In der Stille des Bergtales grast friedlich eine Ziegenherde. Für den libanesischen Hirten ist die Arbeit nicht schwer. Zumindest in eine Richtung können seine Tiere nicht das Weite suchen. Dort versperrt ihnen ein hoher Zaun den Weg: Die israelische Grenzbefestigung, über deren Bestand in diesen Tagen heiß diskutiert wird im Nahen Osten. Die libanesische Regierung besteht bisher darauf, dass neun Bauernhöfe und das als "Schebaa-Farmen" bezeichnete dazugehörige Land jenseits des Grenzzaunes libanesisches Gebiet ist. Israels Rückzug aus dem Südlibanon sei nicht komplett, solange die Höfe nicht übergeben werden und die Grenze korrigiert wird, heißt es in Beirut. Das Kartenmaterial zu dem Fall ist nicht eindeutig. Sicher ist nur, dass es sich bei den Schebaa-Farmen nicht um israelisches Land handelt. Fraglich ist, ob es sich um israelisch besetztes libanesisches oder israelisch besetztes syrisches Gebiet handelt. Denn in dem Bergtal geht der Südlibanon in die Golanhöhen über. Wären die Farmen Teil des Südlibanon, dann müsste sich Israel auch von dort zurückziehen. Gehörten die Höfe zu den Golan-Höhen, dann blieben sie zunächst weiterhin von Israel annektiert, denn bisher sind die israelisch-syrischen Gespräche über eine Rückgabe des Golan an Syrien erfolglos verlaufen. Die Vereinten Nationen haben angekündigt, innerhalb der nächsten Tage den israelischen Rückzug aus dem Südlibanon zu bestätigen. Der UN-Sonderbeauftragte Terje Larsen war zwischen Israel, Libanon und Syrien hin- und hergereist, um das Problem aus dem Weg zu räumen. Am Mittwoch schien er die zunächst starre Haltung aller Seiten aufgeweicht zu haben. Syrien, das zuvor Israel aufgefordert hat, sich aus den Schebaa-Farmen zurückzuziehen, da es sich um libanesischen Boden handle, hat eine Kehrtwende gemacht. Larsen zufolge hat Syrien erklärt, dass der israelische Rückzug aus dem Südlibanon zumindest im Moment auch ohne die Schebaa-Farmen von Damaskus als komplett angesehen werde. Außenminister Faruq Scharra besteht zwar weiterhin darauf, dass es sich um libanesisches Territorium handle und Israel sich zurückziehen müsse. Einen Zeitpunkt aber nennt er nicht. Womöglich wird das Thema erst wieder diskutiert, wenn sich Damaskus und Beirut irgendwann auf ein neues Grenzabkommen verständigen. Das neue Zugeständnis aus Damaskus dürfte den Konflikt zumindest vorerst entschärft haben. Denn sowohl Beirut als auch die von Syrien gesponserte schiitische Hizbollah-Miliz werden sich kaum dem Verdikt aus Damaskus verschließen. Zuvor bestand die Gefahr, dass die Hizbollah die Schebaa-Farmen als Vorwand für weitere Operationen benutzen könnte. Deren Chef Hassan Nasrallah hatte erklärt, die Hizbollah sehe den israelischen Rückzug ohne die Schebaa-Farmen als unvollendet an. Dank Syrien dürfte der Bestätigung des israelischen Rückzugs und damit der Erfüllung der vor 22 Jahren verabschiedeten UN-Resolution 425 nun nichts mehr im Wege stehen. Die libanesische Zeitung "Daily Star" schrieb dann auch: "Wir haben zwei Jahrzehnte gebraucht, um uns von der israelischen Besatzung zu befreien, da kommt es auf ein paar Monate mehr nicht an." Im Dorf Schebaa selbst, das im Libanon liegt, dürften die moderaten Worte aus Damaskus auf Enttäuschung stoßen. Das Farmland gehört traditionell zu dem wirtschaftlichen Einzugsbereich des Dorfes. Der Dorfbewohner Omar Al-Masri deutet auf ein paar Hektar Land jenseits des Grenzzaunes. "Das Land gehört meinem Bruder", sagt Omar. Der habe derzeit aber nicht einmal genug Geld für eine Herzoperation. Hätte Israel den Zaun verlegt, wäre der Bruder über Nacht ein reicher Mann geworden."Auf ein paar Monate mehr kommt es nicht an. " Die libanesische Zeitung "Daily Star" zu den Schebaa-Farmen