Direkt hinter dem Eingang in den zentralen Treppenraum ist ein Saal angeordnet, durch eine hohe Öffnung zugänglich und von oben einzusehen. In diesem Saal wird etwas Besonderes stattfinden, denn zum ersten Mal in ihrer Geschichte hat die Berlinische Galerie die Möglichkeit programmatisch in einem Raum ausschließlich die aktuellsten Positionen aus bildender Kunst, Fotografie und Architektur zu zeigen. Zur Eröffnung dieses neuen Projekt- und Experimentierraumes "jetzt/now" wird die Installation "Dark Matter" von Eva Grubinger vorgestellt. Die gebürtige Österreicherin gehört zu einer Gruppe jüngerer Berliner Künstler, die in den letzten Jahren international auf sich aufmerksam machten. Grubinger verwendet in ihren Arbeiten eine Vielzahl von Techniken und Medien, um die psychologische und ökonomische Wirkung von Technologie auf das Individuum, die gesellschaftliche Funktion von Kunst und die Semiotik von Verschwörung zu untersuchen. Mit dieser Serie von monochromen Skulpturen, welche 2003 anlässlich einer Ausstellung im Baltic Centre for Contemporary Art in England entstand, geht die Künstlerin ihrer Faszination für Fragen der Macht, der Überwachung und dem damit verbundenen Gefühl von Angst nach, von der unsere gegenwärtige Gesellschaft maßgeblich beherrscht wird. Im Mittelpunkt der Installation mit sechs Objekten steht ein überdimensioniertes "Headset", also ein Kopfhörer mit Sprechmuschel. Unheimliche elektronische Geräusche dringen aus seinem Inneren heraus. Sie wurden - aus menschlichen Stimmen erzeugt - speziell für diese Skulptur von dem Wiener Soundkünstler Curd Duca generiert. Zusammen mit einer schwarzen opaken "Fensterfront", die, an der rückseitigen Wand des Raumes entlanglaufend, Betrachter und Objekte widerspiegelt, suggeriert die Arbeit einen unsichtbaren, aber omnipräsenten Beobachter.Die Ausstellung umfasst vier weitere schwarze Objekte - allesamt auf menschliches Maß geschrumpfte Archetypen industrieller, militärischer und urbaner Architektur: einen Kontrollturm, einen Kühlturm, einen Reaktor und ein Hochhaus. Die aus Holz, Edelstahl und Acrylglas gefertigten Skulpturen wirken abweisend und kalt. Mit ihrer opaken, teilweise spiegelnden Oberfläche senden sie widersprüchliche Signale aus: Sie verschleiern die Aktivitäten in ihrem Inneren, während sie gleichzeitig absolute Transparenz suggerieren. Das Schwarz, die Spiegelflächen, die sinnverwirrenden Größenverhältnisse erinnern an Träume, Angstträume, wie sie die Surreallisten, allen voran Max Ernst oder zuvor schon Goya, zu gestalten wussten. Waren es dort personifizierte Ungeheuer, so gehen Grubingers Objekte von der Unheimlichkeit ihrer Wirkung aus, die darin besteht, dass sich dahinter eine aktuelle, bedrohliche, undurchschaubare Macht zu verbergen scheint. Mit der Installation "Dark Matter" hat die Künstlerin eine Arbeit geschaffen, die ihren gestalterischen Weg zur Sichtbarmachung von gesellschaftlichen Verhaltensmustern konsequent weiter verfolgt.Am 25. November (19 Uhr) wird Beatrice von Bismarck zu dieser Ausstellung einen Vortrag mit dem Titel "Creative Economies oder künstlerische Rollenmodelle mit schmaler Taille" halten.Eva Grubinger, "Dark Matter", 23.10.04-2.1.05. Es sind der vom Baltic Centre erstellte Katalog und ein Faltblatt erhältlich.------------------------------Foto: Sinnverwirrende Größenverhältnisse: Eva Grubingers Installation "Dark Matter" (2003).