Die französischen Vororte - die so genannte Banlieue - befinden sich im Ausnahmezustand. Aber nicht erst, seitdem vergangene Woche die französische Regierung Ausgangssperren erlassen hat, um Krawalle in den Schlafstädten vor Paris, Lyon und Straßburg einzudämmen. Die Banlieue ist im Ausnahmezustand seit ihrem Entstehen vor mehr als 50 Jahren.Von der europäischen Öffentlichkeit wurden die Unruhen in Frankreich zunächst schnell danach abgetastet, ob nun den westlichen Großstädten eine islamistische Intifada drohe. In Deutschland erinnerten sich prompt einige Beobachter mit Schaudern daran, dass sich bei den Kreuzberger Mai-Krawallen der letzten Jahre auffällig viele türkisch- und arabischstämmige Jugendliche um brennende Autos scharten. Doch verstellen die flammenden Ähnlichkeiten den Blick auf die wesentlichen Ursachen der Randale in Frankreich: Nicht die "Parallelgesellschaften" sind das Problem - es sind die französischen Parallelstädte selbst.Clichy-sous-Bois, die Kleinstadt zwanzig Kilometer nordöstlich von Paris, von wo aus sich die jüngsten Unruhen ausbreiteten, ist auch ein geradezu idealtypisches Beispiel für die permanente Krise der französischen Urbanisierung. Erst 1954 brach die Moderne in den damals nur 1 400 Seelen zählenden Ort ein. Unweit der Kirche wurde die Großsiedlung "La Pelouse" auf die Äcker betoniert. An dieser kruden Art der Naturverbundenheit hat sich bis heute - gut fünfzig Jahre und knapp 2 500 Wohnungen später - nicht viel geändert: Noch immer wartet die Stadt auf den damals schon versprochenen Autobahnanschluss.Vorstädte bleiben abhängigEine solche Abseitsposition ist für die Städte der Banlieue normal: Gebaut wurde dort, wo es billiges Bauland für Tausende von Wohnungen gab, ohne dass die öffentliche Hand mit dem Bau der nötigen Infrastruktur hinterherkam. Selbst das nahe Paris gelegene Saint-Denis bekam erst vor zehn Jahren eine Tramlinie in den Vorort. Das weiter draußen gelegene Aulnay-sous-Bois folgt zwar im nächsten Jahr, die Bewohner von Clichy dagegen müssen sich weiterhin in überfüllten Bussen drängeln.Wer Fotos des Pariser Umlandes aus der Frühzeit dieser Großsiedlungen ansieht, versteht sofort, was um 1960 mit dem Begriff der "cités urgentes" gemeint war. Alle vier Minuten - so wurde errechnet - traf in Paris während der 1950er-Jahre ein einstiger Bauer auf der Suche nach Arbeit ein. Zunächst wohnten sie oft in Baracken und Primitiv-Häusern. Doch als im Januar 1953 ein Kleinkind in einem als Wohnheim genutzten Eisenbahnwagen erfror und eine Mutter sich umbrachte, damit in der neun Quadratmeter großen Baracke ihrer Familie Platz wurde, machte Abbé Pierre mit seinem "Aufstand der Wohltätigkeit" die französische Gesellschaft auf die neuen Slums am Stadtrand von Paris aufmerksam. Die Siedlung "La Pelouse" in Clichy gehört zu den ersten Ergebnissen eines Groß-Bauprogramms, das im Jahr darauf gestartet wurde, um die Wohnungsnot zu beseitigen.Dass allerdings die eigene Neubauwohnung schon der "Schlüssel zum Glück" sei, wie dies ein Fernsehbeitrag 1962 optimistisch verkündete, wurde schon bald bezweifelt. Die Vorstädte blieben ökonomisch abhängig, es gab kaum Kinos, Cafés oder Restaurants, gleichzeitig lagen sie zu fern der Stadtzentren, um nach einem anstrengenden Arbeitstag noch dorthin auszugehen. Schnell wurde die Verödung des sozialen Lebens in den Schlafstädten beklagt. Sie wurden zu "sensiblen urbanen Zonen".Schon um 1960 stellte man fest, dass in den "Grands Ensembles", wie die gewaltigen Wohnblöcke mit bis zu 700 Wohnungen und 400 Metern Länge beschönigend genannt wurden, die Jugendkriminalität deutlich anstieg. Alkoholiker wurden als "Sarcelliten" bezeichnet - abgeleitet von Sarcelles, einer der größten Neubausiedlungen nördlich von Paris. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, konzipierte die staatliche Planung zwar schon ab 1965 die "Villes Nouvelles" als eigenständige Städte, die genau das komplexe soziale Leben haben sollten, das den Siedlungen der ersten Generation fehlte. Der Architekt Emile Alliaud schwärmte nun, hier die "Städte des Glücks" zu bauen, und er war fest davon überzeugt, mit gewundenen Formen "die Mentalität der Leute" positiv beeinflussen zu können.Doch die von ihm geplante Megasiedlung "La Grande Borne" wurde wenige Jahre später zum abschreckenden Beispiel einer Großsiedlung, in der sich Armut, Krankheit und Arbeitslosigkeit ballen. Tatsächlich entwickelten sich die "Villes Nouvelles" zu nur noch größeren Gettos. Der niedrigen Mieten wegen und weil sie in den "weißen" Innenstadtbezirken keine Wohnung bekamen, sammelten sich hier zudem die farbigen Migranten aus den einstigen Kolonien. Zur städtebaulichen trat die soziale Teilung der Stadtgesellschaft.1973 läutete Wohnungsbauminister Olivier Guichard unter der Parole "Weder Wohnriegel noch Türme" eine Wende im sozialen Wohnungsbau ein. Doch schnell zeigte sich, dass kleinere und niedrigere Häuser oder postmoderne Verhübschungen mit neuklassizistischen Dekors an den Betonplattenbauten nicht viel brachten. Auch Radikalmaßnahmen wie im bundesdeutschen Programm "Stadtumbau Ost" führten zu keiner Aufwertung der Siedlungen.Neue Fassaden genügen nichtZwar wurden auch in Frankreich schlechte Neubauwohnungen abgerissen, Grünanlagen angelegt und Jugendclubs gebaut. Aber Ostdeutschland kämpft mit dem Abzug der Menschen, leere Städte zerfallen da zu Staub. In Clichy-sous-Bois hingegen haust immer noch ein Drittel der Bewohner von Sozialwohnungen mit mehr als sechs Personen in drei Zimmern. Den Geburtsfehler der französischen Banlieue - die geografische Aussonderung der Unterschichten in Parallelstädte abseits der bürgerlichen Zentren - konnte keines der vielen Sanierungsprogramme beheben.------------------------------Foto: Alle vier Minuten traf im Paris der 1950er ein einstiger Bauer auf der Suche nach Arbeit ein.------------------------------Foto: Sarcelles bei Paris um 1960