Die Berliner Gerichtsmediziner untersuchen jährlich etwa 2 400 Leichen - von Selbstmördern, Unfall- und Verbrechensopfern. 71 Morde wurden 2004 registriert - aber womöglich waren es doppelt so viele. Das schätzen zumindest die Ermittler in Weiß.: Diagnose Mord

Der erste Schnitt beginnt am Kopf. Der Obduzent zieht mit einem Skalpell über den Scheitel, von einem Ohr zum anderen. Danach lässt sich die Kopfhaut nach hinten wegrollen - ganz so, als zöge man dem Toten eine Perücke vom Kopf. Mit einer Säge wird dann der Schädel aufgesägt - ganz vorsichtig, damit das Gehirn und die Hirnhäute nicht verletzt werden. An Blutungen zwischen den Hirnhäuten kann man zum Beispiel erkennen, ob das Opfer auf den Kopf geschlagen wurde, obwohl äußerlich kaum etwas zu sehen ist.Professor Volkmar Schneider ist Leiter des gerichtsmedizinischen Instituts in Dahlem. Er und seine Kollegen untersuchen in Berlin jährlich etwa 2 400 Leichen, bei denen die Todesursache nicht eindeutig ist. Das sind zwischen zwei und sechs Prozent aller Toten - "im Vergleich zu anderen Bundesländern ist das relativ viel", sagt Schneider. Es kommt trotzdem noch vor, dass Mörder unentdeckt bleiben. Rechtsmediziner sprechen von bis zu 1 100 Tötungsdelikten jährlich, die in Deutschland nicht erkannt werden - das wäre jeder zweite Mord. Grundlage für diese Schätzung ist eine Studie der Gesellschaft für Rechtsmedizin. Untersucht wurden 13 000 Leichen, die in Krematorien ohne Obduktion eingeäschert werden sollten. 92 von ihnen waren - anders als auf dem Totenschein vermerkt - eines unnatürlichen Todes gestorben. Der Tod trat bei 82 Fällen als Folge eines unerkannten Unfalls oder ärztlichen Kunstfehlers ein, zehn Mal lag ein Tötungsdelikt vor, ohne dass dies jemand bemerkt hatte. "Die besten Chancen hat ein Mörder, wenn die Leiche gar nicht erst in den Sektionssaal gelangt", sagt Schneider. Das kann dann der Fall sein, wenn alles harmlos aussieht, der Hausarzt nicht lange untersucht, gleich auf Herzversagen tippt, und der Tote schnell unter die Erde kommt. "Die größte Gefahr für Ermittler besteht darin, dass die Hausärzte etwas übersehen", sagt Schneider. Weil sie unerfahren sind, weil die Lichtverhältnisse schlecht waren, weil sie die Leichen nicht vollständig entkleideten oder nicht von allen Seiten betrachteten.Alle Ärzte dürfen einen Totenschein ausfüllen. Bei mehr als 90 Prozent aller Verstorbenen kreuzen sie "natürliche Todesursache" an. "Bis zu 60 Prozent der Angaben auf den Totenscheinen", schätzt Schneider, sind aber falsch. Gern wird der Fall einer Ärztin aus Hannover erzählt, die 20 Messerstiche im Rücken eines Opfers übersah, weil sie dessen Pullover nicht hochgeschoben hatte. Allerdings ist das ein Einzelfall, der zudem viele Jahre zurückliegt. Ein anderer Fall zeigt viel gravierender die Misere der Leichenschau. Im Februar wurde in Bayern ein Krankenpfleger festgenommen, der Patienten einen tödlichen Medikamenten-Mix verabreicht hatte. Erst nach 29 Morden fiel die Sache auf. Als die Schwerstkranken starben, hatten sich die Ärzte wenig Gedanken gemacht und gar nicht erst nach einer anderen möglichen Todesursache gesucht. Während in Skandinavien zum Beispiel 30 Prozent der Toten obduziert werden, hat die Gerichtsmedizin in Deutschland keine große Lobby. Rechtsmedizinische Institute müssen schließen oder werden zusammen gelegt - aus Kostengründen wird gern auf Obduktionen verzichtet. Zwischen 195 und 396 Euro kostet eine Sektion, je nach Zustand der Leiche, am teuersten ist es, wenn Fäulnis Spuren hinterlassen hat. In Berlin ist zwar die Zahl der Obduktionen in den vergangenen Jahren nahezu konstant geblieben. Aber nun sollen die Stellen für die Gerichtsmedizin von diesem Jahr an drastisch reduziert werden. Derzeit gibt es 49 Mitarbeiter - 16 von ihnen sind Ärzte, zwölf Männer und vier Frauen. Künftig soll es nur noch insgesamt 15 Stellen geben, davon sieben für Ärzte. "Das kann dazu führen, dass wir nicht mehr arbeitsfähig sind", sagt Schneider.Die Gerichtsmediziner werden immer dann von den Ermittlungsbehörden eingeschaltet, wenn die Todesursache unklar ist: bei offensichtlichen Tötungsdelikten, bei Anzeichen auf einen ärztlichen Kunstfehler, bei 20 Prozent aller Suizide, bei einem Viertel aller Verkehrsunfälle - um exakt herauszufinden, wie der Unfall geschah und ob Alkohol eine Rolle spielte. Liegt erst einmal eine Leiche bei Schneider und seinen Kollegen auf dem Tisch, hat ein Täter wenig Chancen, dass etwas verborgen bleibt. "Ich bin 39 Jahre im Amt, ich kann mich nicht erinnern, einmal etwas übersehen zu haben", sagt Schneider. Vieles ist eindeutig, manches Erfahrungssache. "Man bekommt mit den Jahren ein Gespür dafür, wenn etwas nicht stimmt", sagt Schneider. Als Beispiel nennt er eine Obduktion wegen eines Verdachts auf einen ärztlichen Kunstfehler. Eine Passage in der Krankenakte des Toten ließ ihn stutzig werden. Die Diagnose war verbessert worden - mit einer anderen Handschrift. "Da haben wir noch einmal ganz genau hingeschaut und einen ärztlichen Kunstfehler gefunden." An die 60 000 Tote hat Schneider gesehen. Er kennt den menschlichen Körper in allen Stadien seines Verfalls und mit all seinen Gerüchen. Er sagt, "man lebt intensiver, wenn man jeden Tag sieht, wie schnell es zu Ende gehen kann". Im Obduktionssaal ist er in erster Linie Arzt und die Leiche vor ihm "eine Sache, die wissenschaftlich zu untersuchen ist. "Wir sind den Toten und ihren Angehörigen eine letzte Aufklärung schuldig", sagt Schneider. Respekt gehört dazu. "Wir achten die Totenruhe, bei einer Obduktion wird nicht geraucht, keine Musik gehört." Schneider hat in seinem Seziersaal Geschichte erlebt. Der Student Benno Ohnesorg,erstes Opfer während der Studentenbewegung im Jahre 1967, lag vor ihm auf dem Tisch. Der Präsident des Kammergerichts, Günter von Drenkmann, 1974 von RAF-Terroristen erschossen. Die Frau von Bubi Scholz, der Boxer erschoss sie 1984 durch die Badezimmertür. Oder die vier Kurden, im Februar 1999 beim Sturm auf das israelische Generalkonsulat von Schüssen tödlich getroffen. Jede Obduktion muss von einem Richter angeordnet werden. Dann wird ein Zettel um den Zeh des Toten gebunden, darauf steht: "Beschlagnahmt durch den Polizeipräsidenten". Die Leiche kommt - in Folie gewickelt - zunächst ins Leichenschauhaus in der Ivalidenstraße, dort ist Platz für 76 Tote. Mitarbeiter schreiben mit Filzstift eine Registriernummer auf einen Unterschenkel. Wer nicht gleich identifiziert werden kann, wird tiefgefroren - und kann ein paar Monate in der Eiskammer liegen. Derzeit liegt dort niemand.An vier Tagen in der Woche bringen die grünen Kastenwagen der Gerichtsmedizin die Leichen in Wannen aus Edelstahl ins Gerichtsmedizinische Institut nach Dahlem. Aufs Gramm genau werden die Toten gewogen, dann gemessen, dann in einem Buch registriert - mit Name, Nummer, Alter. Später fügt der Obduzent die Todesursache hinzu, schreibt auf, was an Gewebe entnommen wurde, hat Platz für "besondere Bemerkungen". Im Erdgeschoss der alten Villa können vier Obduzenten gleichzeitig arbeiten. Bis zu sieben Leichen schafft man in Dahlem pro Tag. "Leichensachen sind Sofortsachen", sagen die Ermittler. Das heißt, es muss schnell gehen - wegen der Verwesung, und weil ein Täter gefasst werden soll. Bei Mord fährt ein Gerichtsmediziner sofort zum Tatort. Der Obduktionssaal unterscheidet sich nicht viel von einem Krankenhaussaal. Wände und Boden sind weiß gefliest. Erstaunlicherweise riecht es kaum nach Desinfektionsmitteln. "Wir arbeiten sauber, aber nicht steril", sagt Schneider. Die Obduktionstische sind aus Edelstahl, ebenso die Werkzeuge an den Fußenden. Es sind die gleichen, die auch Chirurgen benutzen - Messer, Scheren, Pinzetten und Skalpelle. Im Regal stehen Gläser, in denen Stückchen von Leber, Nieren, Gehirn in Formalin schwimmen. Sie kommen von hier ins Labor. Das meiste ist Routine. Zwei Stunden dauert dann eine Obduktion, acht sind es, wenn es komplizierter wird. Meist können Gerichtsmediziner einen Todeszeitpunkt bis auf die Stunde genau feststellen. In so manchem Fall hat es genügt, das Alibi eines Täters zu erschüttern. Manchmal ist die Todesursache gleich offensichtlich. Auf einem Foto, das im Flur des Dahlemer Instituts hängt, ist ein Zapfhahn zu sehen. Der Mörder hat ihn in den Kopf einer Gastwirtin gerammt. Das Bild daneben zeigt 45 Kugeln in einem Kopf. Dennoch wird immer bis zum Ende weiter untersucht, weil sein kann, dass das Opfer doch ganz anders zu Tode kam. Die Methode ist immer die gleiche: Erst wird der Kopf aufgeschnitten, dann die Brust, dann der Bauch. Nacheinander werden die Organe entnommen. Sie werden gewogen, auf Veränderungen unter sucht, fotografiert und - wenn nötig - in eine Kühlbox gepackt und an Experten weitergeschickt. Der Toxikologe hat sein Labor im selben Haus, der Biologe sitzt im Naturkundemuseum. Jeder Befund wird außerdem vom Obduzenten auf ein Diktiergerät gesprochen. An hand einer Wunde kann der Gerichtsmediziner exakt sagen, aus welcher Richtung der Täter schoss oder wie er sein Messer ansetzte. Das kann wichtig sein für die Frage, ob es Mord war, Totschlag oder Notwehr - wichtig dafür, wie ein Täter später vor Gericht bestraft wird. Ein bleistiftdickes Büschel Kopfhaare genügt um herauszufinden, wer chronischer Alkoholiker war oder andere Drogen in welcher Menge nahm. Punktförmige Blutungen in den Augenbindehäuten weisen darauf hin, wie lange ein Opfer gewürgt worden ist.Die meisten Mordopfer in Berlin sind brutal zugerichtet. Im vergangen Jahr ermittelten die Berliner Kriminalisten in 71 Fällen wegen vollendeter Tötung, alle Täter wurden gefasst.Die meisten Toten, die vor Professor Volkmar Schneider liegen, wurden Opfer stumpfer Gewalt. Das heißt, sie wurden erschlagen oder zu Tode getrampelt. Gleich danach kommen tödliche Verletzungen durch scharfe Gewalt wie etwa Stiche mit einem Messer. Etwa gleich hoch ist die Zahl jener Menschen, die erwürgt oder erschossen wurden "Das Töten in der Stadt", sagt Schneider, "geht sehr primitiv vonstatten." Der klassische Giftmord kommt so gut wie gar nicht mehr vor. Am Ende einer Obduktion werden die Organe wieder in den Körper gelegt und der Schnitt sauber vernäht, damit keine Flüssigkeit austritt. Dann sollte die Schürze des Obduzenten noch immer weiß sein, sagt Schneider. Blut darf nicht spritzen beim Sezieren. Sonst hat der Arzt nicht sauber gearbeitet.------------------------------DER OBDUZENT UND SEIN ARBEITSTISCH // Dieser Seziertisch ist aus Edelstahl und fest montiert. Andere Tische kann man in der Höhe verstellen. An einem Ende befindet sich ein Abflussbecken und ein Wasserhahn zum Abspülen von Organen.Der Obduzent steht immer rechts vom Kopf des Toten. Eine Obduktion kostet zwischen 195 und 396 Euro und dauert zwei bis acht Stunden. Die Werkzeuge sind die gleichen, die auch Chirurgen benutzen.Griffbereit liegen Haken, Scheren, Pinzetten, Skalpelle. Mit der schwarzen Säge wird der Schädel aufgesägt, mit einer der Zangen daneben der Brustkorb aufgeschnitten.------------------------------Foto: Volkmar Schneider leitet das gerichtsmedizinische Institut.