Bei Spielen wie dem martialisch-klaustrophobischen "Quake", einem der erfolgreichsten Computer-Ballerspiele, erkämpfen sich die Spielefans durch eigene Gestaltung neue, digitale Territorien. "Patches" heißen die von Amateurprogrammierern überarbeiteten Versionen bekannter Games. In einer Mischung aus eigenbrötlerischem Bastlertum und künstlerischer Ambition werden sowohl die Spielwelten wie auch Eigenschaften und Aussehen der Figuren nach eigenem Gusto verändert. Die fertigen "Levels", wie die Erweiterungen der Spiele genannt werden, stehen oft auch anderen Spielfans als Datei im Internet zum Download zur Verfügung. Anstelle der ursprünglichen Kampfmaschinen trifft man bei den neuen Versionen von "Quake" nun unvermutet auf eine feministische Kämpferin oder ein Krümelmonster als Gegner, im schlimmsten Fall auf Ronald McDonald oder ein Hitler-Konterfei.Das Phänomen der "Game Patches" existiert schon länger: "Nuderaider", eine "gepatchte" Version des populären Spiels "Tombraider", in dem eine unbekleidete Version der Hauptfigur "Lara Croft" agiert, soll sogar von der Herstellerfirma selbst lanciert worden sein. Von der Industrie werden solche Aneignungen auch sonst eher gefördert: Die "Quake"-Hersteller "id Software" haben den Quellcode des Games frei gegeben und der Spielesubkultur die Möglichkeit zum legalen und einfachen Mitprogrammieren gegeben. Neuerdings stößt dieses Phänomen auch außerhalb der geschlossenen Spielergemeinschaften auf Interesse: der Berliner Kunstverein "shift" nimmt die "Game Patches" unter künstlerischem Gesichtspunkt ins Visier. In der Ausstellung "Reload", die von Martin Berghammer und Milo Frielinghaus kuratiert wurde, sind von Künstlern gestaltete "Patches" im realen, nicht-virtuellen Raum zu sehen. Ausgehend von "Quake" haben sich hier sechs Künstler auf ebenso verschiedene wie amüsante Weise der "Quake"-typischen Interieurs angenommen und ihre eigenen Versionen des Spiels kreiert. Galerie wird zur SpielhölleGezeigt werden die Spiele auf Monitoren, die in Einbauten von Stefan Wieland stehen, welche dem Besucher sogleich ein Gefühl verschiedener "Levels" vermitteln. Zwischen den Computern sind Astrid Hermanns modellhafte Nachbauten bekannter Computer-spiele-Interieurs zu sehen. Die vier Kunst-"Patches" können auf den in der Galerie verteilten Monitoren gespielt werden, und besonders am Abend verwandelt sich der Ausstellungsraum oft in eine regelrechte Spielhölle. Zum häuslichen Gebrauch können die Patches auch von der shift-Homepage heruntergeladen werden. Die überarbeiteten Spiele führen nicht nur die Logik des Spieles, sondern auch dessen rohe und pixelblut-strotzende Qualitäten ad absurdum. Beginnt man etwa mit Holger Frieses Adaption von "Quake", wird man das Originalspiel kaum wieder erkennen. Nicht nur, dass hier die Regeln der Schwerkraft außer Kraft gesetzt werden und sich sämtliche Orientierungspunkte in einem ständigen Auf und Ab bewegen, sein Patch enthält auch unvermutete "Wurmlöcher", die den Spieler plötzlich in andere Räume beamen und ihn daraufhin in absurde Verhandlungen mit den Mitspielern verstricken. Auch bei Christine Meierhofers "Patch" ist es nicht leicht, die Orientierung zu behalten. Sie hat ihr Level in ein schwarz-weißes Drahtgitter verwandelt, in dem man sich durch Unachtsamkeit das eigene virtuelle Grab schaufeln kann. Tom Ehninger treibt dieses Spiel ins andere Extrem, indem er sein Level in eine blendende Farborgie verwandelt und so die Dimensionen unkenntlich werden lässt. Als wahrhaft multimediales wie auch den Kunstbetrieb auf die Schippe nehmendes Interieur haben "NoRoom Gallery" (Florian Muser und Imre Osswald) die Architektur der Hamburger Kunsthalle mitsamt aller sich darin befindenden Kunstwerke in eine "Quake"-Hölle verwandelt. Hier kommt nicht der Führungsdienst oder die Aufsicht um die Ecke, sondern der Mitspieler als tödlicher Gegner. Findet die Schlacht dann etwa beim Betrachten eines virtuellen Ölgemäldes statt, ergeben sich nicht nur für die Ästhetik von Computerspielen, sondern auch für die Kunstkritik neue Interpretationsmöglichkeiten. Mit Augenzwinkern zeigt "Reload", was Spiele wie "Quake" schon seit jeher vermitteln: Der Spieletod ist ein Datendandy.GAMES PATCHES Von Fans und Amateuren // Games Patches sind Versionen von bekannten Computerspielen, die von Fans und Amateurprogrammierern gestaltet wurden.Einige Hersteller von Computerspielen bieten sogar eigene Editoren an, mit denen man neue "Levels" für ihre Spiele entwickeln kann.Die Ausstellung "Reload" zeigt "Games Patches" von Künstlern.Sechs Künstler zeigen hier ihre eigenen Versionen des umstrittenen Ballerspiels "Quake". Die künstlerische Verfremdung des Originals soll den gewalt-bestimmenden Charakter des Spiels ad absurdum führen.Reload ist beim Berliner Kunstverein shift e. V. in der Friedrichstraße 122/123 von Mittwoch bis Freitag zwischen 15 und 19 Uhr zu sehen.Die Ausstellung ist bis zum 5. November geöffnet. Jeden Mittwoch abend finden ab 20 Uhr "Game-Nights" statt.

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