Berlin bringt die Verhältnisse zum Tanzen wie keine andere Stadt in Deutschland. Ob Dienstag oder Sonnabend, irgendwo findet sich in Berlin für jede Nacht ein Tanzboden. Zu Techno oder Rock, House oder Soul, unter Russen oder zum Essen, mit Gogo- Tänzerinnen oder atemberaubendem Panoramablick über den Potsdamer Platz - für jeden Geschmack gibt es eine Adresse. Die Berliner Zeitung stellt in den kommenden Wochen unter dem Titel "Berliner Nächte" 40 angesagte Clubs in einer Serie vor - immer einen an den Ausgeh-Tagen Donnerstag, Freitag und Sonnabend. Auf zum Tanz.------------------------------Wer in Röhrenjeans und Chucks kommt, läuft Gefahr, als gutes Beispiel durchzugehen. Enge Jeans und Stoff-Turnschuhe mit dem Stern-Logo am Knöchel tragen auch die beiden jungen Frauen, die im Rio gerade die Tanzfläche eröffnen. "So wie die liefen hier vor drei Jahren höchstens ein paar Stilikonen rum", erläutert Tim, einer der Betreiber: "Inzwischen sehen alle so aus." Was Tim jetzt gar nicht bewerten will. Es verdeutliche nur, nach welchen Gesetzen Moden und eben auch Clubs funktionieren. Es geht darum, Trends nicht nur rechtzeitig zu erkennen, sondern auch mit zu prägen.Also trägt Tim selbst Röhre und abgenutzte Chucks, eine stilsichere Ikone seines eigenen Ladens, den er seit drei Jahren mit vier Freunden führt. Conny, Mark, Tack Yen, Bogdan und eben Tim - das ganze Nachtleben funktioniert auf Vornamensbasis! - sind alle zwischen Ende Zwanzig und Mitte Dreißig und haben an der Universität der Künste Architektur studiert. Kennengelernt haben sie sich aber erst, als sie unabhängig voneinander nach einer Club- und Galerie-Location suchten. Berlin bietet wenig Arbeit für viele Architekten. Und einige haben keine Lust oder keine Gelegenheit oder beides, sich in einem großen Architektenbüro hochzuarbeiten. Stattdessen suchen sie nach Alternativen, wie die Rio-Gründer.In der Chausseestraße hatten sie Glück. Das Gebäude beherbergte früher eine zwielichtige Pension, in der illegale Immigranten untergebracht gewesen sein sollen. Im Hinterhof, sagt man, seien gestohlene Autos umgespritzt worden. Alles, was einem Club an verruchter Glaubwürdigkeit gut zu Gesicht steht. Und was einen neuen Eigentümer veranlasst, mit der Miete runterzugehen. Den fünf Freunden wurde die Location für das erste halbe Jahr kostengünstig überlassen, und sie gründeten hier das Rio als "eingetragenen Verein der Freunde und Förderer zeitbasierter Medienkunst in metropolitanen Großräumen".Das heißt, dass im "Vereinsheim" des Rio nicht einfach nur getrunken und getanzt wird, sondern dass hier auch Livemusik, Kunstausstellungen und Verkäufe von Designermode stattfinden. Bands wie Art Brut spielten im Rio, bevor sie bekannt wurden, Franz Ferdinand versuchten sich als DJs, der Maler Jonathan Meese oder der Schauspieler Daniel Brühl schauen vorbei. Dagegen wird der Sohn von Howard Carpendale schon mal an der Tür mit der freundlichen Begründung abgewiesen, "dass er hier einfach keinen Spaß haben wird".Eigentlich wird die Tür im Rio aber locker gehandhabt, ein Drittel der Besucher stehen als Freunde oder Freunde von Freunden ohnehin auf der Gästeliste. Sämtliche Clubs bekämen zu spüren, dass die Berliner weniger ausgehen, sagt Tim. Im Rio machen sie gerade noch die Hälfte des Publikums aus. Die andere Hälfte seien Touristen oder Neu-Berliner. Immer wichtiger werde daher der internationale Ruf eines Clubs, der beim Rio nicht der schlechteste sein dürfte.Für die Zukunft des Nachtlebens sieht Tim, der einem das alles mit der smarten Eloquenz eines Kultur-Managers erklärt und gekonnt zwischen Kunst und Unternehmertum vermittelt, zwei Trends: "Der erste geht zur High-End-Lösung: großflächige Clubrestaurants, die vor allem auf das Premierenpublikum der zahlreichen Berliner Events abziehen. Der zweite ist ein Comeback des Rave in entsprechenden Underground-Locations." Das Rio sucht seinen Platz dazwischen. Während des Art Forums beispielsweise sei der Club jeden Abend ausgebucht gewesen. Damit das so bleibt, sei es wichtig, seine Klientel zu repräsentieren. Also selbst viel auszugehen, Kontakte zu pflegen.So wird man auch an jedem Sonnabend jeden der fünf Betreiber im Club antreffen, dessen Räumlichkeiten die Architekten, die ihren Beruf teilweise noch ausüben, nach einem "Perlenkettenprinzip" angeordnet haben: Oben beginnt es mit dem so genannten "Fun-Room", einer Lounge, in der bewusst uncooler Spaß-Disco-Pop aufgelegt wird. Es folgen eine verkachelte Bar, dann der Hauptraum mit Bar und Livebühne. Farbige Wandmalereien erinnern an die brasilianische Bar, die hier vor dem Rio untergebracht war und selbigem seinen Namen bescherte. Von hier aus geht es treppab zur Garderobe und dann in entgegengesetzter Richtung zu den Toiletten, einigen obskuren Kunstinstallationen hinter verschlossenen Glasscheiben sowie der ehemaligen Suicide Lounge, wo ab und zu noch der schwermütige Maximilian Hecker auflegt und an diesem Abend coole Stöckelschuhe für die Röhrenjeansträgerinnen verkauft werden. Dann eine Treppe hoch und wieder zum Fun-Room. Ein Rundkurs, den man immer wieder abgeht, um die Nacht und die Leute zirkulieren zu lassen. Streng nach dem Perlenkettenprinzip.------------------------------Was geht und was nichtHier ist man unter: Daniel Brühl und hippen skandinavischen Touristen, die Berlin entdecken.Es läuft: Electro, Minimal-House, Rock und Fun-Pop (z. B. Erasure).Fühlt sich an wie: Feiern zu junger Kunst in Mitte auf einer Vernissage mit ausufernder Gästeliste.Preise: Eintritt je nach Programm, Bier 2,50 Euro, Cocktails 5 Euro.Besser nicht: Immer bloß über Gästeliste reinkommen wollen. Die Fahrräder vor dem Vereinsgelände abstellen.Wie komme ich hin? Die Haltestelle Zinnowitzer Straße der Linie U 6 liegt direkt vor dem Vereinsgelände an der Chausseestr. 106. Nächster S-Bahnhof: Nordbahnhof. Parkplätze sind eher rar.Geöffnet sonnabends ab 23 Uhr bis open end. Programm unter: www.rio-berlin.de------------------------------Foto (2): Früher war hier eine brasilianische Bar, doch davon ist nur der Name übrig geblieben: das Rio in Mitte.Metropolitane zeitbasierte Kunst: ein Mitglied des Rio e.V. bei der Vereinsarbeit.