BERLIN, 22. September. Es kam zur Aufführung die Siegerehrung des 100-Meter-Laufes. Florence Griffith-Joyner hatte ihn gewonnen, wie auch das 200-Meter-Finale der Olympischen Spiele 1988 in Seoul und die Sprintstaffel. Und da stand sie nun auf dem Podest, das Ruhm und Reichtum verheißt: sichtbar stolz, perfekt geschminkt, strahlend schön. Die Hymne, mit der die Sieger in den Olymp geleitet werden, vernimmt sie mit Emphase. Als der Chor in der Schlußzeile das Land der Freien und die Heimat der Tapferen preist, schlägt sie die Hände vors Gesicht. Sie schlägt immer an dieser Stelle die Hände vors Gesicht und gibt es erst wieder frei, wenn der Jubel sie umtost und ihre Tränen fließen.Eine perfekte Inszenierung. Später, Jahre nach ihrem dreifachen Triumph von Korea, räumte Florence Griffith-Joyner ein, daß sie die Tränen seinerzeit künstlich hervorgerufen hatte: mit auf den Fingerkuppen verriebenem Glyzerin. Es wurde damals wie heute viel darüber spekuliert, ob sie nicht auch ihre sportlichen Leistungen künstlich erzeugt hat. Nachgewiesen werden konnte ihr die Einnahme verbotener Substanzen nie, aber ihre Muskeln, ihre fabelhaften, noch heute gültigen Weltrekorde und ihr abruptes Karriereende, das sie vollzog, als weltweit schärfere Doping-Kontrollen beschlossen wurden, nährten den Verdacht.Nicht auf dem TotenscheinFlorence Griffith-Joyner starb in der Nacht zum Montag in Los Angeles, wahrscheinlich an den Folgen eines Schlaganfalls. Sie war 38 Jahre alt. Damit ist sie einzureihen in die immer größer werdende Schar früh verstorbener Leistungssportler. Bei den meisten ist die tatsächliche Todesursache nicht auf dem Totenschein vermerkt, und dennoch bekannt: Doping. Wie bei Ralf Reichenbach, dem einstigen Kugelstoßer, der im Februar mit 47 Jahren verstarb. Jahrzehntelang hatte Reichenbach Anabolika geschluckt, die sein Herz vergrößerten und dessen Leistung schwächten. Seit über 15 Jahren, so berichtet der Molekularbiologe und weltweit anerkannte Doping-Experte Werner Franke aus Heidelberg, ist der Zusammenhang von Anabolikamißbrauch und erhöhter Trombosegefahr bekannt; ist erwiesen, daß Anabolika auch in geringen Dosen Blutgerinnsel fördern. In diesem Zusammenhang, so Franke, sei auch der Fall des in der vergangenen Woche an Herzversagen verstorbenen Berliner Bob-Fahrers und ehemaligen Diskuswerfers Lars Bolte zu sehen. Bolte war 31 Jahre alt. Und unter der Prämisse, daß in den achtziger Jahren, der Hochphase des globalen Dopings, Heerscharen von Sportlern Anabolika schluckten, sind als Spätfolge zahlreiche weitere Todesfälle zu befürchten.Ob auch Florence Griffith-Joyner an den Folgen des Dopings starb, kann letztendlich nur eine von Franke geforderte umfassende Obduktion klären. Die ersten Ergebnisse einer am Dienstag vorgenommenen Autopsie brachten noch keine Klarheit. Die Umstände ihres Todes schon 1996 erlitt sie einen ersten Schlaganfall und ihr Leben als Sportlerin lassen allerdings kaum ein anderes Fazit zu. Auffallen um jeden Preis war ihre Devise. Und deshalb erweiterte Florence Griffith-Joyner die Leichtathletik um eine neue Disziplin: Sex. Sie machte die Tartanbahn zum Laufsteg, auf dem sie mit schriller Extravaganz hautenge Rennanzüge vorführte und mit bis zu 16 Zentimeter langen, buntlackierten Fingernägeln die etwas miefige Szene erschreckte. Vor Florence Griffith-Joyner hatten Sportlerinnen schnell zu sein, nach ihr hatten sie auch einen Marktwert. Seither gehört zur Ausstattung strebsamer Athletinnen nicht nur der Trainingsanzug, sondern ebenso ein Beauty case. Mit schnellen Beinen kommen sportive Frauen auf die Siegerpodeste, mit langen und nackten zu Werbeverträgen.Es galt für Florence Griffith-Joyner beides zu vereinen, und das gilt noch immer. Oder, wie Franziska van Almsick, das etwas vergessene Girlie des deutschen Sports, auf den jüngsten Anzeigen ihres Sponsors Opel trotzig behauptet: "Wer glaubt, daß nettes Aussehen und ein paar coole Sprüche ausreichen, hat sich aber geschnitten. Ausdauer und Disziplin sind gefragt." Daran haperte es zu Beginn der Karriere von Florence Griffith-Joyner. Noch ein Jahr vor ihrer großen olympischen Show lief sie, von der Konkurrenz "Pummelchen" genannt, meist dem Feld hinterher. Dann speckte sie ab, stylte sich um und erlebte eine außergewöhnliche Leistungsexplosion. Daß diese ehrlich erworben wurde, glaubte ihr niemand. Aber 1988, als in Seoul die amerikanische Hymne zu ihren Ehren gespielt wurde, hatte sie immerhin ihr persönliches Credo erreicht: "Ich gefalle gern und möchte mich von anderen unterscheiden." Am Ende war die Inszenierung doch nicht perfekt. Es bleibt das Mißtrauen über ihren Tod hinaus.