Ihre Steine ziehen eine Spur durch Berlin, die im Rahnsdorfer Atelier beginnt, in einem ehemaligen Pferdestall, drumherum ein Garten voller alter, Winterschlaf haltender Kirschbäume und Stachelbeersträucher. Zwischen den Stämmen stehen, liegen, hocken Skulpturen, Sandstein, Granit, Porphyr, auch Marmor. Hier, wo Ingeborg Hunzinger fast täglich dem Alter die Lehre erteilt, dass man sich von ihm nicht unbedingt in die warme Stube zwingen lassen muss, finden sich all jene Reste vom Stein, aus dem sie in gut 50 Jahren Skulpturen formte. Heute wird die Bildhauerin neunzig. Es ist, als hätte sie selber etwas von den Steinen, mit denen sie umgeht. Beharrliche Ruhe, wie die sandsteinerne "Sphinx" am Seiteneingang zum Berliner Dom. Und Erdenschwere, wie das Relief für die Luxemburg am Mehring-Platz. Wann immer eine Skulptur für den öffentlichen Raum entstand, und es waren viele, musste Ingeborg Hunzinger genau wissen, was für ein Ort das sein würde, mit welcher Historie, mit welchem Licht, das auf die Rhythmik der Figuren fallen würde.Symbolik der WendejahreFür die Auffahrt zum Schloss Gadow in der Prignitz, wo 1945 so viele Flüchtlingsfrauen ankamen, hat sie bis zum Wendeherbst 1989 eine Gruppe je zwei Meter hoher Figuren aus grauen Sandsteinblöcken - die suchte sie im Elbsandsteingebirge aus - geschlagen, Frauengestalten, die von Weitem einem Gebirgszug ähneln, von Nahem ein dramatisches Hoch-Tief der Körperformen offenbaren. Jeder Stein hat einen anderen Ausdruck, schwermütig der eine, introvertiert der andere, vital der nächste. Die Bildhauerin hatte ihnen Namen gegeben: Mühsal nannte sie die eine Figur, Besinnung und Aufbruch die folgenden. Eine hat nicht die Kraft zum Neubeginn, sie bleibt blockiert, der rechte Arm ist gereckt, aber er ist steif und wächst förmlich in den Stein hinein. Es ging hier auch um politische, soziale und poetische Symbolik. Und um Parallelen der Jahre '45 und '89. Das bekannteste Werk der einstigen Mitarbeiterin von Käthe Kollwitz im Atelierhaus Klosterstraße in den Dreißigern ist das Mahnmal "Block der Frauen", ein Auftrag des Landes Berlin von 1995. Auf einem niedrigen, mit Mosaiksteinen belegten Rondell stehen vier Blöcke aus rotem Porphyr, davor eine Figurengruppe. Das Ensemble erinnert an einen unvergessenen Akt von Zivilcourage im Kriegsjahr 1943. Goebbels hatte in einer sogenannten Fabrikaktion die letzten jüdischen Männer aus "privilegierten" Ehen mit arischen Frauen abholen lassen und die Deportation befohlen. Die Frauen dieser Männer protestierten so lange, bis die Aktion abgebrochen wurde, die Gefangenen frei kamen. Dieses "Wunder", das über 2 000 Berliner Juden das Leben rettete und das Margarethe von Trotta in "Rosenstraße" verfilmte, hat Ingeborg Hunzinger in einem halben Dutzend Jahren mit enormem Kraftaufwand aus dem Stein geschlagen; sie hat so für immer die Botschaft verewigt, dass Zivilcourage sich lohnt und selbst die Gewalt der Diktatur unterlaufen kann.Die Bildhauerin selbst, eine geborene Franck - sie ist die Großmutter der jungen Schriftstellerin Julia Franck -, hatte eine jüdische Mutter und einen "arischen" Vater, mit 17 wird sie Jungkommunistin, was sie später das Steinbildhauer-Studium bis 1938 an der Kunsthochschule in Charlottenburg bei Ludwig Kaspar kostete. Die Reichskulturkammer untersagt ihr das Studieren, so geht sie nach Italien. 1942 kehrt sie nach Berlin zurück, hat aber bis Kriegsende Arbeitsverbot. Sie heiratet, bekommt zwei Kinder, der Mann fällt. Ihr zweiter Mann, Hunzinger, hat in Spanien gegen Franco gekämpft. Nach '45 lehrt sie in Ostberlin an der Kunsthochschule Weißensee und wird Meisterschülerin bei Fritz Cremer und Gustav Seitz an der Akademie der Künste. Sie befreundet sich mit Robert Havemann, lässt sich von der Stasi nicht einschüchtern, diesen Kontakt aufzugeben. Andere Bildhauer kommen groß raus in der DDR. Sie passt sich nicht an, geht ihren Weg allein. Aber sie bleibt, die Idee vom Sozialismus hält sie. Ihre Skulpturen sprechen Bände von jener künstlerischen Gratwanderung zwischen Vision und Resignation.------------------------------Ehrungen // Die Galerie am Gendarmenmarkt zeigt Ingeborg Hunzingers Skulpturen und Zeichnungen, Taubenstraße 20, bis 5. März, Di-Sa 14-20 Uhr.Die Galerie Grünstraße stellt Kleinplastiken und Skizzen vor: Grünstr. 16, Köpenick 16.2.- 12.3. Mo/Mi/Fr 11.30-16.30 Uhr, Di/Do 13-18 Uhr.Die Rosa-Luxemburg-Stiftung, Mehring-Platz 1, gibt einen Geburtstagsempfang für die Jubilarin am 4. Februar, 17 Uhr.------------------------------Foto: Für die Künstlerin der wichtigste Ort in Berlin-Mitte: Skulpturen ihres Rosenstraßen-Denkmals.