Wer von Königen des biblischen Israels spricht, meint zuerst David und Salomo. Beide erscheinen in der Bibel als Idealgestalten, die auf großartige Weise ein großartiges Reich begründet und regiert haben sollen. David ist noch ein Kriegsheld, Salomo ist schon ein Friedenskönig. Der eine macht Jerusalem zur Hauptstadt, der andere baut dort den Tempel. Der eine ist (fast) vorbildlich im Gehorsam gegen Gottes Gesetz, der andere ist unübertroffen an Weisheit. Als Historiker müsste man ihr Wirken in das 10. Jahrhundert v. Chr. datieren. Nach Salomos Tod kommt dann der biblischen Überlieferung zufolge die politische Krise, das Großreich zerfällt in zwei Teile. In Jerusalem regiert die Dynastie Davids über das Königreich Juda, während im Norden Judas das abtrünnige Königreich Israel entsteht.Die Bibelwissenschaft weiß seit langem, dass dieses biblische Bild von Glanz und Gloria unter David und Salomo das Werk einer Schreiberschule ist, die erst im späten 7. Jahrhundert, in der Zeit des Königs Joschija, entstand und mehrere Generationen hindurch die literarischen Traditionen des Alten Testaments gestaltete. Auch die Archäologie kann keine bedeutenden architektonischen Spuren einer Herrschaft Davids und Salomos nachweisen. Die Archäologen Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman ziehen jetzt die historischen Konsequenzen aus diesem Wissen und entwerfen, wie es im englischen Originaltitel heißt, eine neue archäologisch begründete Sicht des alten Israels und des Ursprungs seiner heiligen Texte. Wenn das biblische Bild der beiden Könige weitgehend als ein theologisches Lehrstück späterer Schreiber zu verstehen ist, dann muss die Frage nach dem Anfang der politischen Entwicklung des antiken Israels neu beantwortet werden. Ihr Buch ist dabei nicht als simple Zerstörung biblischer Mythen zu lesen - wie es der deutsche Titel "Keine Posaunen vor Jericho" nahe legt -, sondern es ist ein konstruktiver Beitrag zu einer archäologisch fundierten Geschichtsschreibung. Das zeigt sich vor allem an den Kapiteln über den israelitischen König Omri (884-873 v. Chr.) und den judäischen König Joschija (639-609 v. Chr.). Zwar hat man keinen Anlass, die Existenz Davids zu bezweifeln, aber man kann sich sein Herrschaftsgebiet nicht klein genug vorstellen. Eine wirkliche Form von Staatlichkeit wurde zuerst im Norden (Königreich Israel) ausgebildet; der Süden (Königreich Juda) folgte nach. Nicht David und Salomo, wie es die biblische Sicht will, sondern Omri hat also als israelitischer König Staatlichkeit zuerst begründet. Demgegenüber kann die spätere Herrschaft Joschijas durchaus im Sinne der biblischen Sicht als der Höhepunkt der judäischen Königszeit gelten.Kaum jemand könnte kompetenter über diese Fragen schreiben als Finkelstein, Direktor des Archäologischen Instituts der Universität Tel Aviv, und Silberman, der geübte Vermittler von archäologischen Erkenntnissen, dessen eleganter Stil auch noch in der Übersetzung erkennbar bleibt. Die archäologische Basis für ihre Sicht der Dinge ist die Erforschung der Siedlungsgeschichte der Region. Archäologen wollen wissen, zu welchen Zeiten und in welcher Dichte bestimmte Gebiete besiedelt waren, was die wirtschaftliche Existenzgrundlage der Bewohner war, ob und wie ihre Ortschaften befestigt waren und wann sie zerstört und wieder aufgebaut wurden. Sie fragen, ob Bauformen regional typische Eigenheiten aufweisen und ob Keramikfunde kulturelle Beziehungen erschließen lassen. Spektakuläre Einzelfunde oder Inschriften sind für Archäologen in Israel die Ausnahme. Finkelstein und Silberman sehen nach jahrzehntelanger Arbeit zahlreicher internationaler Teams die Zeit für eine Synthese gekommen.Für Omri und seine Nachfolger bringen sie die Bibel in diesem Zusammenhang neu zur Sprache. Zwar konnte man schon immer lesen, dass Omri die israelitische Residenzstadt Samaria begründet hatte und dass sein Sohn Ahab mit einer phönizischen Prinzessin verheiratet war (1. Buch Könige, 16). Doch im Schatten des fiktiven Großreichs Davids und Salomos hat man das zu wenig beachtet - Omris Königreich wurde "vergessen", weil es durch politischen Aufruhr und religiöse Abgötterei zu Stande gekommen sein sollte und weil die Dynastie der Omriden in einer prophetisch unterstützten Revolte endete (2. Buch Könige, 9-10). Hinzu kommt, dass das Königreich (Nord-) Israel schon 722 v. Chr. durch die Assyrer zerstört wurde und in der Bibel nur judäische Schreiber das Wort haben - denn Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem überstand den Ansturm der Assyrer und erlebte im späten 7. Jahrhundert eine kulturelle Blütezeit.Finkelstein und Silberman rücken deshalb in ihrer Darstellung den König Joschija in das Licht, in das die biblischen Schreiber selbst David und Salomo gesetzt hatten. Das ist eine wissenschaftlich ernst zu nehmende Entscheidung. Denn unter Joschija fand der Glaube Israels eine Gestalt in Schriften, die den Fortbestand der Identität Israels garantierten. Das wurde besonders wichtig, nachdem im Jahre 586 v. Chr. die Residenzstadt Jerusalem mitsamt Palast und Tempel durch die Babylonier zerstört worden war. Erst nach dem Ende der Königszeit wurde so der Glaube Israels zu einer Buchreligion. An einer Stelle deuten Finkelstein und Silberman dazu sogar eine Analogie zwischen den Schriften der Joschijazeit und dem Neuen Testament an: So wie der Reformkönig Joschija durch eine ausländische Macht, den ägyptischen Pharao Necho, zu Tode kam (2Kön 23), so kam der Reformprediger Jesus durch eine ausländische Besatzungsmacht, die Römer, zu Tode. Die großen Impulse, die beide Gestalten der Geschichte Israels gegeben hatten, wurden von Schreiberschulen weiter vermittelt.Als Historiker wenden sich Finkelstein und Silberman jedoch weniger der Nachgeschichte als noch weiter der Vergangenheit vor der Königszeit zu. Ausgrabungen in Israel führen an vielen Orten zu Zeugnissen menschlicher Kultur, die tief in das 2. Jahrtausend v. Chr., die so genannte Bronzezeit, zurückreichen. Mit Spannung liest man also das Kapitel "Wer waren die Israeliten?", um eigentlich ohne Überraschung das archäologische Ergebnis zu notieren: "Die meisten Israeliten kamen nicht von außen nach Kanaan - sondern aus seiner Mitte heraus." Das gegenteilige Bild in der biblischen Überlieferung, das jedem Bibelleser geradezu überwältigend vor Augen tritt, ist zum größten Teil keine Geschichtsdarstellung, sondern eine Lehrerzählung.An diesem Punkt hat der Beck-Verlag das Buch gründlich missverstanden. Zwar haben Finkelstein und Silberman drei Kapitel über die Wanderungen der Erzväter, den Auszug aus Ägypten und die Eroberung von Kanaan an den Anfang gestellt; aber diese Darstellung ist gerade nicht das neue, interessante an ihrem Buch. Dass etwa die Eroberung von Jericho nicht wie in der Bibel beschrieben stattgefunden haben kann, weil Jerichos Mauern längst in Ruinen lagen, ist allgemein bekannt. Wer wie der Verlag ein Buch über Omri und Joschija unter den Titel "Keine Posaunen vor Jericho" stellt, hat den Fortschritt der modernen Debatte über die Geschichte Israels verschlafen. Soll die Titelwahl dem Leser suggerieren, dass die Wahrheit der Bibel in Informationen über Stadtmauern und Stadttore zu suchen sei? Das wäre ein Witz bei einem literarischen Werk, das mit Worten und Vorstellungsbildern und nur manchmal auch mit echten Erinnerungen dem Glauben Israels bleibenden Ausdruck verliehen hat.Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman: Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. Aus dem Englischen von Miriam Magall, C. H. Beck, München 2002. 381 S. , 27 Karten u. Abb. , 26,90 Euro.AKG/JEAN-LOUIS NO Pfeilergebäude aus der Zeit König Ahabs (871-852 v. Chr) in Tel Hazor, Nordgaliläa, Israel, Foto von 1990