Berlin-Friedrichshagen, Ahornallee 26. Die zweistöckige Gründerzeitvilla in der beschaulichen Straße mit Kopfsteinpflaster und alten Bäumen gehört zu den wenigen Häusern, die hier noch nicht auf Hochglanz gebracht wurden. Im Erdgeschoss liegt das Zimmer des Dichters Johannes Bobrowski. Es wurde von seiner Witwe und ihren vier Kindern immer der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, ein Gesamtkunstwerk, ein Organismus aus Büchern und Gemälden, Landkarten und Stadtansichten, kleinen Skulpturen und Porträts, der Lebensraum eines großen Schriftstellers, noch nach Jahrzehnten erfüllt von seiner Gegenwart. Ich betrete es an diesem Tag im Mai 2008, an dem es aufhört zu existieren.Verehrern des Dichters ist jedes Detail in diesem Raum bekannt, der Stuck an der Decke, die beiden großen Fenster, der geschwungene Sekretär und die Liege vor dem überfüllten Bücherregal. Wenn nicht aus eigener Anschauung, so durch das schmale Buch von Gerhard Wolf: "Beschreibung eines Zimmers. 15 Kapitel über Johannes Bobrowski", mit Fotos von Roger Melis, das 1971 erschien und in der DDR mehrere Auflagen erlebte.Gerhard Wolf brachte die Dinge zum Sprechen, holte bei ihnen Auskünfte über das Leben und Schreiben Bobrowskis ein, zeichnete die unsichtbaren Linien nach, die dieses kleine, von Erinnerungen überquellende Zimmer mit den Weiten des europäischen Ostens verband. Es ist eines der schönsten und klügsten Bücher, die ich jemals über Literatur las.Bobrowskis Söhne und seine hoch betagte Witwe leben noch in dem dringend sanierungsbedürftigen Haus, zur Miete. Selbst in das Dichterzimmer hat es schon herein geregnet. Seit der Wende kamen immer weniger Besucher. Alle Versuche, diesen Arbeitsraum vollständig zu erhalten, scheiterten. Die nachgelassenen Schriften sind längst im Literaturarchiv Marbach, jetzt wechselt auch die Bibliothek den Besitzer. Über den Kulturpolitiker Alfred-Mario Molter, der im Vorstand der Bobrowski-Gesellschaft arbeitet, signalisierten die Erben ihre Verkaufsabsichten. Die Berliner Zentral,- und Landesbibliothek, die bereits die Bücher-Sammlungen von Franz Fühmann und Jürgen Kuszynski erworben hat, verhandelte etwa ein Jahr mit den Erben. Über die Summe wurde Stillschweigen vereinbart, sie soll im Rahmen des Üblichen liegen, wie es dann immer heißt.Nun wird der Organismus zerschnitten. Sohn Justus wird sehr lebendig, als er von seinem Vater spricht, den er achtungsvoll nur "Bobrowski" nennt. Er hat die vielen Erinnerungsstücke schon aus den Bücherregalen entfernt, Kunstpostkarten, die Ansichten des alten Königsberg, die winzigen Ikonen, die vor den Werken der russischen Autoren standen, die Grafiken des Freundes Günter Bruno Fuchs. Die Möbel und die Bilder an den Wänden werden hier bleiben, wie die poetischen Ölminiaturen des genialisch-naiven Malers Albert Ebert und eine Zeichnung von ihm, die er dem Dichter 1962 zur Verleihung des Preises der Gruppe 47 schenkte.Justus Bobrowski weiß noch nicht, wie er die Leere ausfüllen soll, die sich an diesem Tag in den Regalen ausbreitet. Dieser Abschied erscheint ihm als Schritt, der die Familie von ihrer Verantwortung erlöst. Für mich sieht es hier aus, als würden die Kulissen eines vertrautes Bühnenbild für immer abgebaut.Im Jahre 1953 war Johannes Bobrowski in dieses Haus in Friedrichshagen gezogen. Nur wenige Schritte entfernt, auf dem Evangelischen Friedhof liegt des Ehrengrab des 1965 verstorbenen Dichters. Justus, beim Tod des Vaters erst acht Jahre, erinnert sich genau daran, wie sehr der Vater diese Bibliothek liebte, wie er sie ständig in Bewegung hielt, immer wieder neu gruppierte. Er ordnete die Autoren nach geistigen und biografischen Zugehörigkeiten. Else Lasker-Schüler kam zu Gertrud Kolmar, Trakl zu Georg Heym.Das 18. Jahrhundert ist besonders gut vertreten. Seine drei Säulenheiligen Hamann, Klopstock und Herder standen in prächtigen, alten Ausgaben nebeneinander, ganz in der Nähe des Kopfendes seiner Liege, auf der er ruhte, schrieb und las. In vielen Bänden finden sich Zettel, auf die er mit seiner mikroskopisch kleinen, präzisen Handschrift einen persönlichen Index notierte, Namen für ihn wichtiger Personen und die Seitenzahlen.Volker Scharnefsky und Detlef Bockenkamm von den Historischen Sammlungen der Berliner Stadtbibliothek arbeiten zügig, es ist wie bei einem ganz normalen Umzug. Pappkisten werden gefaltet, die etwa 2 200 Bände verstaut, genau nummeriert. "Er war nicht hinter bibliophilen Kostbarkeiten hinterher, kein Sammler von Erstausgaben, das ist eine Bibliothek der literarischen Vorlieben " erklärt Detlef Bockenkamm. Und sein Kollege Scharnefsky, dem es etwas leid tut, in dieses Gefüge eingreifen zu müssen, ergänzt: " So wie die Bücher bei uns stehen werden, bleiben sie weiter lebendig und sagen etwas über den Dichter aus, über seine Vorlieben und Einflüsse."Deutlich hatte Bobrowski sein Lebensthema beschrieben: "Ich befasse mich, nach meiner Ansicht, mit dem Verhältnis der Deutschen zu ihren östlichen Nachbarvölkern. Ich benenne also Verschuldungen - der Deutschen-, und ich versuche, Neigung zu erwecken zu den Litauern, Russen, Polen usw." Johannes Bobrowski wurde 1917 in Tilsit geboren. Das alte Sarmatien, dieses riesige Gebiet von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer wurde seine literarische Landschaft, die er mit dem klaren Bewusstsein historischer Schuld und Verantwortung erkundete. Mit seinen Romanen "Levins Mühle" und "Litauische Claviere", mit seiner traditionsgebundenen und zugleich sehr modernen Lyrik, mit seinen Geschichten wehte Welt in das beschränkte Land DDR. Wir konnten in diese Regionen vergleichsweise ungehindert reisen, doch erst er öffnete uns in die Augen für die Schichten, die dort unter dem Sichtbaren lagen. "Holunderblüte", der vor kurzem im Kino gestartete Dokumentarfilm von Volker Koepp über Kinder im ehemaligen Ostpreußen, ist nach einem Gedicht von Bobrowski benannt.Für die Leiterin der Historischen Sammlungen, Annette Gerlach ist die Übernahme der Bobrowski-Bib-liothek ein Freudentag. "Wir wissen, dass wir dieses Zimmer zerstören, aber wir retten es auch. Ohne unseren Ankauf wäre die Sammlung vielleicht in alle Winde zerstreut, die Bücher vereinzelt worden." Vereinzelt - ein mitfühlendes Wort, durch das Bücher wie ausgesetzte Kinder erscheinen. "Bibliotheken sind nun einmal keine Museen, sie können keine Räume inszenieren. Aber der Zusammenhang der Werke bleibt erhalten."In der Stadtbibliothek in der Breiten Straße steht schon ein Regal bereit, eine nüchterne Metallkonstruktion. Einige Monate wird die Neuordnung dauern, dann können auch Benutzer mit ihnen arbeiten. Im nächsten Jahr soll eine Ausstellung Bobrowskis Sammlung präsentieren. Die einstige Heimstatt dieser Bücher, das legendäre Zimmer, existiert von diesem Tag an nur noch in der Erinnerung, derer die es kannten, und in Gerhards Wolfs wunderbarem Buch. Vielleicht würde dem Dichter, für den die Literatur immer die eigentliche Bewahrerin von Vergangenheit war, diese Vorstellung sogar gefallen.------------------------------"Wir wissen, dass wir dieses Zimmer zerstören, aber wir retten es auch."Annette Gerlach------------------------------Foto : Der Lebensraum eines großen Schriftstellers, noch nach Jahrzehnten erfüllt von seiner Gegenwart

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