Die Autobiografie des ersten Geiselnehmers in Deutschland: Todorovs lange Jahre im Knast

BERLIN, 13. März. Selbst 30 Jahre danach ist es für die Münchner Polizei ein derart außergewöhnlicher Fall, dass er immer noch als Paradebeispiel im Lehrunterricht durchexerziert wird. Am Mittwoch, dem 4. August 1971 um 15.55 Uhr, stürmen zwei mit Motorradhelmen und roten Gesichtsmasken getarnte Männer die Filiale der Deutschen Bank in der Müchner Prinzregentenstraße, nehmen die Angestellten und Kunden als Geisel und stellen der Polizei ihre Forderungen: zwei Millionen Mark, ein Fluchtfahrzeug und freier Abzug. Dimitri Todorov, gerade 24 Jahre alt, und sein fünf Jahre älterer Komplize Hans-Georg-Rammelmayer gehen mit diesem Überfall als erste Geiselgangster in die Kriminalgeschichte der Bundesrepublik Deutschland ein. Im Alleinsein geübtDie Verhandlungen zwischen Polizei und Geiselnehmer ziehen sich über Stunden hin. Tausende von Schaulustige blockieren inzwischen die Münchner Innenstadt. Was die beiden Täter nicht wissen: während sie auf ihr Lösegeld warten, sind in einer Kiesgrube Scharfschützen dabei sich einschießen. Franz Josef Strauß persönlich soll sein Jagdgewehr abgeboten haben, um die beiden Gangster damit niederzustrecken. Kurz vor Mitternacht kommt es zum großen Finale: Als Rammelmayer mit einer Geisel das Fluchtauto besteigen möchte, eröffnet die Polizei das Feuer. Rammelmayer wird tödlich verletzt. Im Gefecht erschießt er noch die neben ihm sitzende Frau. Todorov bleibt in der Bank zurück, ihm bleibt nur noch übrig, sich zu ergeben. Er habe in die Luft geschossen, nie auf einen Polizisten gezielt, gibt er später bei der Gerichtsverhandlung zu Protokoll. Verurteilt wird er jedoch auch wegen versuchten Mordes. Das Urteil: lebenslang. Es ist eine umstrittene Entscheidung des Richters. Todorov habe für seinen toten Komplizen mitbüßen müssen, schreiben kritische Prozessbeobachter. Die nächsten 22 Jahre verbringt Todorov im Gefängnis. Alle Anträge auf vorzeitige Entlassung wurden abgeschmettert. "Die Gefängnisse", schreibt Todorov in seiner gerade veröffentlichten Autobiografie, "machen den Häftling auch geistig zu einem Gefangenen." Das Gewaltsystem der Gefängnisse dringe "in ihn gleich einem Virus ein und hält sich selbst am Leben".Doch Todorov, gelernter Kaufmann und Werkzeugmacher, wollte sich diesen Strukturen nicht ergeben. Er verweigerte die Gefängnisarbeit und machte stattdessen sein Abitur nach, er liest sich durch die Weltliteratur, von Jean Genet über Nietzsche bis Joyce. "Meine Welt war ein Gewebe von Philosophie, Literatur, Gittern und Homosexualität." Im Knast lernt er denn auch seinen Geliebten kennen, einen zu 15 Jahren verurteilen schwarzamerikanischen Soldaten, mit dem er 13 Jahre bis zu dessen Entlassung eine Beziehung führt. Als Todorov 1993 schließlich seine Strafe abgesessen hatte, fand er sich in der Freiheit nicht zurecht. Er kannte nur Menschen mit krimineller Vergangenheit. Wegen eines Drogendelikts, muss er 1998 erneut ins Gefängnis. Seit Mai 2000 ist er erneut auf Bewährung frei. Die zwei Jahrzehnte im Gefängnis haben Todorov geprägt. Er ist das Alleinsein geübt, alltägliche Kontakte bereiten ihm Schwierigkeiten. Seine Wohnung in der Freiheit ist ein 17 Quadratmeter-Apartment. Mehr Platz stand ihm auch im Knast nie zu. Dimitri Todorov: 22 Jahre Knast. Autobiografie eines Lebenslänglichen. Knaur Verlag, 7,90 Euro.