Die deutsche Wiedervereinigung hat Waldemar Grzimek nicht mehr erlebt. Mit welchem Ausdruck hätte dieser Wanderer zwischen Ost und West wohl darauf reagiert?Der Kritiker und Begründer der Berlinischen Galerie, Eberhard Roters, nannte den Bildhauer einmal einen "Preußischen Nomaden", der sich der europäischen Kunsttradition verbunden fühle. Heute vor 80 Jahren wurde der Figurenformer Grzimek im ostpreußischen Ratzeburg geboren, er wuchs in Berlin auf. 1984 riß ihn der Tod mitten aus der Arbeit im Atelier und weg von seinen Studenten. Damals unterrichtete der einstige Meisterschüler von Gerstel, Scheibe und Marcks an der TU Darmstadt. Zuvor hat er bis 1961 junge Bildhauer an der Kunsthochschule Weißensee ausgebildet noch davor bis Anfang 1951 an der HdK in Berlin-Charlottenburg und auch an der Burg Giebichenstein Halle gelehrt.Auf beiden Seiten des geteilten Landes blieb Grzimek ein Traditonsbewahrer, er hielt fest an der Figur. Zwar wurde er auf beiden Seiten akzeptiert, aber während er in Westdeutschland als Realist galt und damit kaum im Trend lag gab es im Osten Diskussionen um seine Figuren. Grzimeks Heinrich-Heine-Denkmal von 1958 wurde nach endloser Debatte um Realismus Formalismus nicht im ostberliner Zentrum, sondern in einer Ecke am Weinbergsweg aufgestellt. Grzimek hatte den Dichter zu alltäglich, zu introvertiert auf einem Schemel sitzend dargestellt. Die Kulturfunktionäre forderten Pathos und idealisierende Monumentalität. Wie zur Genugtuung wurde seine letzte große Brunnen-Arbeit auf dem Wittenbergplatz, mitten im pulsierenden Großstadtalltag, aufgestellt.Die Berliner Galerie Eva Poll, die Grzimeks Werk seit Jahrzehnten verbunden ist, desgleichen die Galerie Am Wasserturm, ehren den Künstler ab heute mit Ausstellungen. Die Plastiken und Skulpturen kommen aus der Grzimek-Stiftung und auch aus der Nationalgalerie. Beide Expositionen lenken den Blick auf den "Stürzenden" in Bronze, die exemplarischste Arbeit des Bildhauers. An Ikarus angelehnt, wurde die Gestalt so realistisch wie metaphorisch geformt, in ihr einen sich Schmerz und visionäre Kraft. Eberhard Roters sprach hier von einer "Umverteilung der Massenverhältnisse", von einer "Antiskulptur" im Kontext tradierter Bildhauerei. Stehende, Liegende, Hockende belegen Grzimeks Formen-Klaviatur. Über 400 Skulpturen, zumeist in Bronze gegossen, bilden ein uvre, das beide Ausstellung sensibel ausbreiten von der Porträtbüste zum Relief, vom Akt über die Tierplastik bis zur Gruppenkomposition, beispielsweise für das bekannte Mahnmal in Sachsenhausen. Waldemar Grzimek verstand sich nicht nur als dionysisch schaffender Künstler, der sich intensiv mit Liebe und Eros auseinandersetzte und dem Franzosen Rodin verwandte, üppige, vitale Frauengestalten schuf. Er war auch geprägt durch die Erfahrung der Hitler-Diktatur und des Krieges ein politischer und sozial engagierter Mensch. Künstlertum begriff er durchaus auch in gesellschaftlicher Verantwortung. Sein dreifiguriges Requiem für Sachsenhausen ein Pendant zu Fritz Cremes Buchenwaldgruppe gehört trotz des verhaltenen Pathos zu den gültigen und eindringlichen Mahnmalen.Die Kunstgeschichte nennt Grzimek in der Reihe der wichtigen Berliner Bildhauer des Jahrhunderts. Sein Werk ist geschult an der figurorientierten Berliner Bildhauerschule von Schlüter über Schadow bis zu Blumfeldt. Nicht zuletzt zeigen die beiden Berliner Gedenkausstellungen, wie hartnäckig Grzimek die plastischen Möglichkeiten ergründete von statuarischer Strenge über die expressive, raumgreifende Bewegung bis zur sinnlichen und lyrischen Interpretation.