Gerade fand in Hamburg zum dritten Mal das sympathische Comic-Festival "Äpfel Nüsse Fink und Star" statt, mit einer Handvoll hübscher Ausstellungen, einer überschaubaren Messe an bester Lage im Schanzenviertel und der Gelegenheit, Künstler und Verleger aus dem Comic-Bereich einmal an der Elbe zu treffen. Ein Höhepunkt in diesem Jahr war der Auftritt eines Verlags, den es erst seit wenigen Monaten gibt, der aber bereits mit sechs Büchern aufwarten konnte, vier davon frisch ab Presse. Der "MamiVerlag" ist das gemeinsame Projekt von Stefano Ricci, einer Koryphäe der italienischen Comic-Avantgarde, und Anke Feuchtenberger: der Berliner Comiczeichnerin, die seit zehn Jahren als Professorin an der Hamburger Fachhochschule für Gestaltung lehrt und auf dem Erlangener Comic-Salon 2008 als "beste deutschsprachige Comic-Künstlerin" ausgezeichnet wurde. Beide sind international anerkannte Künstler, beide haben bereits in vielen Verlagen ihre Werke herausgebracht. Und nun also der eigene Verlag - als sei ein solches Unternehmen nicht gerade das, wovon Betriebswirte und Szenekenner gegenwärtig mehr denn je abraten würden. Aber Leidenschaft lässt sich nicht aufhalten, und ein Blick auf das aktuelle Programm genügt, um zu sehen, dass hier zwei Menschen an einer Sache arbeiten - eher die Erweiterung als ein Nebengleis der eigenen Kunst -, von der sie beeindruckend viel verstehen."It's a kind of joke" - eine Art Scherz - sagt Ricci über das Vorhaben, "and at the same time a necessity" - eine Notwendigkeit. Die Bücher sind unterschiedlich groß und reichen im Umfang von zehn bis 470 Seiten. Die Covers, einfarbig bunter Industriekarton, sind mit einem Prägedruck versehen, der Künstlernamen und Titel mehr ahnen (oder ertasten) als lesen lässt. Druck und Fadenheftung werden von einem kleinen Betrieb bei Bologna besorgt, der mit dem Verlag, erklären die Macher stolz, an seiner Aufgabe gewachsen sei. Die Notwendigkeit ist dann der Inhalt - neben zwei Werken von Ricci und Feuchtenberger vor allem die drei Bücher befreundeter Künstler, die mit ihren Arbeiten wohl in etablierten Verlagen so schnell nicht untergekommen wären. "Diese Bücher haben uns unglaublich beeindruckt - wir mussten sie einfach machen," sagt Feuchtenberger über die japanischen Gärten von Gosia Machon, die Impressionen aus Afrika von Birgit Weyhe und die Punk-artigen Traumwelten von Jul Gordon. "They are so beautiful!" bekräftigt Ricci.Eigenartig und schön sind die drei Werke, bei denen man zumindest in einem Fall zögert, sie dem "Comic" zuzuordnen. Eckpfeiler des Programms sind aber doch die Bücher der Macher selbst. Feuchtenbergers Heldin "Superträne" fliegt heulend und mit ausgebreiteten Armen durch eine dunkle Hochhauslandschaft, wo sie Babymonstern, Männern mit Hirschgeweihen und einem wundersam leuchtenden Ei in einem Wohnzimmer begegnen wird. Riccis mit Acryl und Fettstift angefertigte Bilder - Markenzeichen des Künstlers sind seine Hände, auf denen das Fettstift-Verschmieren schwarze Schatten hinterlässt - berichten von seltsamen, theatral anmutenden Metamorphosen: ein Junge, der in einen Bären verwandelt wird, der Bär, der mit einem Hasen kämpft und sich dann mit dem Ohrenviech zu einem Faun verschmilzt.In beiden Fällen könnte man von Reduktionen aufs Wesentliche sprechen, von Erzählungen, die in sich verkapselt bleiben: Die Geschichten sind da, ungeheuer kraftvolle Bilder laden ein, sie zu entschlüsseln. Zwischen diesen Manifestationen träumt, reist und verliert sich der Nachwuchs, und die Gesamtheit des Programms erscheint als vielstimmiger Blick auf eine einzige, eigentümliche Welt, halb Comic-Erzählung, halb Bilderbogen, ganz und gar fremd. Darin mag denn auch die programmatische Notwendigkeit des MamiVerlags liegen: diesen Weltblick mit weiteren Werken weiter zu erkunden.Was den "Scherz" betrifft: Nicht zu übersehen ist in mancher Hinsicht der beinah delirierende, wenn auch höchst arbeitsintensive Leichtsinn. Die Devise des MamiVerlags heißt "machen, einfach machen" - als sei unsere Welt nicht just in einem Strudel des Zaghaften und Sicherheitsbedürftigen befangen. Das Minimum muss genügen: Klappentexte kennen diese Bücher nicht, Informationen zu den Künstlern finden sich aufs Wesentlichste reduziert im Impressum, verkauft wird aus dem Kofferraum oder über die privaten Mail-Adressen auf einer rudimentären Website, eine ISBN-Nummer gibt es nicht, weil noch keine Zeit war, eine zu besorgen. Immerhin sind Feuchtenberger und Ricci auch gerade dabei, ihr neues Heim, ein altes Schulhaus in Mecklenburg, mit viel Eigenarbeit umzubauen. Quilow, ein 90-Seelen-Dorf, ist denn auch die Adresse des MamiVerlags. Die maximale Auflagenzahl ist 1500, der Erlös der Bücher, von denen keins mehr als 15 Euro kostet, trägt die Druckkosten für das aktuelle Programm, mit Glück auch für weitere Bücher. Ein kopfloses Unternehmen! - a joke?? - aber nicht, was die Sorgfalt der Gestaltung, nicht, was die dahinter liegende Vision betrifft. Hier erheben zwei begnadete Künstler Anspruch auf einen höheren, tieferen Ernst, und mit ihm wird ihr exquisites Unternehmen zu einer Feier der Kunst und ihrer Möglichkeiten - und zu einer herzerwärmenden Oase in einer kalten, angstbesetzten Zeit.------------------------------Bücher im MamiVerlagAnke Feuchtenberger: wehwehwehsuper- traene.de, lacrimella.deZeichnungen. 48 Seiten, 20 Euro.Stefano Ricci: RadioRicci. Zeichnungen32 Seiten, 10 EuroGosia Machon: Hintergärten. Bilder 20 Seiten, 10 EuroBirgit Weyhe: Ich weiß.4 Bildgeschichten. 184 Seiten,: 17 EuroJul Gordon:CandieColouredClown. Bildgeschichten184 Seiten, 12 Euro.Ich/I/Je/IoAnthologie mit Bildgeschichten, Animationsfilmen und einem Dokumentarfilm464 Seiten + 2 DVDs15 Euro (alle Preise zuzüglich Porto)Kontakt: mamiverlag.de; E-Mail: feuchtenbergerowa@googlemail.com------------------------------Foto: Zeichnung aus Anke Feuchtenbergers Buch "wehwehsupertraene.de/lacrimella.de"