Berlin.Die Berliner Zeitung stellt erfolgrelche Unternehmer vor. Heute Helmut R. Rothenbuecher, Geschäftsführer von Berliner BärenSiegel.Irgendwie hat ja die ganze Geschichte mit Michail Gorbatschow zu tun. Wenn dieser Name fällt, denken aufmerksame Zeitgenossen entweder an den ehemaligen sowjetischen Staatschef, vor allem in seiner Rolle als Außen- und Weltpolitiker. Mancher erinnert sich an eine Wodkamarke, und in Llchtenberg wird vor allem auch die innenpolitische Rolle des einstigen Staatenlenkers geschätzt. Das ist etwas kurios: Bei BärenSiegel wird, vereinfacht gesagt, lediglich Schnaps gebrannt. Dennoch sind die hochgelstigen Spezialitäten gleichsam Fußnoten der Weltgeschichte.Alles ist hier eln bißchen anders als anderswo. Da Ist etwa der Vorsitzende der Geschäftsleitung von Baren Siegel, Helmut R. Rothenbuecher: "Je älter man wird, desto mehr zleht s einen auch zurück", bekennt sich der Manager zu seiner Sentimentalität. Rothenbuecher, 64 Jahre alt, war vor 40 Jahren den Weg vieler Landsleute gegangen und in die USA ausgewandert. Von dort aus brachte er es immerhin bis zum Mitglied Im Europavorstand des Reifenherstellers Firestone. Aus einer solchen Position ist der weitere Lebensweg gemeinhin als gutsituierte "graue Eminenz" in Aufsichtsräten vorgezeichnet.Doch wurde Rothenbuechers Weg Im we testen Sinne von Michail Gorbatschow gekreuzt. Den Fall der Mauer erlebte er am Fernsehschirm: "Das hat mich mehr berührt als irgendein anderes Ereignis", sagt der Manager, der an die Wledervereinigung nicht mehr geglaubt hat: "Wir dachten, wenn erst die alte Generation ausgestorben ist, werden die jungen Leute alle "braln-washed sein". Soll heißen: sozialistische "Gehirnwäsche".So hätte es wohl kommen mögen. Immerhin haben sich die Werktätigen des Ex-VEB Bärensiegel, der bereits 19S0 auf dem Gelände der ehemaligen Branntweinmonopolverwaltung in Lichtenberg gegründet wurde, alle Mühe gegeben. Glücklich ist, wer vergißt. Selbst damals, als man noch einen gewissen Idealismus hinsichtlich der neuen Gesellschaft unterstellen durfte, hat es im jungen sozialistischen Staat nie ganz zur echten Utopie gereicht: "Trinken ist der größte Feind der arbeitenden Klasse", so hatte schließlich eine Parole der Arbeiterbewegung gelautet ", Die Russen", so beschreibt Vize-Chef Wolfgang Herold den pragmatischen Umgang mit dem Durst der Genossen, "haben selber gern getrunken."Zeitweilig, so lassen die Statistiken kurz nach der Wende allerdings erahnen, muß die Arbeit offenbar zum größten Feind der trinkenden Klasse geworden sein: Mit dreizehn bis fünfzehn Litern hat der urunebelte Statistikkopf Ost rund doppelt soviel Schnaps verzehrt wie der westgotische Durchschnittstrinker. 1989 produzierten die Lichtenberger mit rund 400 Beschäftigten 26 Millionen Flaschen bekannter Köstlichkeiten wie etwa Goldkrone, Eskalonysche Tropfen, Maoritraum, Wurzelpeter oder Apfelkorn.Die Trinklreudigkeit in den neuen Ländern nimmt aber deutlich ab. Die Lichtenberger nehmens verantwortungsbewußt: "Wir haben kein Interesse daran, daß unsere Mitbürger betrunken auf der Straße liegen", stellt Logistik-Leiter Ingo-Uwe Hoffmann fest. Mißfallen erregen daher auch die teilweise aggressiven Werbekampagnen einiger Mitbewerber."Der Bär, der Frohsinn bringt", so kündete jahrzehntelang die Bärensiegel-Reklame am Adlergestell, obgleich Werbung früher überflüssig war: Die Produkte des VEB Bärensiegel verströmten einen Hauch von Exklusivität und waren Immer knapp. Das Verbreitungsgebiet war streng auf die ehemalige DDR begrenzt. Allenfalls Diplomatenkreise oder DDRArbeiter in der Sowjetunion wurden noch beliefert. Mit Gorbi wurde alles anders: Im Zuge seiner Reformen nahm er sich nicht nur verkrustete politische Strukturen, sondern auch den real existierenden Alkoholismus in der Sowjetunion zur Brust -- mit weitreichenden Folgen für die Lichtenberger, wie sich zeigen wird.Für jede Flasche findet sich ein passender Korken: Bereits im Dezember 1990 wurde der Ex-Kombinatsbetrleb an eine der größten deutschen Kellereien, F. W. Langguth Erben, privatl. siert -- letztlich eine Folge der Reformen. Es kommt noch besser: Unversehens profitiert BärenSiegel, von den durstigen Landsleuten wendehalber verschmäht, von den Spätfolgen des Anti-Schnaps-Kurses der Sowjetunion. "Wir verzeichnen eine erhebliche Nachfrage aus den GUSStaaten ", berichtet Prokurist Herold, ebenso wie seine Führungskollegen Hoffmann und Verwaltungsleiter Siegfried Meier gebürtiger Ostdeutscher. Mittlerweile gilt es in Kreisen, die sich Devisen-lmportware leisten können, gar als schick, Wodka aus Lichtenberg zu trinken. Die Liebe der osteuropäischen Kunden ging sogar so weit, daß -- von Markenpiraten vermutlich In Polen hergestellt -- Plagiate der Berliner Erzeugnisse unter dem schönen Namen "Bären Ziegel" aufgetaucht sind. So müssen sie allerdings auch gewirkt haben: Die Schnapspanscher haben dem Vernehmen nach sechs bis sieben durstigen Kehlen zum allerletzten Rausch verholfen.Der "Spuk" ist indes vorüber. Die nächsten Jahre drohen überdies arbeltsrelch zu werden: Ein Erwelterungsgelände konnte nach langem Hickhack von der Treuhand erworben werden. Die Lichtenberger können sich wieder ungestört der geplanten Expansion widmen, Ihr Motto: "Früher oder später trinkt ein jeder Wurzelpeter."Helmut R. RothenbuecherLetzter Qualitätstest für Goldkrone, Wurzelpeter oder Apfelkorn an der BärenSiegel-Abfüllanlage. Fotos: RehfeldTrinkfreude geht zurück Gelände wird erweitert