POTSDAM. Plötzlich ist das Europa der schnellen Züge weit weg. Jenseits der Oder rumpelt der Eurocity nach Krakau mit einer Reisegeschwindigkeit von 50 Kilometern dahin. Eine leichte Aufgabe für die Diesellok, die ihn mangels Fahrleitung auf einer eingleisigen Strecke durch Polen zieht. Der Zug heißt Wawel, wie die Krakauer Burg. Doch der Name der prachtvollen einstigen Königsresidenz passt nicht zu der Schleichfahrt auf alten Schienen, die erst 120 Kilometer weiter östlich, nach zweieinhalb Stunden, von besseren Gleisen abgelöst werden. Vor zwölf Jahren dauerte die Fahrt von Berlin nach Breslau vier Stunden und 17 Minuten - heute ist der Wawel 80 Minuten länger unterwegs. "Es lohnt nicht, weitere Züge einzuführen", sagt Krzysztof Bankowski vom Marschallamt der Wojewodschaft Niederschlesien.Das kostengünstigere Reisen auf den Straßen hat das Zugfahren in Richtung Osten unattraktiv gemacht. Pkw und Kleinbusse, die polnische Saisonkräfte zur Arbeit nach Westeuropa chauffieren, rauben der Bahn die Kunden - mit der Folge, dass niemand mehr in neue Gleise investieren will, auf denen dann leere Züge rollen. An moderne ICE-Verbindungen, wie sie in Richtung Westen verkehren, ist nicht zu denken.Nicht nur auf der Strecke jenseits von Forst scheint die Welt stillzustehen. "Die Verbindungen zwischen Berlin und Szczecin sind nach wie vor nicht zeitgemäß", so Dieter Doege vom Fahrgastverband Pro Bahn. Die Reise dauert bis zu zwei Stunden und 16 Minuten - für 140 Kilometer.Der Nachtzug fährt nicht mehrFür ihr nächstes politisches Spitzentreffen am 13. Januar in Potsdam hat sich die "Oder-Partnerschaft" also ein brisantes Thema ausgesucht: die Verkehrsinfrastruktur, die beide Staaten verbindet. In dem Netzwerk vertreten Berlin, Brandenburg, Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern die deutsche Seite. Die vier westlichen Wojewodschaften stellen den Kern der polnischen Delegation. "Ist das Glas halb voll oder halb leer? Ich würde sagen: Es ist halb voll und schon viel geschafft", sagt Michael Stoll, der in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für Europathemen zuständig ist. Die Oderbrücke bei Frankfurt entstand neu, die Strecke von Berlin dorthin wird saniert, nach Kostrzyn gibt es einen attraktiven Stundentakt, und die Reise Berlin-Szczecin dauert meist etwas weniger als zwei Stunden.Doch es gab auch Verschlechterungen, insbesondere zum jüngsten Fahrplanwechsel Mitte Dezember. "Anschlüsse von Szczecin an den Fernverkehr sind weggefallen", so Andreas Schwarze von Pro Bahn. Trifft die Regionalbahn aus Polen in Angermünde ein, fährt der Fernzug weg - ärgerlich. Noch gravierender war die Einstellung des Nachtzugs von Berlin nach Polen. Nun ist nicht nur Warschau nur noch tagsüber erreichbar, auch die übrigen Schlaf- und Liegewagenverbindungen ins Nachbarland gibt es nicht mehr. Wer jetzt noch partout per Zug nach Krakau will, verliert während der fast zehnstündigen Reise im Eurocity Wawel pro Tour einen ganzen Tag. Nach Danzig ist nun stets umzusteigen, auch das gilt als unattraktiv.Der Nachtzug war meist gut ausgelastet. Trotzdem musste er aus "ökonomischen Gründen" eingestellt werden, teilt die Generalvertretung der polnischen Bahn PKP mit. PKP Intercity musste auf dem deutschen Abschnitt für die Trassennutzung und alle anderen Kosten allein aufkommen. "Trotz intensiver Bemühungen und Anfragen bei der Deutschen Bahn wurden vom DB Fernverkehr keine alternativen Lösungen vorgeschlagen, um dieses Produkt im internationalen Verkehr zu stärken", klagen die Polen. "Es gibt keine rentablen Nachtzüge in Europa mehr", erklärt ein DB-Manager die Zurückhaltung.Auch zur Strecke von Szczecin in Richtung Berlin gibt es Kritik von den Nachbarn. 2007 und 2008 wollten die Polen die Fahrleitung zur Grenze verlängern. "Aber weil auf deutscher Seite keine Fortführung geplant war, hat man sich dagegen entschieden", sagt Daniel Paszun vom Marschallamt der Wojewodschaft Westpommern. "Wir wollen keinen Zug nach Nirgendwo bauen." Zwar wurde der polnische Abschnitt beschleunigt, auf Tempo 120. "Doch momentan sind Busse und Autos attraktiver.""Vor allem die vielen Kleinbusse aus Polen machen uns Konkurrenz", sagt der DB-Manager. Er sieht als Nächstes den Eurocity Wawel in Gefahr, gestrichen zu werden. Wenn der Zug nach Breslau und Krakau die Oder überquert, sitzen oft nur 60 bis 80 Fahrgäste darin. Für einen Ausbau der Strecke fehlt den Polen das Geld. "Wir haben nicht die finanziellen Mittel", bedauert Robert Bajczuk von der PKP-Generalvertretung.Dafür geht es im Straßenverkehr voran - der in Polen ein viel besseres Image als der Schienenverkehr hat. Von 2012 an soll es durchgehende Autobahnen von Berlin nach Warschau und Krakau geben. Beide Lücken sollen geschlossen sein, bevor die Fußball-EM beginnt.------------------------------Über die Oder140 Jahre alt wird in diesem Jahr die direkte Eisenbahnstrecke von Berlin nach Poznan (Posen). Sie ist die einzige Trasse, auf der es einen akzeptablen Fernverkehr zwischen Deutschland und Polen gibt. Dreimal täglich fährt dort der Berlin-Warszawa-Express, der die beiden Städte in fünf Stunden und 37 Minuten verbindet. Der Normalpreis pro Strecke beträgt 48 Euro.Stündlich fährt die Oderlandbahn (Veolia Verkehr) mit modernen Zügen von Lichtenberg in 70 bis 80 Minuten nach Kostrzyn (Küstrin). Das Brandenburg-Berlin-Ticket ist gültig.Nach Szczecin (Stettin) gibt es bis zu zwei Direktverbindungen. Ansonsten ist in Angermünde umzusteigen. Auch zu diesem Ziel wird das Brandenburg-Berlin-Ticket anerkannt. Es gilt in Stettin auch im Stadtverkehr.------------------------------Karte: Zugverbindungen nach Polen. Auf mehreren Strecken fahren Fern- und Regionalzüge über die Grenze.Foto: Die zweigleisige, 443 Meter lange Oderbrücke bei Frankfurt ist im Dezember 2008 übergeben worden. Doch viele Fernverkehrszüge fahren hier nicht mehr.