Sind die beiden deutschen Diktaturen dieses Jahrhunderts miteinander vergleichbar? Zwei Tage lang beschiftigte sich die Enquete-Kommission des Bundestages zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte mit diesem Thema.Der Komxnisslonsvorsitzende Rainer Eppelmann (CDU) hatte es zu Beginn der Debatte im Reichstag klargestellt: Die SED-Diktatur habe sich nie mit den Verbrechen des Rassismus, des Völkermordes und der Auslösung eines Krieges besudelt. Das müsse klar ausgesprochen werden, bevor man sich an einen Vergleich von Realsozialismus und Nationalsozialismus heranwage.Die Auseinandersetzung mit dieser Thematik findet bislang fast nur in Historikerkreisen statt. Für die Offentlichkeit, vomehmllch dle in der ehemaligen DDR, scheint das Thema tabu. Einen Vergleich mit Nazideutschland, so der Berliner Historiker Jürgen Kocka, finden zahlrelche Ostdeutsche "deplaziert, ungerecht, im Gegensatz zu ihren antlfaschistlschen Überzeugungen und Erfahrungen" stehend, auch wenn sie eine kritische Sicht auf Ihren ehemaligen Staat eint.Dabei fördert ein sachlicher Vergleich beider Diktaturen -- unter Berücksichtigung der Eppel. mann schen Prämisse -- durchaus Gemeinsanikeiten zutage:· die systematische Verletzung von Menschen- und Bürgerrechten, · die fehlende Begrenzung der Staatsmacht,· fehlender Schutz privater Räume, · fehlende Unabhängigkeit der Ju.stiz,· eingeschränkte Meinungs- und Versammlungsfreiheit, massiver Einsatz von Propaganda,· staatliche Willkür und Verfolgung von Dissidenten, vielfältige Repressionen gegen die Bevölkerung.Die umstrittene Frage der Kontinuität beider Diktaturen will der Historiker Kocka dennoch nur für die "illiberalen Traditionen der deutschen politischen Kultur" bejahen: weitere Einübung in Abhängigkeit, die Bereitschaft, sich füi die üblen Seiten der allgemeinen Politik als nicht zuständig zu erklären, mangelnde Zivilcourage -- also jene "Untertanenmentalität", auf die sich Diktatoren verlassen können. Doch trotz dieser Gemeinsamkeiten könne man beide deutsche Diktaturen nicht gleichsetzen. Das am meisten Trennende ist ohne Zweifel ihr Grad der verbrecherischen Unmenschlichkeit. Auch wenn die SED mit den Minderheiten in der DDR nicht immer pfleglich umging -- Rassismus und Antisemitismus waren der herrschenden Ideologie wesensfremd. Von einzelnen anti-jüdischen (in den fünfziger Jahren) und antipolnischen (Anfang der achtziger Jahre) Ausfällen abgesehen, wagten es die SED-Oberen nicht, die Bevölkerung rassistisch zu mobilisieren.Auch die Vorbereitung eines Angriffskrieges und die Einstimmung der Massen darauf kann der DDR trotz Wehrkunde-Unterrichts und anhaltender Feindbild-Propagierung nicht unterstellt werden.Die zwei Tage im Berliner Reichstag zeigten aber vor allem, daß die Diskussion über den Diktaturenvergleich erst begonnen hat. Wie wichtig sie ist, darauf machte der Bundestagsabgeordnete Gerd Poppe (Bündnis 90/ Grüne) aufmerksam: "Der gegenwärtige Umgang der Bundesrepublik mit den Diktaturen China, Iran und Türkei zeigt, daß wir aus unseren deutschen Diktaturen nichts gelernt haben."Symbole sind schnell abgebaut -- zur Aufarbeitung von Geschichte gehört jedoch mehr als nur Fassaden-Arbeiten Foto: Grahn