Berlin bleibt Berlin? Diese Zeiten sind vorbei. Das ehemals posche Mitte ist zur billigen Amüsiermeile für Junggesellenabschiede geworden, in Friedrichshain gibt es plötzlich Bars, die nicht mehr von der einstigen Kiez-Größe Karel Duba betrieben werden, und Neukölln ist neuerdings ein Bezirk, der unbedingt des Abends besucht gehört. Damit bestehen wesentliche Teile der Stadt aus Abfüllstationen für Hostelgäste, Billigfliegerreisende und Schulklassen aus Heilbronn. Verantwortlich zu machen ist mitunter die Musikformation Bonaparte.Denn die wird derzeit als der neue Hype gehandelt. Als Quentin Tarantino angelegentlich der Premierenfeier zu seinem Film "Death Proof" in der von der Schließung bedrohten Bar 25 das Szenegetränk "Caipi" probierte, gaben Bonaparte einige Kostproben ihres Könnens. Seitdem ist der Regisseur ein glühender Verehrer der Elektro-Punk-Combo: "Ich glaube, es hat ihm gefallen", teilte der zuständige Produktmanager der für die Belange der Band zuständigen Plattenfirma Staatsakt auf Anfrage der Berliner Zeitung mit.Bei Bonaparte handelt es sich um eine circensische Musiktruppe um den aus der Schweiz stammenden Tobias Jundt, der in bester neoexistentialistischer Tradition vornehmlich mit einem blau-schwarz geschminkten rechten Auge in das Licht der Öffentlichkeit blickt. Seine in Anzahl und Besetzung dann und wann wechselnden Mitstreiter - man versteht sich als dem Wandel zugeneigtes Kollektiv - fahren ihrerseits bei Fototerminen und Liveauftritten einen sorgfältig zusammengeklaubten Mummenschanz auf: Piratenhüte, Zirkusjäckchen und das aufmerksamkeitsstarke Hasenkostüm. Darin führen sie eine herrliche Freakshow auf.Zur Gründung kam es vor knapp zwei Jahren in Barcelona, ehe sich Bonaparte mit Gigs auf illegalen Partys in Off-Locations unterhalb des Alexanderplatzes in das Stadtgespräch des Berliner Undergrounds hineinfräste.Die Geschichte der Band basiert auf dem gleichen Mythos, der Berlin hat trendy werden lassen: Nach Auskunft des Informationszettels zum im September veröffentlichten Albumdebüt "Too Much" gab sich Tobias Jundt "monatelang nur Rock & Roll, Internet und B-Movies" hin und zog sich durch diese Aktivitäten einen ordentlichen Dachschaden zu. Diese Götterdichtung stellt Bonaparte in die Tradition jener funktionslosen Slacker-Elite, die in Ermangelung eines geregelten Tagesablaufs (im bürgerlichen Leben unterrichtet Tobias Jundt die Kunst des Songwriting an einer Kunsthochschule in Zürich) nur die allerbuntesten Ideen zu generieren weiß. Bonaparte gehören also zur analogen Bohème.Dementsprechend erzeugen sie ihren Elektro-Punk vornehmlich mit lässig geschulterter Gitarre. Die Songs basieren auf abgetakelten Boogie-Riffs, zu deren Melodieführung oftmals nur wenig mehr als die dicke E-Saite erforderlich ist. Gesungen wird auf dem Tonträger durchgängig unter Verwendung von Übersteuerungseffekten. Die Kinderabzählreime, aus denen die Texte bestehen, sind dennoch glasklar zu verstehen: "You know Tolstoi / I know Playboy / You Know Too Much Too Much", heißt es im Titelsong der Platte. Der Sinn des Lebens liegt in der Welt von Bonaparte also nicht im fortwährenden Erkenntnisgewinn, sondern in der Luststeigerung. Bonaparte schlagen ein Leben als Party vor und verraten, wo es sich verwirklichen lässt: im "Mighty Mighty" im neuseeländischen Wellington, im "Jacob's House" in Oklahoma City und auf einem Berggipfel in der Schweiz. Für Berlinreisende empfehlen sie im entsprechenden Song "Do you want to party" das Westgermany und die Bar 25 und plaudern damit alles aus, was der "Lonely Planet" und andere touristische Informationsbroschüren nicht wissen dürfen.Bonaparte sind so arm und sexy, wie Berlin es einmal angeblich gewesen ist und heute gerne wäre. Sie sehen so aus wie die Gestalten aus einem Comic von Gerhard Seyfried nach einer fälligen Aktualisierung von Strich und Attitüde und klingen so wie ein Dosenbiergelage in einer unsanierten Kreuzberger Fabriketage. Sie befeuern damit das Image, dessen internationale Verbreitung dafür gesorgt hat, dass einerseits Travis-Sänger Fran Healey seinen Wohnsitz nach Berlin verlegt hat und andererseits Fetisch, Angehöriger des stilprägenden Produzenten-Teams Terranova, nach Berichten der bürgerlichen Presse nach Paris zieht, weil es dort keine billigen Hostels gibt und schon das Frühstück so lecker ist wie hier nur das Abendessen im "Grill Royal". Aber dafür können sie ja nichts.Als Botschafter des neuen alten Berlins sind Bonaparte heute Abend im Rahmen der Musikmesse Popkomm in den Messehallen unter dem Funkturm zu erleben. Bei der Verleihung des von einigen Jugendwellen der ARD spendierten "Radio Awards für neue Musik" spielen sie gegen die Bands Chapeau Claque, Cargo City und Mein Mio. Damit stellen sie sich nicht nur dem kundigen Urteil der Musikchefs der Programme MDR Sputnik, You FM vom Hessischen Rundfunk und Radio Fritz, sondern auch demjenigen von Stefanie Kloß, der Sängerin von Silbermond - der krassesten Band, die Pankow zu bieten hat.------------------------------Der Sinn des Lebens liegt also nicht im fortwährenden Erkenntnis- gewinn, sondern in der Luststeigerung.------------------------------Foto : Bonaparte spielen heute auf der Popkomm (Messegelände) beim Finale des "RadioAward für neue Musik", der von den drei ARD-Jugendprogrammen MDR Sputnik, You FM (HR) und Fritz (RBB) gestiftet wird.Die anderen Finalisten sind: Cargo City (Frankfurt a. M.), Mein Mio (Berlin) und Chapeau Claque (Erfurt). Die Konzerte werden ab 17 Uhr u.a. von Radio Fritz übertragen.Am Dienstag, dem 28. Oktober, 20 Uhr, spielen Bonaparte im Admiralspalast (mit der dänischen Indierock-Band Figurines.)