Die Berliner Jazzsängerin Lyambiko und ihr neues Album "Love. And Then": Mehr als ein Fräuleinwunder

Jazz verkauft sich seit einiger Zeit ja wieder ganz hervorragend, zumindest wenn seine Interpreten weiblich sind. Zwischen all den Fräuleinwundern, mit denen man hierzulande den Verheißungen des neuen Marktes nachkommen will, bildet sie die wunderbare Ausnahme: Lyambiko, deutsch-tansanische Sängerin mit Wohnsitz in Berlin, klingt nicht so, als wolle sie mit ihrem Gesang die Wände von Supermärkten tapezieren. Ihre stimmlichen Modulationen, hörbar an Billie Holiday, Sarah Vaughan und vor allem Abbey Lincoln geschult, sind niemals Selbstzweck. Die Musik folgt den Worten - und doch kann sie diesen auch neue, ungeahnte Bedeutungen erschließen. Das ist es schließlich, was die Größe einer Jazz-Sängerin ausmacht. Eine Melodie ist niemals nur eine Melodie.Sowohl auf ihrem ersten tollen Album als auch auf ihrem zweiten tollen Album variierte Lyambiko Anfang des Jahrzehnts "Afro Blue", jene Hymne ans motherland, die Ende der 50er Abbey Lincoln bekannt gemacht hat. Die Wahlberlinerin gab dem Klassiker einen ganz eigenen sehnsuchtsvollen Klang. Auf ihrem folgenden Debüt für den SonyBMG-Konzern, unter hohem Druck eingespielt, konnte sie den delikat in Szene gesetzten Standards keine eigene Note abgewinnen. Schöne Stimme, schaler Klang.Umso erfreulicher, dass sie sich für ihr zweites Major-Werk gesanglich wieder weiter hinauswagt: "Love. And Then" handelt von Sehnsucht und Selbstaufgabe, Verlustängsten und Vereinigungsprozessen. Also von all dem, was man unter dem Oberbegriff Liebe zusammenfasst. Interessanterweise interpretiert Lyambiko zu diesem Zweck nur wenige Evergreens ("Never Let Me Go"!) und setzt verstärkt auf unbekannte Songs zeitgenössischer Berliner Komponisten. Die meisten stammen von dem Saxofonisten Finn Wiesner, dessen sportive Akkordik und unsentimentale Lyrics die Sängerin zu interessanten Erkenntnissen befördert haben. Im grandiosen "Lost Melody" etwa stemmt sich Lyambiko mit den Worten "Singing my melody I can not find an ending/All the notes that would comfort me are lost in an empty chord" gegen die zyklischen Basslinien ihres Bassisten Robin Draganic. Alle vertrauten Töne sind verloren in einem leeren Akkord: Brillant, wie diese Reflexion über die Musik sich in eine Reflexion über zwischenmenschliche Dynamiken verwandelt. Das macht den komplett klischeefreien Jazz von Lyambiko inmitten all der freudlosen deutschen Fräuleinwunder zu einer aufregenden Angelegenheit.Die Musik auf "Love. And Then" ist ein schönes Abenteuer. Du kannst nicht sicher sein, wo sie dich am Ende hinführt. Wie die Liebe.Lyambiko: Love... And Then (SonyBMG) Konzert: 21. 3., Unique Music Lounge------------------------------Foto: Deutsch-tansanische Sängerin mit Wohnsitz in Berlin: Lyambiko.