BERLIN. Sie ist groß, hübsch und blickt auf Fotos meist recht ernst. Man kann es verstehen, denn ein fröhliches Lachen würde kaum zu dem passen, was sie zu sagen hat. Die Berlinerin hat ein Buch geschrieben, das so beginnt: "Ich heiße Viviane Cismak, bin 19 Jahre alt, Abiturientin und verdammt wütend."Wütend ist sie auf die Schule, die sie nach 13 Jahren verlassen hat. "Ich habe Willkür miterlebt, mir sind Ungerechtigkeiten widerfahren, ich wurde systematisch demotiviert, und die Leute, die mir eigentlich helfen sollten, waren oft inkompetent." So schreibt sie in ihrem Buch "Schulfrust". Es ist die erste umfassende Kritik des Bildungssystems aus Schülersicht.Wir treffen die Abiturientin in einem Café in der Kastanienallee, das passenderweise "Die Schule" heißt. Viviane Cismak wirkt fröhlicher und energischer als auf den Fotos. Natürlich sei sie nicht den ganzen Tag voller Hass durch die Schule gelaufen, sagt sie und lächelt. Aber viele Dinge hätten sie schon sehr zornig gemacht.Desinteresse und SchikanenDie Idee für das Buch kam ihr zu Beginn der 13. Klasse an einem Kreuzberger Gymnasium, dessen Namen sie nicht nennt. "Ich war so unzufrieden mit der Organisation des Abiturs, dass ich dachte: Darauf muss man doch mal aufmerksam machen!" Die Lehrer, sogar die pädagogischen Koordinatoren hätten die künftigen Abiturienten falsch beraten. Auf Beschwerden über ungerechte Noten habe es geheißen: "So ist halt das Leben!" Cismak erlebte Resignation, Desinteresse, Schikanen. So habe man ihr bei Klausuren Punkte abziehen wollen, weil sie zu große I-Punkte machte.Schon vor drei Jahren veröffentlichte Cismak ein Buch: "Deutschlands Kinder". Darin beschrieb sie Schicksale von Heranwachsenden, die in Armut leben. "Ich bin selbst bei einer alleinerziehenden Mutter aufgewachsen, da war das Geld knapp", erzählt sie. Den ersten Teil ihrer Schulzeit verbrachte sie in Darmstadt, zuletzt in einem altsprachlichen Gymnasium. Vivianes Mitschüler konnten sich Auslandsjahre oder Sprachreisen leisten. Sie nicht. In ihrem Buch fordert sie deshalb, dass die Politik nicht einfach ein Bildungspaket an Hartz-IV-Empfänger verteilen soll. Stattdessen sollten Schulen selbst Geld vergeben können, damit alle Schüler Bücher bekommen oder mit auf Studienfahrt gehen können.Es lohnt nicht, ein guter engagierter Schüler zu sein, man wird demotiviert. So lautet eine der bittersten Erfahrungen Cismaks. "Bis zur achten Klasse war ich sehr fleißig und engagiert, habe immer mitgearbeitet, alle Hausaufgaben gemacht", erzählt sie. Doch Lehrer hätten ihr Lust und Fleiß ausgetrieben. Zum Beispiel in Mathe. Dort hatte sie noch in der achten Klasse eine Eins im Zeugnis. Dann kam eine überforderte, fachfremde Aushilfslehrerin. Sie hinterließ große Lücken, die kaum noch geschlossen werden konnten. "Nach etlichen Lehrerwechseln und Ausfällen schrieb ich in der 11. Klasse nur noch Fünfen", erzählt Cismak. Ihre Motivation ließ nach. Auch dass sie am Wettbewerb "Jugend forscht" teilgenommen und den zweiten Preis gewonnen hatte, habe "sich höchstens als entschuldigte Fehlstunden auf dem Zeugnis niedergeschlagen".Viviane Cismak hatte auch engagierte Lehrer. Aber den Prozentsatz an demotivierten Lehrern findet sie zu hoch. Sie fordert mehr Kontrollinstanzen, die über die Qualität des Unterrichts und die Einhaltung des Lehrplans wachen. Schüler dürften nicht zu Opfern der Reformwut gemacht werden. So etwas erlebte die 19-Jährige, als sie zwei Jahre lang in Hessen nach einem "Karlsruher Physikkurs" unterrichtet wurde. Irgendwann gab es Ärger, der Kurs wurde abgeblasen. Später sagte ein Lehrer, dass sie Physik noch mal ganz neu anfangen müsse. Aber das Fach war für sie gestorben. Schulrealität, ein Jahrzehnt nach Pisa.Lehrer schweigen bei RassismusSchulen sollten bundesweit klare Vorgaben erhalten, fordert Cismak. Den Bildungsföderalismus hält sie für überholt. Als sie zum Ende der 11. Klasse nach Berlin zog, stellte sie fest, dass ihr neues Gymnasium im Schulstoff mancher Fächer ein halbes Jahr zurücklag. "Mir ist auch aufgefallen, dass sich die Lehrer viel weniger um die einzelnen Schüler kümmern." Eigene Meinungen seien im Unterricht kaum gefragt. "Aber die Schule soll doch auch eine eigene Persönlichkeit ausbilden. Ich denke nicht, dass man das erreicht, indem man die Meinung der Lehrer nachquatscht."Besonders hart ist ihr Vorwurf, dass Lehrer schweigen, wenn chauvinistische oder rassistische Äußerungen fallen. So erlebte sie es an ihrem Gymnasium, wo fast 90 Prozent Migrantenkinder lernen. ",Du Jude' war ein gängiges Schimpfwort auf dem Schulhof", erzählt sie. "Im Unterricht wurde diskutiert, dass Frauen Kopftücher tragen müssten, weil sonst Affären entstünden." Die meisten Lehrer hätten solche Haltungen relativiert, indem sie meinten: So ist halt diese Kultur. Doch Lehrer sollten sich einmischen, fordert Cismak, "und Partei für die westlichen Werte ergreifen". Dass sich Viviane Cismak immer einmischen wird, glaubt man sofort. Das nötige Rüstzeug will sie sich jetzt holen. Nachdem sie ihr Abitur mit 1,8 abgelegt hat, studiert sie Jura an der Freien Universität in Berlin.------------------------------Viviane Cismak: Schulfrust. 10 Dinge, die ich an der Schule hasse. Schwarzkopf & Schwarzkopf, 9,95 Euro.Foto: Viviane Cismak will, dass Schüler endlich eine eigene Lobby haben.