Die Berliner Industriearchitektur ist einzigartig. Sie sollte auf die Liste des Weltkulturerbes: Große Werke

Hoch oben in der Wand der Fabrikhalle sind verschlungene Sandsteinornamente zu erkennen, Sonnen, Blitze. Eine Gruppe amerikanischer Studenten steht auf der Wilhelminenhofstraße in Oberschöneweide, debattiert über die Stein- und Stahlkonstruktionen der monumentalen Industriebauten, die großen Hallen und die kleinen Dekors, erkennt die Symbole der Elektrizität. Um Bauten wie die 1897 nach Plänen des Architekten Paul Tropp eingeweihte Turbinenhalle des späteren AEG-Kraftwerks Oberspree anzusehen, sind sie aus Atlanta gekommen. Die schwerfällige Tourismusindustrie hat noch nicht erkannt, was diese postindustriell aufgewachsenen Amerikaner längst sehen: Berlin ist nicht nur Love Parade, Museumsinsel, Nofretete, Staatsoper und Klein-Istanbul, sondern war bis 1980 auch die größte Industriemetropole zwischen Atlantik und Ural. Zwar wurde die Industrie durch die Teilung der Stadt seit 1948 und schließlich den Zusammenbruch der DDR ruiniert. Doch immer noch kann man hier wie in kaum einer anderen Stadt der Welt zweihundert Jahre westliche Industriegeschichte an den Bauten ablesen. Diese Geschichte beginnt bei der Eisernen Brücke im Schlosspark von Charlottenburg von 1800, hat ihren Höhepunkt mit den zwischen 1890 und 1939 entstandenen Bauten der BEWAG, der AEG, von Borsig oder Siemens und endet mit den gerade übergebenen Hightech-Sonnendächern des Lehrter Bahnhofes. Fabrikbauten prägen bis heute ganze Stadtteile: Moabit, Wedding, Oberschöneweide, Siemensstadt, Tegel und die Hinterhöfe in den Arbeitervierteln des späten 19. Jahrhunderts. Ihre Zukunft ist ungewiss - am Donnerstag und Freitag wird auf einem Kongress der Universität der Künste darüber debattiert werden. Denn auch wenn Fabriketagen als "Lofts" zum Hit auf dem Wohnungsmarkt geworden sind: Was aus den großen Hallen werden soll, weiß man nicht. Über viele Jahre hielt der Senat nach der Wende an der Illusion fest, dass sich in den alten Industriegebieten neue Industrien ansiedeln könnten. Tatsächlich sind auch viele kleinere Betriebe in die alten Hallen eingezogen. Doch hat der Senat versäumt, realistische Szenarien zu entwickeln - und oft wurden Doppelstrukturen aufgebaut, die heute den Altbauten schaden: So etwa entstanden in Adlershof für die Humboldt-Universität und die Medienindustrie genau die großen Hallen, die in Oberschöneweide seit zehn Jahren leer stehen. Zwar soll jetzt die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft hierher umgelagert werden - doch wieder scheut man den großen Schritt, will nur einen kleinen Seitencampus anlegen. So wird weder der Hochschule noch den Industriedenkmälern langfristig geholfen werden. Die Hallen brauchen eine neue Aufgabe, und sei es die, als Bibliothek, als Mensa, als Lager für Archive oder Steinsammlungen zu dienen. Ein Denkmalmanagement für die einzigartige Berliner Industriearchitektur ist also dringend nötig. Immerhin ist sie von solcher Qualität, dass immer wieder die Forderung erhoben wird, sie neben der Museumsinsel und den Parks von Potsdam auf die Liste des Weltkulturerbes zu setzen.BAUKASTEN // Manche Industriebauten in Berlin werden noch heute genutzt und sind nur von außen zu besichtigen. Auf Nachfrage oder am Tag des offenen Denkmals (14. September) öffnen aber viele ihre Türen. Infos: http// tag-des-offenen-denkmals. de.BESONDERS SEHENSWERT: AEG am Humboldthain, Brunnenstr. 107, Wedding. 1870 als Schlachthof angelegt, kaufte Emil Rathenau das Gelände 1895 und ließ das Areal mit AEG Maschinenfabriken bebauen. Auffällig:das monumentale Eingangstor von F. Schwechten.AEG Oberschöneweide und Abspannwerk Oberspree, Wilhelminenhofstr. 76-78, Köpenick. Das riesige Gelände wurde 1915 für die Nationale Automobil AG gebaut. Planungen stammen u. a. von Peter Behrens. Allein die Fronten des Haupt- gebäudes sind über 1 km lang.AEG-Turbinenhalle, Huttenstr. 12-16, Moabit. Gilt als wichtigster Industriebau Berlins. Halle ohne tragende Wände in Stahlskelettbauweise. Die Turbinenhalle ist wegweisend für Industriebauten bis heute. Gebaut von Peter Behrens (1909).AEG-Montagehalle, Hussitenstr. 24, Wedding. Angelehnt an die Turbinenhalle baute Peter Behrens 1911 die Montagehalle für Großmaschinen mit einer Länge von 180 Metern. Besonderheit: Komplett verglastes Dach.Borsigwerke, Berliner Str. 11, Tegel. Industriekomplex mit zehn Einzelbauten, die entlang einer Hauptachse angelegt sind. Besonders schönes Beispiel der Industriearchitektur des ausgehenden 19. Jhrd. , die mit Rund- und Segmentbogenfenstern, Giebeln, Pilastern und anderen Schmuckelementen einer historisierenden Idee verpflichtet ist.AUSSERDEM: Deutsche Niles-Werkzeugmaschinen-Fabrik, Wilhelminenhofstr. 83-85, Köpenick. Paul Tropp, E. Ziesel (1899-1940).Heizkraftwerk Moabit, Friedrich-Krause-Ufer 10, Moabit. Franz H. Schwechten (1899).Hochbahnanlage Bülowstraße. Heinrich Schwieger, Alfred Grenander, Bruno Möhring, Cremer & Wolffenstein (1899).Kraftwerk Klingenberg, Köpenicker Chaussee 42-45, Lichtenberg. 1925-26 von Waltar Klingenberg und Werner Issel.Siemenswerke, Nonnendammallee 72, 101 und 104, Spandau. K. Janisch, Carl Dihlmann, Friedrich Blume, Hans Hertlein, Walter Henn (1906-59).Umspannwerk Wilhelmsruh, Kopenhagener Str. 83/89, Pankow. Hans H. Müller (1925).Wasserwerk Friedrichshagen, Müggelseedamm 301-307, Köpenick. Schultze, Gill (1893).BERLINER ZEITUNG/GERD ENGELSMANN Das Eingangstor zu den Borsigwerken: Um1900 schmückten sich Industrieanlagen noch mit Zunftsymbolik.