Im Zuge der wieder aufgeflammten Diskussion über die Rechtschreibreform melden sich auch Stimmen, die statt der Rücknahme eine noch radikalere Reform fordern: die Einführung der Kleinschreibung, welche Großbuchstaben allenfalls für Satzanfänge und Eigennamen vorsieht.In dieser Form erschien gestern die gesamte Ausgabe der taz. Der Schriftsteller, Typograph und Drucker Martin Z. Schröder erklärt, wie es im Deutschen zur Großschreibung kam. Aus Gründen der Veranschaulichung seiner Thesen drucken wir den Text in der gemäßigten Kleinschreibung.Das bemühen um eine sinnvolle reform unserer schreibung wird in der regel allein sprachwissenschaftlich aufgefasst. Abgesehen von den bekannten mängeln jener reform, die uns immerhin den rang unserer schriftsprache ganz deutlich zeigt und demonstriert, wie empfindlich wir in dieser Sache sind, gibt es einen weiteren: Die sprachwissenschaftler haben das ästhetische problem der deutschen schriftsprache entweder nicht recht bedacht oder sich nicht herangewagt.Wenn wir einmal eine beliebige deutsche buchseite neben eine englische oder französische legen, wird die unregelmäßigkeit des textgewebes auffallen. Während die fremdsprachigen textzeilen gleichmäßige bänder bilden, die nur gelegentlich durch schmückende großbuchstaben unterbrochen werden, wirken die deutschen zeilen knotig durch häufung der großbuchstaben.Wie jeder sehen kann, wenn er A und a betrachtet, handelt es sich um zwei grundsätzlich verschiedene schriften, die wir im deutschen zur orthographischen unterscheidung benutzen. Sinnvoll ist die art der auszeichung bestimmter wörter heute nicht. Beispielsweise sind doch verben nicht weniger wichtig als substantive. Bevor wir mit substantiven etwas anfangen können, müssen wir atmen, essen, gehen; und wenn uns ein substantiv in form einer blume etwa begegnet, wird sie uns erst wichtig, wenn wir sie sehen, riechen, bewundern, pflücken oder kaufen und verschenken können. Trotzdem bekommen gerade die substantive in unserer sprache ein signal aus einer anderen schrift in form eines großbuchstaben angeklebt. Warum?Das Nibelungenlied und alles, was davor geschrieben und später von Gutenberg gedruckt wurde bis zur bibel Luthers, kennt große buchstaben nur zum schmuck, und anfangs nicht als großbuchstaben, sondern als vergrößerte und farbig verzierte kleinbuchstaben.Im barock setzte das chaos ein. In dem ersten erhaltenen druck von Paul Gerhardts lied "Befiehl Du Deine Wege" aus dem jahre 1656 hat der setzer sich sehr um beweise seiner gottergebenheit bemüht: "BEfiehl du deine wege / Und was dein herze kränckt / Der allertreusten pflege Deß / der den himmel lenckt." Deß!Gelegentlich erhielt der herr auch einen zweiten großbuchstaben: GOtt, womit man auf die hebräische Quadratschrift anspielte: JHWH, Jahwe. Und der großbuchstabe wird als auszeichnung eines wortes benutzt wie in der letzten zeile: "So gehen unsre wege Gewiß zum himmel ein."In anderen druckwerken war man noch großzügiger, so im ersten druck des liedes "Jesus meine zuversicht" von 1653, wo substantive mit auch nur annähernd religiösem kontext großgeschrieben stehen (Vertrauen, Gewalt, Herrlichkeit, Zuversicht, Heyland, Leben) sowie auch kombinationen wie "Christliches Gemüth" und die anrede der durchlaucht. JESUS und GOTT stehen gänzlich aus versalien gesetzt. Gelegentlich gibt's purzelbäume der orthografischen unterwerfung: "Ich will von meiner Missethat Zum HErzenmich bekehren". Das HE wieder als anspielung auf die hebräische schrift bzw. als versuch der getreuen übersetzung der Heiligen Schrift.Schon im titelkupfer der ersten ausgabe des Simplicissimus von 1669 finden wir dann unsere orthographie wieder, die uns doch nun, nach dieser betrachtung, recht verschroben und geschraubt vorkommen muß. Unsere amtliche deutsche rechtschreibung tut gottesfürchtig, zumindest theologisch, dabei kann dieser gestus nicht mehr im sinne eines guten christen sein.Eine kurze erklärung sei gegeben zur herkunft unserer beiden alphabete. Die versalien (großbuchstaben) verdanken wir den Römern, ihre idealform finden wir auf dem sockel der um 114 n. Chr. errichteten Trajanussäule. Wir sehen den buchstaben ihr alter nicht an, weil wir sie in der konstruktion nicht verändert haben. Was aber die Römer auf wachstafeln geritzt und auf pergament geschrieben haben, können wir nicht mehr so fließend lesen, die verkehrsschriften der Römer waren andere als unsere großbuchstaben, die auch in unserer schreibschrift nur schwer in fluß zu bringen sind. Aus dem 4. jahrhundert kennen wir die Quadrata von den Römern, die sie mit breiten federn langsam und buchstabe für buchstabe in bücher pinselten. Bis ins 9. jahrhundert veränderten sich die europäischen schriften hin zu Karlingischen Minuskel. Um 800, zur regierungszeit Karls Des Großen, begann die rasche verbreitung der kleinen buchstaben, von denen einige signalfähnchen haben (b, d, f, h, k, l winken nach oben, g, p, q nach unten), heute sind die unterscheidungsmerkmale noch vielfältiger. Die kleinbuchstaben sind so reich differenziert, dass wir sie schnell erfassen, und darauf kommt es uns an. Dieser oberflächliche blick auf die schriftgeschichte soll genügen, um zu zeigen, dass zwischen unseren groß- und kleinbuchstaben fast 1 000 jahre schriftgeschichte liegen. Deshalb sind sie sich bildlich so fremd. Und statt das versal zu benutzen, wie sein name es vorgibt, nämlich als beginn eines verses, folgen wir immer noch dem barocken bedürfnis, jedes substantiv als göttliches werk darzustellen und somit auch dieser eitelkeit, sich gegenseitig im zeigen von gottesfurcht zu übertrumpfen.Nur eine orthographie, die das versal allein zur kennzeichnung eines neuen satzes und von namen verwendet, hat es verdient, zeitgemäß genannt zu werden.Gewiß entfernte uns dieser eingriff von der älteren literatur, das muß man zugeben. Aber wer es einmal ausprobiert, wird sehen, dass es sich um eine rasch anzunehmende gewohnheit handelt. Man kann in ganz kurzer zeit sich an die lektüre beider arten gewöhnen. Der lesefluss wird nicht beeinträchtigt. Die kleinschreibung erhöht aber das tempo des schreibens, und sie befreit uns von den ständigen überlegungen korrekter großschreibung, welche die philologen mit einer pseudowissenschaft von substantivierten verben und ähnlichem nonsens auf die barocken gläubigkeitsbeweise gestülpt haben.Ohne den nationalsozialismus hätten die typographen und buchdrucker längst für die kleinschreibung gesorgt, denn in den 1930er jahren ist das heftig diskutiert und in büchern praktiziert worden, nicht ohne auf Jakob Grimm zu verweisen, der sich in dieser frage auch schon lieber an die alt- und mittelhochdeutsche orthographie hielt als an die verrenkungen des barock, denen wir so mühselig folgen.------------------------------Foto: Wörter unter dem Schleifrad - Rechtschreibfragen im 16. Jahrhundert. 1512 hat sich der Priester, Dichter und Gelehrte Thomas Murner über "Schulsackfresser", die ihr Erlerntes aufzehren, über Zungendrescher und Ohrenmelker belustigt - in gemäßigter Kleinschreibung.