Die Beziehung war innig, an Herzlichkeit kaum zu überbieten und wurde jahrelang von beiden Seiten befördert. Doch nun hat er Schluss gemacht. "Franzi von Speck. Als Molch holt man kein Gold", höhnte Chefredakteur Franz Josef Wagner am Dienstag auf der Titelseite seiner "B.Z." über das enttäuschende Abschneiden der Franziska van Almsick bei den Olympischen Spielen. So lassen sich Geliebte nur ungern anreden. Auch die Leser des Berliner Boulevardblattes insistierten heftig: 3 000 wütende Proteste erreichten die Redaktion. Worauf Wagner die Schlagzeile gern rückgängig gemacht hätte und eingestehen musste: "Ja, wir schlachten momentan eine Göttin. Und die ganze Stadt heult auf." Letzteres ist vielleicht ein wenig übertrieben, aber Wagner ist nun mal ein Mann des Boulevards. Dicke Franzi, gutes KindUm Schadensbegrenzung bemüht, versuchte er in der Mittwochausgabe, seine rüden Vorhaltungen über die Gewichtsprobleme der einst Verehrten zu entschuldigen. "Aus enttäuschter Liebe" sei die Schlagzeile entstanden, schrieb er auf Seite drei. "Ich kenne Franzi seit Jahren, ich bin mit ihrem Manager befreundet - und ich bin ein Fan von ihr." Und genau deshalb habe er auch so deutlich werden müssen: "Wen man liebt, dem muss man auch die Wahrheit sagen." Die Botschaft ist bei van Almsick angekommen. Jedenfalls glaubte sie, sich der Zeitung erklären zu müssen. Auf der gestrigen Titelseite konnte Wagner ankündigen: "Franzi öffnet der BZ ihr Herz". Doch die Beichte enttäuschte. Mehr als zwei dürre Zitate über Kopfweh und Verwirrung am Startblock konnte das Blatt nicht liefern. Zwar rühmt sich der "BZ"-Reporter in Sydney seiner engen Kontakte zu der Schwimmerin. Doch auch er hat nicht verhindern können, dass Franzi nach dem Rennen wortlos verschwand. Wie auch immer, bislang hat Wagners "B.Z." auf das eine und andere überflüssige Pfund bei Franziska van Almsick dezenter hingewiesen. "Franzi zu dick?", fragte das Blatt bereits im Mai 1999 bang, um gleich versöhnliche Töne nachzuschieben. "Aus einem 16-jährigen Schwimm-Küken wurde eine reife Frau, ansehnlich, mit wunderbaren Rundungen." So etwas hören Geliebte gemeinhin schon lieber. Auch als "Franzi" wenige Monate darauf in einem Café beim Schlemmen gesichtet wurde, nahm sie die "B.Z." in Schutz. "Die Süßspeis-Prinzessin" soll einen Nachtisch für vier Personen und 60 Mark verschlungen haben, "und die Gäste schwören, sie hat ein Wämpchen". Nichts schien der Zeitung zu entgehen, zumal, wenn es "Franzis" Aussehen betraf. "So fraulich, so schön", schwärmte die "B.Z." im Januar dieses Jahres und fragte: "Wofür springt sie eigentlich noch ins Wasser?" Im Juni bildete das Blatt die Sportlerin als Party-Girl ab und dichtete dazu: "Das Bett ist zerwühlt, die Flasche Rotwein halb leer, die Zigarette hängt im Mundwinkel ganz schön verrucht." Und noch Anfang September, wenige Tage vor Olympia, ließ die "B.Z." zu einem "Franzi"-Foto ihrer Fantasie ungezügelten Lauf: "Ein Bild voller Erotik. Die Hände umschließen den schönen Busen. Die knallroten Lippen knabbern am Silber-Kettchen."Auch sonst kümmerte sich die Zeitung rührend um sämtliche Belange der Franziska van Almsick. Die, um das nicht zu vergessen, ihrerseits mit Exklusiv-Interviews und freimütigen Äußerungen die innige Beziehung mit der "B.Z." aufrecht erhielt. Vor allem über das Liebesleben der Franziska van Almsick war der "B.Z."-Leser stets bestens informiert. "Wenn ich Sex haben will, hab ich Sex", berichtete das Blatt im April und ließ sogar eine Wahrsagerin über die Zukunft der Sportlerin orakeln: "Franzi im Dauer-Glück. Ich sehe 2 süße Kinder". Von Speck und Molch war nicht die Rede.Chronologie einer Beziehung // Noch am Sonnabend jubelte die "B. Z. " auf ihrer Titelseite zum Olympia-Start in Sydney: "Geliebte Franzi". Bereits Wochen zuvor hatte das Blatt jeden Schritt ihrer "Gold-Nixe" protokolliert - ob im Whirlpool oder beim Masseur "Sie lacht, sie juxt, sie strahlt", berichtete die "B. Z. " am 13. September und stellte fest: "Franzi macht Olympia Spaß".Am Dienstag, nachdem Franziska van Almsick in der Vorrunde über 200 Meter Kraulen nur den elften Platz erreichte und das Finale verpasste, spottete das Blatt: "Franzi von Speck. Als Molch holt man kein Gold". Im Innenteil der Zeitung ging der verbale Angriff dann weiter: "Erst abgesoffen, dann untergetaucht" sei sie, "langsam" und "schwerfällig".Am Mittwoch schlug die "B. Z. " nach tausenden empörten Leser-Reaktionen wieder moderatere Töne an. "Franzi öffnet ihr Herz", exklusiv natürlich. Schmerzen, nicht Speck, seien Schuld an ihrem schlechten Abschneiden. Chefredakteur Franz Josef Wagner räumt ein, die gestrige Schlagzeile aus "enttäuschter Liebe geschrieben" zu haben.Franz Josef Wagner ist seit Juni 1998 Chefredakteur der Berliner Boulevardzeitung "B. Z. ".Zuvor entwickelte Wagner für den Burda-Verlag eine Illustrierte mit dem Arbeitstitel "Korsika", die aber nie erschien.Bis 1996 war Franz Josef Wagner Chefredakteur der Illustrierten "Bunte".