Die Barockoper ist lebendiger denn je. Wie geht das zu?: Die Geilheit unter der Puderperücke

In der Oper gewesen. Begeistert. Sehr oft kann man das nicht von sich sagen - und nun ist es dreimal in kurzer Zeit passiert, dass man ein Berliner Opernhaus geradezu berauscht verlassen hat. An drei radikal unterschiedlichen Abenden hat sich das Gefühl eingestellt, hier gehe es um etwas, das die Welt betrifft, in der wir leben. Und jedes Mal lag ein Stück aus der Frühzeit der Oper zu Grunde: Claudio Monteverdis "L'incoronazione di Poppea" (1643), Henry Purcells "Dido and Aeneas" (1689) und, als Youngster, Georg Friedrich Händels "Orest" (1734). Musikhistorisch fallen diese Werke in die Epoche, die man "Barock" nennt: eine Zeit, die man mit der prunkvollen Theatralisierung einer festgefügten Standesordnung, mit konfessionellen Zwistigkeiten und einer bedenklichen Neigung zum Übergewicht assoziiert; eine Zeit, die nichts mit der unsrigen zu verbinden scheint. Die Erneuerung des Musiktheaters aus dem Geist der Puderperücke - wie geht das zu?Zunächst einmal hat die Barockoper ein anderes Gefühl dafür, was es heißt, in einem Drama Akteur zu sein. Der singende Mensch wird als die Durchlaufstelle der Affekte angesehen, von den Wendungen des Dramas wie unter Strom gesetzt. Der Barock kennt kein ganz mit sich identisches Subjekt auf der Bühne; darin zeigt sich die erste seiner Wahlverwandtschaften zu unserer heutigen Zeit, der die Idee einer bruchlos und organisch sich entfaltenden Bildung des Individuums ja immer ferner wird. Gerade indem man sich seinen eigenen Neigungen und Egoismen, dem "Karriere machen" und dem "Spaß haben", wie religiösen Verpflichtungen ausliefert, tritt man zu sich selbst in Distanz. Monteverdis von Geilheit und Drogen getriebener Nero und seine mehr macht- als sexsüchtige Liebhaberin Poppea in David McVicars flottem Geschlechtertanz an der Staatsoper, der verstörte Krieger Orest in Sebastian Baumgartens postsozialistischen Zerbröckelungs-Parabel an der Komischen Oper - das sind Figuren, die man auch in unserer Welt treffen kann.Körper im BassinDes weiteren hat die Oper des Barock ein direkteres, ungenierteres Verhältnis zum Körper als das klassisch-romantische Repertoire. Das zeigte sich am schönsten in Sasha Waltz' umjubelter "Dido and Aeneas"-Inszenierung vom Vorjahr, die die Staatsoper am Montag und Dienstag im Rahmen ihrer Cadenza Barocktage noch einmal aufgenommen hat; beide Vorstellungen waren schon Wochen vorher ausverkauft. Waltz hat die tragische Liebesgeschichte zwischen Dido, der Königin von Karthago, und Aeneas, der sie verlassen muss, um Rom zu gründen (Männer und ihre großen Pläne!), mit diesem einfachsten Mittel des Theaters, dem menschlichen Körper, inszeniert.Purcells Musik lebt ja von der Direktheit, mit der einfache und geschlossene Formen, das Lied und der Tanz, in den Dienst des dramatischen Ausdrucks gestellt werden. Diese Nähe der Musik zur inneren und äußeren Bewegtheit hat Waltz in eine Körpersprache übersetzt, welche kompliziert stilisierte Bewegungsabläufe aus der Sphäre des Höfischen konfrontiert mit einfachen Gesten des intelligenten Tiers Mensch. Eine Szene gegen Ende der Oper führt das aufs Eindringlichste vor: Wie Dido und Aeneas singend voneinander Abschied nehmen, umgeben von Leibern, die in immer erneutem Anwogen zueinander streben und doch nicht zueinander können.Bezwingend ist der Abend aber auch in dem, was er Purcells Oper hinzufügt. So im Prolog, dessen Komposition nicht erhalten ist: Eine Reihe von Tänzern steht hoch oben über einem grünlich leuchtenden Behältnis. Während die Sprecher nun die Wassergeister beschwören, die Nymphen und Nereiden, stürzt sich plötzlich ein Tänzer in dieses Behältnis, das sich als ein durchsichtiges Wasser-Bassin entpuppt. Er gleitet hindurch, seine Kleidung bauscht sich im dämmrigen Gegenlicht: ein Wassergeist. Und einer nach dem anderen der Tänzer tummelt sich nun schwerelos im nassen Ballett, in einer Choreografie des Berührens und Entweichens.Das Gegenbild zu diesem Naturzustand, das Entstellende und Einschnürende des Hofzeremoniells, wird später in einer hoch komischen Szene vorgeführt, bei der ein grämlicher Zeremonienmeister seinen Opfern den rechten Knicks lehrt; sie kommt ganz ohne Musik aus.Und da sind wir beim dritten Punkt, in dem die Barockoper dem Theater der Gegenwart besonders nahe steht. Verglichen mit den Werken des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die unsere Bühnen dominieren, zeichnet sie sich durch eine eigentümliche Beweglichkeit, ja Leichtfüßigkeit der Form aus. Die Stücke wechselten von Aufführung zu Aufführung ihre Gestalt, Arien wurden ausgetauscht, neue Nebenhandlungen hinzugefügt, die Oper war kein "Werk", sondern ein Anlass für ein Spektakel. Im 19. Jahrhundert wandelte sich dieses Verhältnis langsam, der Komponist schrieb allmählich die Inszenierung in den Notentext hinein, wenn auch erst Richard Wagner den Komponisten endgültig zum Autor erhoben hat und die Partitur zum heiligen Text. Ihre geordneten Zeitstrecken geben das Tempo vor, den Auf- und Abtritt der Sänger, wann sie etwas zu singen und wann sie zu schweigen haben. Und die Verlegenheit, die Angst vieler Regisseure vor der Macht des Komponisten zeigt sich ja im Gezappel und Gestrampel, mit dem "Pausen" (= instrumentale Vor-, Zwischen- und Nachspiele) gefüllt werden. Aber auch gegenüber den bis ins Letzte durchchoreografierten Produkten der Musicalindustrie unserer Zeit, die gleichförmig wie ein BigMac in New York oder Berlin auf die Bühne rollen, hat die Beweglichkeit des barocken Musiktheaters den Vorteil, kreativen Zugriff zu ermöglichen. Wenn in Sebastian Baumgartens eigentümlich melancholischer "Orest"-Inszenierung Arien abbrechen, später zitiert oder in improvisatorische Vor- und Nachspiele eingebettet werden, dann ist das keine Verletzung des Urheberrechts. Im Barocktheater gingen Improvisation und Komposition immer wieder fließend ineinander über.Dass Monteverdis "Poppea", Purcells "Dido" schon wieder von der Bühne der Staatsoper verschwunden sind - die Cadenza Barocktage sind ja nichts anderes als ein Gastspielprogramm -, das ist freilich ein wenig viel an Flexibilität. Aber "Orest" ist an der Komischen Oper mit den Mitteln des Hauses in Szene gesetzt worden, und einen Besuch empfehlen wir unbedingt.Nächste Vorstellungen von "Orest" an der Komischen Oper: 5., 8., 17., 19. und 31. März, 19 Uhr. Karten: 47 99 74 00.------------------------------Die Wassergeister werden beschworen, und ein Sänger stürzt sich in das grünlich schimmernde Bassin.------------------------------Foto: Mal nicht die Rheintöchter: Sasha Waltz' Inszenierung von Henry Purcells "Dido and Aeneas" an der Staatsoper.