BERLIN. Manchmal treffen sich Menschen und die Dinge laufen plötzlich in eine andere Richtung. Man kann sagen, dass die Begegnung von Jürgen Jaron, Titus Tost und Tilman Herberger ein solches Treffen war. Man kann auch sagen, dass die Geschichte von Magix völlig anders verlaufen wäre, hätten sich die Männer damals nicht getroffen, irgendwann im Jahr 1993.Jaron hatte zu dieser Zeit in München eine Firma, die Magix hieß, und deren Geschäft es war, Computer zu bauen. Es waren sehr langsame Rechner, es war die Zeit als Personal Computer ihren Siegeszug in Deutschland antraten. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Dieter Rein kaufte Jaron in der ganzen Welt Computerteile und ließ sie in Deutschland zusammen setzen. Das Geschäft war spekulativ, die Preise schwankten, manchmal kamen Teile nicht in Deutschland an. Mit der Zeit wurde das Geschäft schwierig, große Firmen wie Compaq drängten auf den Markt, die Luft wurde dünn. Magix verkaufte 1 000 Rechner im Jahr - zu wenig, um sich durchzusetzen. Es wurde Zeit für eine neue Geschäftsidee.Die Idee, die Jaron hatte, war zu der Zeit etwas abenteuerlich. Er wollte eine Musiksoftware für den Normalverbraucher auf den Markt bringen. Kein Expertenprogramm, wie es sie damals schon gab. Sondern ein Programm, das jeder verstand. Das war deswegen abenteuerlich, weil im Jahr 1993 viele Deutsche überhaupt keinen PC besaßen. Und weil die PCs, die in den Wohnzimmern standen, alles andere als Multimedia-Maschinen waren.Jaron war aber von seiner Idee überzeugt. Er glaubte daran, dass die Computer sich rasch weiter entwickeln würden. Er suchte nach Partnern. In einem Fachblatt stieß er auf Tost und Herberger. Herberger hatte mit Tost eine Firma gegründet und ein Programm geschrieben, das Samplitude hieß. Es war das erste ernst zu nehmende Musikprogramm für den PC. Mit dem Programm konnte man Musikstücke arrangieren, es funktionierte wie ein Studio: es gab ein Mischpult, einen Schnittplatz, Effektgeräte. Das Programm war eine kleine Revolution.Die Männer trafen sich. In den kommenden Monaten entwarfen Tost und Herberger auf der Grundlage von Samplitude das Laienprogramm Music Maker.Das Programm verkaufte sich in den ersten Wochen 1000 mal.Bis heute haben eine Millionen Menschen den Music Maker gekauft. Es ist heute das erfolgreichste Musikprogramm Europas.Jürgen Jaron sitzt an diesem Morgen in einem Konferenzraum in der Berliner Firmenzentrale, er trägt keine Krawatte, nur Pullover und Jackett, auf der Nase eine Brille mit Rand. Er erzählt die Geschichte vom Music Maker gerne, es ist seine Erfolgsgeschichte. In der Firma nennen sie ihn seither "unseren Visionär". "Wir hatten von vorne herein die Idee, Programme zu entwickeln, mit denen wir den einfachen Nutzer erreichen", sagt er.Die Idee machte Jaron nicht nur deswegen zum Visionär, weil der Music Maker erfolgreich wurde, sondern auch weil die Idee eine Entwicklung vorweg nahm, die das IT-Zeitalter fortan bestimmen sollte. Man kann diese Entwicklung die Demokratisierung des Kreativbetriebs nennen. Waren es bislang nur Profis, die Musik, Videos, Sounds am Computer entwarfen, wuchs mit den immer schnelleren und besser ausgerüsteten Heim-PCs die Zahl der Menschen, die selbst komponieren und selbst filmen wollen.Magix bediente diese Zielgruppe. Nach und nach warf das Unternehmen Programme auf den Markt, die dem Demokratie-Prinzip gehorchten. 2001 kam die Videosoftware Video Deluxe auf den Markt, danach der Mp3 Maker, mit dem man Musikstücke verwalten kann. Seit neuestem gibt es einen Ringtone Maker, mit dem Handynutzer Klingeltöne selber entwerfen können. Die Programme zählen heute zu den meistverkauften Programmen im Bereich der Unterhaltungssoftware.Seit 2000 bietet das Unternehmen auch Online-Dienste an, über die die Kunden ihre Lieder, Videos und Fotos verbreiten können. Zu den Kunden der Online-Dienste gehören die Telekomtochter T-Online und die schweizerische Swisscom. "All diese Konzepte basieren auf der gleichen Grundidee", sagt Herberger, der heute die Entwicklungsabteilung von Magix in Dresden leitet. In allen Produkten, sagt Herberger, stecke das Prinzip des Music Makers.Das Geschäft mit den kreativen Normalverbrauchern brachte dem Unternehmen Erfolg. Aus dem kleinen Computerhändler Magix wurde über die Jahre eine Firma mit rund 250 Mitarbeitern, mit Büros unter anderem in den USA, Großbritannien, Frankreich. 1998 zog die Magix-Zentrale von München nach Berlin. 27,5 Millionen Euro Umsatz machte Magix im Geschäftsjahr 2004/2005, der Gewinn vor Zinsen und Steuern lag bei 4,9 Millionen Euro. Rund drei Millionen Online-Kunden hat die Firma derzeit, 19 Prozent des Umsatzes macht Magix mittlerweile im Internet.Das Online-Geschäft will das Unternehmen künftig ausbauen - und setzt dabei auf frisches Kapital. Am 6. April will Magix an die Börse gehen, insgesamt 5,3 Millionen Stückaktien wird die Firma ab Montag ausgeben. Die Papiere sollen zwischen 13,40 und 16,40 Euro kosten. Die Chancen für den Börsengang stehen gut: Im vorbörslichen Handel wurden am Freitag schon rund 17,50 Euro für die Aktie bezahlt. Das zusätzliche Kapital soll vor allem in Forschung und Entwicklung neuer Programme und Online-Dienste sowie in die Expansion in Korea und Amerika fließen.Dabei will das Unternehmen auch künftig in der Hauptsache Software für Laien entwickeln. "Wir wollen, dass die Leute Spaß haben, eigene Sachen zu entwerfen", sagt Jaron. Der Music Maker wird die Grundlage für die künftigen Programme bleiben. Für Tilman Herberger war dessen Erfindung ein Glücksfall. "Wir haben mit dem Programm der Konkurrenz das Fürchten gelehrt", sagt er.------------------------------Fotos (2) :Die Berliner Konzernzentrale des Softwareherstellers Magix in der FriedrichstraßeJürgen Jaron, Vorstandschef der Magix AG