorherrschend seien Billigdiscounter und Banken. Außerdem würde kaum gute Gastronomie zu einem Bummel auf der Allee einladen. "Der Leerstand der Läden ist schon jetzt enorm", sagt Faber. Auf der gesamten Allee seien schätzungsweise 20 bis 25 Prozent der Geschäfte nicht mehr vermietet. In den Arcaden dagegen sind nach Auskunft des Centermanagements 98 Prozent der Verkaufsfläche vergeben. Der Verbandsvorsitzende Faber sieht die Errichtung des Einkaufszentrums mit Sorge. "Jeder neue Quadratmeter Verkaufsfläche zerstört den Einzelhandel. Und mit dem Einzelhandel stirbt der Kiez."Heinz Rothholz führt ein kleines Juweliergeschäft wenige hundert Meter vom neuen Einkaufszentrum entfernt. Er sieht die Eröffnung der "Arcaden" mit Gelassenheit. Ein gut sortiertes Fachgeschäft mit freundlicher Bedienung brauche sich keine Sorgen machen. "Ich bin Kiez-Juwelier, zu mir kommen die Leute, um Guten Tag zu sagen und zu plaudern." Rothholz glaubt, daß durch die Eröffnung des Centers zunächst eine kurze "Durststrecke", dann aber eine Belebung für die Schönhauser Allee zu erwarten sei. "Die Allee wird bestimmt keine tote Straße.""Mieten an der oberen Grenze" Auch für das Niveau der umliegenden Ladenmieten rechnet der Juwelier nicht mit Veränderungen. "Die Kaltmieten auf der Schönhauser Allee liegen zwischen 40 und 70 Mark pro Quadratmeter, die Höchstgrenze ist hier bereits erreicht." Das Mietniveau in den "Arcaden" ist dagegen deutlich höher. Je nach Größenordnung, Art und Lage im Einkaufszentrum liegen die Ladenmieten zwischen 40 und 150 Mark pro Quadratmeter.Auf der Schönhauser Allee rund um das Center hat sich in den vergangenen Wochen einiges verändert. "Uhren Weist", der seit 1910 auf der Allee ansässig war, schloß zu Weihnachten. Das Modehaus "Boeldicke" machte im Februar zu und zog in das Einkaufszentrum am Gesundbrunnen. Das Mode-Kaufhaus "Gewa" hat seinen Sitz gleich vis-à-vis der "Arcaden". Im Oktober wäre das Haus 50 Jahre alt geworden. Nun wird der Familienbetrieb noch vor dem Jubiläum geschlossen. Die Enkelin des Geschäftsgründers, die heutige Inhaberin Angelika Vergels, hätte gemeinsam mit ihrem Laden den 50. Geburtstag gefeiert.