Die Automatenbücher von SuKuLTuR gibt es nun auch in der Schöner-Lesen-Box: Lesen ohne S-Bahn

Der Berliner Verlag "SuKuLTuR" hat sich mit seiner Lesereihe "Schöner Lesen" seit nunmehr 2003 in die grauen Süßigkeitenautomaten eingemietet und verkauft dort zwischen Knabbergebäck und Weingummi seine Mindfuck-Literatur an den S-Bahnsteigen. Die Din-A6-Hefte erinnern an die kleinen gelben Reclam-Hefte, mit denen uns seit Generationen die Klassiker der Literaturgeschichte eingepaukt werden. Das ist natürlich kein Zufall: Schon der Reclam-Verlag hatte die Taschenbücher in diesem Format drucken lassen, damit sie in die vom Verlag im Jahre 1912 aufgestellten Buchverkaufsautomaten an den Bahnhöfen passten. Im Zeitalter von Smartphones und E-Books ist das natürlich ein extrem antiquiertes Format. Aber wem sage ich das? Einem Tageszeitungsleser.Die SuKuLTur-Titel zu 16 bis 24Seiten kosten je einen Euro; hundert sind inzwischen erschienen. Meist gibt es in den Automaten leider nur ein Spiralfach für die Hefte. Wenn man also die Ausgabe, die vorn steht, schon kennt, hat man Pech gehabt. Oder man wirft noch einen Euro ein: Dann hat man ein Heftchen zum verschenken und eine zweite Chance auf neuen Lesestoff.Über 50000 Hefte hat der Verlag schon in unseren S-Bahnhöfen verkauft: Romane etwa vom Verlagsmitbetreiber Marc Degens ("Man sucht sich"), experimentelle Ornithologie vom Tödliche-Doris-Künstler Wolfgang Müller ("Die Nachtigall von Reykjavík") bis hin zur "Zersetzenden Kritik als Pflicht des intellektuell autonom agierenden Individuums" von einem Verfasser namens Bdolf. Hier ist für jeden etwas und nichts dabei. Hier finden sich Texte, für die sich etablierte Verlage irgendwelche experimentellen Reihen einfallen lassen, um sie zwei Jahre später durch die nächste experimentelle Reihe unbemerkt auszutauschen. Die Reihe "Schöner Lesen" aber ist längst etabliert.Apropos große und kleine Verlage: Bei SuKuLTur erschien 2009 übrigens auch die Erstausgabe von "Strobo", dem Debüt des Berghain-Ravers Airen aus dem Helene Hegemann bekanntlich den ein oder anderen Satz abgeschrieben hat. Der Verlag hat also nicht nur in Marketingfragen einen guten Riecher, den er in dem soeben doch noch vergangenen Winter des großen S-Bahn-Versagens unter Beweis gestellt hat, als wirklich keiner mehr daran dachte, entspannt in der S-Bahn zu lesen. So hatte man rechtzeitig eine Box herausgebracht mit den einhundert ersten Ausgaben, die man sich bequem ins Haus liefern lassen kann. Die auf 222 Stück limitierte Box stellt nicht nur das optimale Geschenk für jeden SuKuLTuR-Sammler dar, sondern natürlich auch für jeden literaturinteressierten Auto- oder Fahrradfahrer, denn denen dürften diese wunderbaren Hefte zwischen Prosa, Lyrik und Experiment bisher kaum untergekommen sein - in Buchhandlungen stehen sie schließlich nicht. Der Verlag scheint damit den Verlust aus den Umsatzeinbußen des winterlichen S-Bahn-Dilemmas ausgleichen zu können, und muss sich nicht bei denen einreihen, die durch Regressforderungen ihre Konten glätten.Reclam hatte übrigens Anfang der 1930er-Jahre den Vertrieb über die eigenen Buchautomaten eingestellt. Nicht etwa weil sich die Bücher damit schlecht verkaufen ließen, sondern weil die Reparaturkosten für die Automaten zu hoch waren. Diese Dinger waren einfach zu wartungsintensiv. Das wiederum lässt einen schon wieder nur an die Eine denken: An unsere hassgeliebte S-Bahn.-----------------------www.satt.org/sukultur/index.html------------------------------Iris Hanika: Vor dem Gericht. Am Automaten kostet der Einzelband 1 Euro. Die Box mit 100 Heften im Schuber kostet 111 Euro. SuKulTur, Berlin 2010.