Mercedes Sosa, die große Stimme Argentiniens, wurde geboren am 9. Juli, dem Nationalfeiertag ihres Landes, in Tucuman, der Stadt der Unabhängigkeitserklärung", behaupten Ihre Biografen. Verzeihen Sie meinen Zweifel, Frau Sosa: Ist das nicht ein bisschen viel des Zufalls? Aber ich bin wirklich in Tucuman zur Welt gekommen - am 9. Juli 1935, früh um sechs Uhr, wie meine Mutter erzählte. An diesem Tag um diese Stunde werden in Tucuman traditionell 21 Kanonenschüsse abgefeuert. Meine Mutter soll damals gesagt haben: Aus diesem Mädchen wird etwas Großes, wenn seine Geburt so begrüßt wird. Was war Ihre Mutter für eine Frau?Eine sehr, sehr starke Frau. Sie hat uns alle durchgebracht, meinen Vater, meine Geschwister, mich. Dass wir unter der peronistischen Regierung ein Haus bekamen im Barrio Jardín in Tucuman, das hat sie erreicht. Wir waren ja alle Peronisten. Ihre Mutter hatte französische Vorfahren, Ihr Vater indianische Wurzeln, heißt es. Stimmt das?Ja, es stimmt. Meine Großeltern kamen aus Matara in der Provinz Santiago del Estero. Leider hat meine Großmutter uns nie ihre Sprache, das Ketschua, beigebracht. Erst als sie im Sterben lag, hat sie plötzlich Ketschua gesprochen. Sie ist zurückgekehrt zu ihrer Kindheit, ihrer Jugend. Damals haben meine Geschwister und ich erfahren, dass wir Indianer sind.Bedeutet es Ihnen etwas, indianisches Blut in den Adern zu haben? Vor zwei Jahren haben Reporter der Zeitung Clarín in der Provinz Formosa einen Bericht über die dortigen Indianer geschrieben und sie auch gefragt: Kennen Sie Mercedes Sosa? Ein wenig, antwortete eine der Frauen, aber ich weiß, dass sie eine von uns ist. Wenn ich merke, dass sie in meinen Liedern etwas finden, das ihnen hilft, dann verspüre ich Stolz darauf, Indianerin zu sein. Sie kommen aus sehr armen Verhältnissen, das Idol der Peronisten aber war eine aufgedonnerte Frau, behängt mit Schmuck und edlen Pelzen: Peróns Frau Eva Duarte, Evita. Kam sie Ihnen nicht sehr fremd vor? Ja, sicher, aber den Peronisten gefiel das: all der Luxus, der Glanz, die Geschmeide, die Kleider von Christian Dior - es war wunderbar, sie anzuschauen. Das Volk ist immer arm gewesen, aber in Evita hatte es eine Göttin. Und eine Göttin kritisiert man nicht. Sie machten diese Vergötterung mit? Aber natürlich, ich war doch jung. Und ich war Peronistin wie meine Eltern. Keine Parteiaktivistin, wir sind nie in die Parteilokale gegangen. Aber wir empfanden viel für Perón und vor allem für Evita. Wir bewunderten sie für ihre unvergleichliche Schönheit und für ihre Kraft. Bedenken Sie, Evita war erst 33, als sie starb. Und welche Kämpfe hatte sie geführt! Perón wäre nie an die Macht gekommen ohne sie. Als Evita starb, haben wir alle geweint. Wir haben sie sehr geliebt. Blicken Sie mit einem halben Jahrhundert Abstand anders auf Evita? Ich denke, Evita war eine wirkliche Revolutionärin in ihrer Zeit. Schon dass sie sich diese Luxuskleider anzog und diesen wunderbaren Schmuck trug, war eine Revolution. Was soll revolutionär daran sein, sich luxuriös anzuziehen? Evita zog diese Sachen an - und zog sie wieder aus, trat in den allereinfachsten Sachen auf. Das war tatsächlich ein großer Auftritt, sie war ja Schauspielerin. Evita hat das Volk wirklich geliebt. Die Bewunderung des Volkes für sie war so groß, dass es ihr alles andere verzieh. Die Rechten aber hassten sie, wie sie niemals jemanden gehasst hatten. Am Tag, als sie starb, haben sie Blumen gestreut vor lauter Freude. Sie wuchsen auf im Nordwesten Argentiniens, einer Welt der Folklore. Wie verlief Ihre Annäherung an die Musik von Buenos Aires, den Tango, als Sie in die Hauptstadt kamen? In die Welt des Tangos bin ich nur ganz langsam eingetreten. Mir gefiel der Tango damals nicht, weil ich ihn nicht verstand. So richtig begann ich erst Jahrzehnte später, im Exil, Tangos zu singen. Das ganze Wesen der Tango-Musiker ist mir aber eigentlich bis heute fremd geblieben. Ich singe jetzt "Gricel", einen Tango über eine Frau, die in Capilla del Monte in der Provinz Córdoba gelebt hat: Er küsst sie, heißt es da - eine Umschreibung dafür, dass sie miteinander ins Bett gingen -, dann verlässt er sie für immer, und dann weint er ihr nach. Ich verstehe bis heute nicht, warum er sie verlässt. Ich singe "Gricel" nur wegen der Schönheit der Musik. Der Tango ist vergleichsweise noch sehr jung. Wie viel Zeit muss vergehen, bis man ihn zur Folklore rechnen kann?Er ist heute schon Folklore. Folklore ist daran zu erkennen, dass ein Lied keinen Komponisten hat oder dass man ihn nicht mehr kennt, aber sein Lied kennt. Folklore ist die gesungene Weisheit eines Volkes. Tango ist Desillusion: "Wir können, mein verrückter Bruder, Gott nicht mehr hinter der nächsten Straßenecke suchen", singen Sie, "man hat ihn entführt, und niemand zahlt sein Lösegeld ."Das stammt von Eladia Blazquez. Er schrieb diesen Tango 1973, zu einer Zeit, als auf offener Straße Menschen umgebracht wurden. Ein wunderbares Lied. Drei Jahre später putschte das Militär. 30 000 Argentinier wurden von Armee, Poli- zei und Todesschwadronen umgebracht, weil sie Linke waren oder dafür gehalten wurden. Dass auch Sie eine Linke waren, war bekannt. Sind Sie jemals direkt bedroht worden?Schon vor dem Putsch schickte mir die "Triple A", die Antikommunistische Allianz Argentiniens, einen Brief ins Teatro Estrella in Buenos Aires: Ich müsse binnen vier Tagen das Land verlassen. Bis dahin war ich jeden Tag spazieren gegangen, aber jetzt lag ich da, wusste nicht, was ich tun sollte. Pocho, mein Mann, der damals noch lebte, sagte: Steh auf, steh auf, lass uns an die frische Luft gehen, sie werden nicht erreichen, was sie wollen. Es war ein Sonnabend, ich werde es nie vergessen. Wir gingen also los, die Straße Carlos Pellegrini entlang bis zur Córdoba und zurück, und auf diesem Spaziergang lernten wir, was Angst ist. Dann ging es doch weiter, ich ging auf Tournee, nach Ecuador, nach Japan, kam zurück, und ich glaubte allmählich, mir würde nichts passieren. Bis zu meiner Verhaftung 1978. Von da an blieben sie mir auf den Fersen. Wie kam es zu der Verhaftung?Ich trat damals im Studentenclub der Veterinärmediziner in La Plata auf. La Plata mit seiner Universität war die röteste Stadt Argentiniens - rot von all dem Blut, das dort geflossen ist. Auf dem Campus, in den Wäldern, überall lagen jeden Morgen die Leichen. Wenn Pocho damals noch am Leben gewesen wäre, er hätte nie zugelassen, dass ich nach La Plata fahre. Doch Jorgito, der Neffe eines Freundes, studierte dort, das fünfte Studienjahr sammelte Geld, um im sechsten Studienjahr nach Europa reisen zu können, und ich wollte den Jungs helfen. Ich hatte gerade "Cuando tenga la tierra" gesungen . . "Wenn ich die Erde habe", ein Lied für die Agrarreform .. da stürmten Militär und Polizei herein. Und ich schwöre Ihnen: Ich bin diesen Leuten dankbar, dass sie damals meinen Sohn am Leben gelassen haben. Fabian sprang auf die Bühne, um mich in Sicherheit zu bringen und mir die Demütigungen zu ersparen, die folgen sollten. Wir rannten nach hinten, Olga, die bis heute meine Managerin ist, brühte gerade Mate-Tee auf und fragte: Mercedes, willst du einen Mate?, und ich sagte: Was redest du von Mate, die Milicos sind da. Und dann kamen sie auch schon. 18 Stunden war ich in ihrer Gewalt. Wie kamen Sie wieder frei?Olga war zum Glück nicht mit festgenommen worden. Sie besorgte Geld für einen Anwalt, der hat mich dann herausgeholt. 1 000 Dollar wollte er dafür von mir haben, denn er sagte, das würde ein roter Fleck in seiner Akte bleiben. Was hätte ich ihm sagen sollen? Es war eine sehr schwierige Zeit, niemand wollte irgendetwas riskieren. Hatten Sie die Gefahr nicht gespürt? Mir war doch nie etwas passiert. Die Militärs wussten, dass ich nicht zur Guerilla gehörte, sondern dass ich Kommunistin war. Das war weniger schlimm?Was soll ich sagen? Auch Trotzkistin wurde ich eine Weile genannt, und dabei hatte ich keine Ahnung, wer dieser Trotzki überhaupt war. Ich war einigermaßen naiv in diesen Dingen, fast würde ich sagen: ich war in einer Weise Kommunistin, wie ich als Jugendliche Peronistin war. Die Militärs wussten das. Das hat Ihnen das Leben gerettet. Ja, bestimmt. Ich würde sogar sagen, die Militärs mochten mich und meine Musik. Obwohl Sie Lieder sangen, die in Aufrufen zur Revolution gipfelten, Lieder, die . . wie Kugeln waren? Ja, natürlich, und ich will auch gar nicht behaupten, ich sei die Unschuld vom Lande gewesen. Natürlich wussten auch die Militärs, was meine Anwesenheit bewirkte. Deshalb jagten sie mich ja auch aus dem Land. Am 2. Februar 1979 flog ich los, am 3. Februar kam ich in Madrid an. Wie haben Sie das Exil erlebt? Ich habe entsetzlich gelitten. Das Exil ist eine Strafe, die schlimmste aller Strafen. Mein Sohn hatte mir noch geholfen, von Madrid nach Paris zu kommen und dort eine Wohnung zu finden. An dem Tag, als er zurückflog nach Argentinien, blieb ich allein zurück. Ganz allein. Die schlimmste Einsamkeit, die Sie sich vorstellen können. Und mich quälten nicht Geldsorgen. Als ich ankam, hatte ich ein Dollarkonto in Madrid - ich hatte nie zuvor Dollar gesehen. Als ich zum ersten Mal auf der Bank diese grünen Scheine sah, verspürte ich Brechreiz. Ich fühlte so viel Hass. Ich konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass man mich jetzt in Dollar dafür bezahlte, dass ich sang. Ihre Rückkehr aus dem Exil wurde zur Legende.Das war 1982, noch vor dem Krieg um die Malwinen, die Falkland-Inseln. 13 Konzerte in sieben Tagen habe ich gegeben, es war ein einziger Wahnsinn. Damals waren noch die Militärs an der Macht, niemand wusste, was passieren konnte. Ich erinnere mich, wie ich - es war ein Sonnabend - "La carta" gesungen habe , das Lied von Violeta Parra, in dem sie die Verhaftung ihres Bruders beschreibt, der an einem Streik teilgenommen hatte. Die Leute sprangen auf, sie waren völlig außer sich, viele weinten. Es waren auch eine Unmenge von Polizisten da, und die kamen und sagten: Wenn Sie beim nächsten Mal wieder "La carta" singen, lösen wir die Versammlung auf. Und dann kamen sie alle, der Veranstalter, die Freunde, mein Sohn, alle blass im Gesicht, und alle sagten: Bitte, tu s nicht, nicht noch einmal "La carta". Ein wunderbares Lied, aber sie haben es mich nicht mehr singen lassen. Ein Mitschnitt von diesen Konzerten ist später als Schallplatte veröffentlicht worden. Sie wirken darauf unglaublich stark, als ob nichts Ihnen etwas anhaben könnte. Ich weiß nicht, wie dieser Eindruck zu Stande gekommen sein kann. Ich selbst fühlte mich sehr, sehr schwach. Nach Ihrer Rückkehr aus dem Exil haben Sie sich politisch sehr engagiert: für Präsident Raúl Alfonsín, der die Junta-Generäle vor Gericht brachte, für die Mütter der Plaza de Mayo, die Auskunft über das Schicksal ihrer verschwundenen Kinder forderten. Welche politischen Verpflichtungen haben Sie im heutigen Argentinien? Keine. Haben Sie noch politische Utopien?Jeder hat Utopien. Welche hat Mercedes Sosa?Ich habe die Utopie, dass jeder Mensch zu essen hat, jeder Mensch sich kleiden kann, jeder Mensch eine Wohnung hat, in der es sich leben lässt. Dass die Elendssiedlungen verschwinden. Dass der Arbeiter stolz sein kann auf seine Arbeit, stolz darauf, ein Arbeiter zu sein. Das ist eine Utopie in Argentinien, nachdem Präsident Menem und so viele Leute so lange Zeit damit beschäftigt waren, das Land zu zerstören. Es wird viel Kraft kosten, Argentinien wieder aufzurichten. Aber wenn der neue Präsident Kirchner Festigkeit zeigt, wird es ihm gelingen. Néstor Kirchners Vorgänger Duhalde hat gesagt: "Die politische Klasse Argentiniens ist eine Scheiße, und ich gehöre zu ihr." Ist Kirchner für Sie die große Ausnahme?Kirchners Politik ist keine Scheiße. Es ist ein Segen für Argentinien, dass er die letzte Wahl gewonnen hat und nicht Carlos Menem. Kirchner hat dieser ganzen Frivolität ein Ende gesetzt. Denken Sie sich: Menems neue Frau, diese Cecilia Bolocco, hat, als sie schwanger wurde, 50 000 Dollar kassiert, weil sie im Fernsehen ihren Bauch gezeigt hat. Weil sie ihren Bauch gezeigt hat! Diese Leute haben kein Schamgefühl. Wenn sie dafür 50 000 Dollar einstreichen - stellen Sie sich vor, was diese Leute gemacht hätten, wenn sie wieder an die Macht gekommen wären. Sie haben für Kirchner gestimmt?Ja. Kirchner ist doch zumindest ein denkender Mensch. Er hat die Mütter von der Plaza de Mayo empfangen, sogar die Piqueteros, die Arbeitslosen, die immer wieder Straßenblockaden errichten. Nach allem, was wir in den letzten zehn Jahren erleben mussten, scheint uns das alles noch fast wie ein Traum. Auf Ihrer neuen CD "Acústico" singen Sie wieder ein Lied, das Sie schon vor 30 Jahren aufgenommen hatten: "Bruder, gib mir deine Hand." Es endet mit der Zeile: "Schlag die Trommel, denn es naht die Revolution." Welche Revolution soll denn heute nahen? Das Lied ist für mich nur eine Erinnerung an 1973, eine Hommage, wenn Sie so wollen. Ich muss nicht immer hinter jedem Wort eines Textes stehen, um ein Lied singen zu können. Sie rühren aber mit einem solchen Lied ganz bewusst an einem bestimmten Nerv beim Zuhörer. Ein Lied ist nur ein Lied. Es ist nicht die Wirklichkeit. Lieder und Wirklichkeit sind immer zwei verschiedene Dinge. Sie vergleichen doch auch nicht eine Seifenoper mit dem wirklichen Leben der Leute. Also keine Revolution. Und "Bruder, gib mir deine Hand"?Wissen Sie, in Buenos Aires gibt es ein Viertel Bajo Flores, wo fast nur Bolivianer und Peruaner ohne Papiere leben. Sie hatten eine eigene kleine Radiostation, die ist ihnen abgefackelt worden. Ich habe meinem Sohn Geld gegeben, damit er den Leuten dort einen neuen Sender kaufen kann. Auch die Volksküche in Bajo Flores habe ich unterstützt. Was die Leute aber am dringendsten brauchen, ist eine Möglichkeit, sich ihr Leben selbst zu verdienen. Andere haben ihnen Stoff und Nähmaschinen für eine Schneiderwerkstatt geschenkt, ich habe Geld gegeben, damit sie eine Ravioli-Fabrik aufbauen können. Barmherzige Spenden bewirken nur, dass arme Menschen in ihrer Armut weiterexistieren können. Wir müssen aber Arbeit schaffen. Nur Arbeit verleiht dem Leben Würde. Sie singen Lieder der Kubaner Pablo Milanés und Silvio Rodríguez, die - ungeachtet aller Kritik im Einzelnen - für die kubanische Regierung eintreten. Sie singen aber nichts von Gloria Estefan . Möge der Herrgott mich beschützen! . der Exilkubanerin. Gibt es dafür auch politische Motive?Zuallererst ist das eine Frage der künstlerischen Qualität. Und was das Politische angeht: Haben Sie eine ungefähre Ahnung, wie sehr die Kubaner in den USA die beiden Jungs hassen, nur weil sie in Kuba leben und singen? In Los Angeles hat mich eine Frau beschimpft wie eine Hündin, weil ich Lieder von den beiden sang. Ich setze keinen Fuß mehr in diese Stadt. Und als ich zuletzt in Miami war, haben sie mir sogar mein Glas Wasser gestohlen. Es ist unglaublich. In Kuba sind im April drei Männer hingerichtet worden, die eine Fähre entführt hatten, um in die USA zu gelangen. Ja, und anschließend ist Fidel in Argentinien gewesen und hat die Erschießungen verteidigt. Ich denke, er hätte den Mund halten sollen. Der Tod von niemandem ist zu rechtfertigen. Viele junge Leute in Lateinamerika sind gestorben für die kubanische Revolution, unter ihnen der Größte von uns allen, Che Guevara. Ich sage wie José Saramago: Bis hierher reicht meine Liebe, aber nicht weiter. Es tut mir sehr weh, was dort geschehen ist. Aber mit Fidel ist es eine merkwürdige Sache. Er wird so sehr geliebt, in Paraguay, in Uruguay, in Chile, überall. Als er in Buenos Aires war und auf der Treppe der juristischen Fakultät gesprochen hat, kamen 20 000 oder noch mehr Leute, um ihn zu hören. Man hat für die Menschenmenge die Avenida Figueroa Alcorta komplett absperren müssen, eine der wichtigsten Ausfallstraßen. Und niemand hat protestiert. Im Fernsehen in Miami habe ich gesagt: Fidel wird wirklich geliebt, Fidel ist wie der Papst. Das werden sie mir dort nie verzeihen. Sie waren in Miami, um für Ihre jüngste CD Ihren zweiten Grammy entgegenzunehmen. Ja, ich war überrascht über die Ehrung, denn ich bin weit weg von dieser Welt der Preise. Worauf es ankommt, ist ohnehin, was man singt und wie man es singt. So einen Preis bekommt man, man freut sich gebührend, stellt ihn ins Regal - und Chau. Was wirklich zählt, ist nur der Applaus des Publikums, die Liebe des Publikums. Wenn die endet, ist alles zu Ende. Sie schreiben selbst keine Lieder. Haben Sie es nie probiert?Nein, nie. Es gibt so viele Leute, die gute Lieder schreiben - da besteht wirklich kein Bedarf. Macht es Ihnen etwas aus, in Ländern wie Deutschland vor einem Publikum zu singen, das Ihre Texte nicht versteht? Ich vertraue auf das Publikum und auf mich selbst. Wenn die Leute ins Theater kommen, um mich zu hören, dann muss das einen Grund haben. Sie brauchen etwas ganz Bestimmtes, und ich gebe es ihnen. Meinen Gesang. Sie haben Folklore gesungen, Pop, Rock, Tango . Gibt es noch Herausforderungen? Ich bin gerade gebeten worden, Kammermusik von Carlos Guastavino zu singen. Im nächsten Jahr muss ich mich daran machen, das zu studieren. Und jetzt schreibt man mir gerade den Text zu einer Melodie von Alberto Ginastera. Die geht so, hören Sie: Baba ba baba ba ba baba ba / baba ba baba . - ist das nicht wirklich ein Juwel von einer Melodie?Ja wirklich. Mit Sting haben Sie auf der Bühne gestanden, mit Peter Gabriel, mit Konstantin Wecker. Wer fehlt noch? Ach wissen Sie, ich habe schon im Duett gesungen mit dem Brasilianer Milton Nascimento und mit vielen anderen. Um ehrlich zu sein: Eigentlich reizt es mich nicht mehr. Und gar zu zweit auf Tournee zu gehen, das ist eine heikle Angelegenheit. Man hat einen zu großen Stolz. Als die Beatles in Europa "She loves you" sangen, begeisterten Sie das junge Publikum in Argentinien mit Liedern wie dem vom Baumwollpflücker, der sich auf seinem Floß den Parana hinuntertreiben lässt.Ich muss Ihnen sagen, dass mir die Beatles damals überhaupt nicht gefielen. Ich entdeckte erst viel später meine Liebe zu ihrer Musik. Wann war das?Als ich im Exil in Madrid im Kino "Yellow Submarine" sah. Haben Sie mal etwas von den Beatles gesungen?Ich habe im letzten Jahr begonnen, "Imagine" von John Lennon einzustudieren. Im Kolosseum in Rom hatte ich miterlebt, wie das ganze Theater dieses Lied anstimmte, und ich fragte mich: Du hast auf Hebräisch gesungen, auf Japanisch, auf Griechisch, auf Italienisch - warum nicht auch auf Englisch? Irgendwann werde ich es singen. In welchen indianischen Sprachen haben Sie gesungen?In der Sprache der Toba, "Ñare Bainolec" heißt das Lied. Da ist mir etwas sehr Merkwürdiges passiert. 1996 war ich in Boston, um einen Preis der Unesco anzunehmen, und anschließend in Toronto. Und dort geschah es, dass mein linkes Auge immer kleiner wurde und schließlich ganz zufiel, und der Mundwinkel und die linke Wange rutschten mir förmlich herunter. Die Ärzte untersuchten mich, schoben mich in eine solche Röhre und sagten dann: Wir finden nichts. Und dann fragte mich María, die mich auf allen Reisen begleitet: Mercedes, haben Sie die Väter der Toba um Erlaubnis gebeten, ihre Lieder singen zu dürfen? Ich hatte es nicht getan. Das klingt mystisch. Ja, aber einem anderen Sänger war zuvor Ähnliches passiert: Zitto Segovia, er sang wunderbare Chamamés und eben auch dieses Lied. Und auch er hatte nicht um Erlaubnis gebeten. Auf der Rückfahrt von einem Fest vergaß sein Fahrer, auf der Fähre einen Stein unter die Räder des Autos zu legen. Der Wagen rutschte weg, sie sind alle im Fluss ertrunken. Darum sagte mir María: Mercedes, singen Sie das Lied nicht mehr, bis Sie die Erlaubnis bekommen haben. Was ist aus Ihrem Plan geworden, eine Platte mit Liedern der Indianer Argentiniens aufzunehmen?Ich habe es gelassen seit damals. Man muss ihre Kultur respektieren. Wenn sie ihr Einverständnis geben, kann man noch einmal von vorn beginnen. Nur dann.Das Gespräch führte Hinnerk Berlekamp.Zur Person // MERCEDES SOSA wurde 1935 in San Miguel de Tucuman im Nordwesten Argentiniens geboren. Sie hat einen Sohn aus erster Ehe, ihr zweiter Mann starb 1978.ANFANG DER SECHZIGER JAHRE gehörte die Sängerin mit der kraftvollen Alt-Stimme zu den Gründern der Bewegung des Neuen Argentinischen Liederbuchs, die die traditionellen Rhythmen ihres Landes mit sozialkritischen Texten verband und auf ganz Lateinamerika ausstrahlte.WÄHREND DER DIKTATUR 1976 BIS 1983 emigrierte sie nach Europa. Ihre Tourneen in dieser Zeit machten sie zum Weltstar. Sie nahm insgesamt 39 Platten und CDs auf, zuletzt erschien 2002 "Acústico".SEIT JAHRZEHNTEN engagiert sich Mercedes Sosa für Demokratie und Menschenrechte. Das UN-Kinderhilfswerk Unicef ernannte sie zur Ehrenbotschafterin für Lateinamerika und die Karibik.MERCEDES SOSA singt an diesem Sonnabend um 20 Uhr im Tempodrom.Ein Lied ist nur ein Lied. Es ist nicht die Wirklichkeit. Lieder und Wirklichkeit sind zwei verschiedene Dinge.JAZZ AND MORE (2)