Die Bilder des Star-Fotografen Jürgen Teller finden sich auch in den Kunstgalerien zwischen Tokio und New York: Schnappschüsse, inszeniert.

Milder Herbst. Sonne. Schön. Es riecht nach Lindenlaub und Kastanienschalen. Anfang Oktober weht selbst durch Berlin ein Hauch von Erntedank. An solchem Tag unter Himmelblau steht ein Mann ruhig im Gras der Sophienhöfe. Er sieht hoch in die Wolken. Eine Kamera fängt seinen Blick ein, gerade als sich das Licht in den Augen spiegelt. Und Augen hat dieser Mann, als wäre er schon Zeit seines Lebens zu Hause am Meer. Stimmt aber nicht. Der Mann, der hier in aller Sorgfalt fotografiert wird, weiß allzu gut, wie es dem Mann mit der Kamera bei dieser Arbeit jetzt geht. Und er macht es ihm leicht. Doch leicht ist es nie. Sich fotografieren zu lassen, ist bestenfalls ein Geschenk, das man einem anderen freiwillig macht. Trotzdem bleibt es immer eine schwierige Balance zwischen Nähe und Respekt. Zwischen banal und besonders. Es ist jedes Mal wieder aufs Neue unklar und spannend, dieses klickende Herantasten an ein gutes Porträt. Deshalb hält er still, steht er ganz ruhig und voller Geduld. Ein Mann, der sonst Fotos macht: "photos by Juergen Teller". Internationale Hochglanzjournale drucken seine Namenszeile längst genauso groß wie die Überschrift. Damit ja keiner überliest, was man ohnehin nicht übersieht. Tellers Fotografie fällt einfach auf. Bis heute kann sich jeder SZ-Magazin-Leser an seine Serie mit dem Starmodel McMenamy erinnern, bei dem er sie mit ein paar Fäden am Leib wie für einen Unfallbericht fotografierte. Am Schluss malte sie sich mit Lippenstiftrot ein Herz und die Buchstaben VERSACE auf die Brust. Da tat das Hinsehen fast genauso weh, wie bei seinem "Frozen dead dog", dem erfrorenen Hund, den er Anfang der Neunziger in einer Mülltonne fand und schwarzweiß dokumentierte. Ein böse wahres Bild. Aber vordergründig oder skandalträchtig ist Tellers Bildsprache eher selten. Es ist nicht mal eine Frage von besonderer Technik, von raffinierter Lichtführung oder radikaler Ausschnittdramaturgie. Teller macht seine Fotos, die meistens daherkommen wie zufällige Schnappschüsse, und trotzdem entstehen sie hoch konzentriert. Sie beziehen ihre körperliche Energie aus einer Anspannung, die er beim Fotografieren mit einem wortarmen Dialog aufbaut und im richtigen Moment radikal auflöst. Fotografieren ist für einen wie ihn schweifende Aufmerksamkeit für ein ganz konkretes Bild, das es noch gar nicht gibt. "Aber man muss ja erst mal leben, bevor man das Bild machen kann. Ich fotografiere ja nicht überall und immer. Wenn ich mit meiner Tochter spiele oder wir essen, dann kann ich sie nicht nebenher fotografieren. Und bevor ich von ihr Fotos mache, dann frage ich sie. Sie sagt dann schon Ja oder Nein."Madonna hat er auch gefragt, aber sie blieb bis heute bei "No". Alle anderen stehen an. Es gibt von seiner Hand legendäre Musikerporträts wie das berühmte von Curt Cobain oder verinnerlichte Augenblicke mit Kate Moss oder Tashaq Iying, wobei es wie nebenbei um Mode geht. Es gibt hoch be- zahlte Werbefotos und ambitionierte Buchprojekte mit konzeptuellem Exerzitium wie das mit den "Go Sees". Längst kommen nicht nur die illustren Moderedaktionen, sondern auch Kunstgalerien zwischen Tokio und New York auf den Geschmack. Fotografien von seiner Hand verkaufen sich gut. Das muss schon triftige Gründe haben in einer Welt, die rund um die Uhr im rasenden Tempo überspült wird von einer endlosen Bilderflut.Es wäre zu viel behauptet, wenn einer glaubt, Teller schwimmt gegen den Strom. Das tut er nicht. Er hat sich allerdings für eine andere Geschwindigkeit bei seiner Arbeit entschieden. Und dass er - eigensinnig und fast stur, wie nur Franken sein können - auf lange Sicht dabei geblieben ist, das macht seinen Stil aus. Es ist schon eine sehr persönliche Obsession, wenn einer sich über die ganze Maschinerie der Bilderlügen klar ist und trotzdem immer wieder nach einem Anflug von Echtsein, nach dem Authentischen sucht. "Ich kann irgendwie erst dann aufhören, wenn für mich ein Bild stimmt."Spätestens mit der Münchner Museumsausstellung "Märchenstüberl" im Sommer dieses Jahres versuchte man auch kuratorisch die kreativen Hintergründe für Tellers Fotokunst aufzudecken. Streng geordnet hingen die Serien dort an der Wand. Man stand vor einer museal verpackten Biografie. Die Arbeit der letzten zehn Jahre im festen Korsett einer privaten Chronologie - als wollte man im Nachhinein beweisen, der Mann in seinem Londoner Atelier hätte von Anfang an einen Plan. Ein Konzept. Doch so ist es nicht. Statt bereit zu sein für den Jetset-Hyp war Jürgen Teller der bodenständige Hinterwäldler, und ist es mit wachsendem Vergnügen daran irgendwie auch bis heute geblieben, zumindest was sein angeborenes Naturell betrifft. Das Haus seiner Eltern steht in Bubenreuth bei Erlangen. Das ist ein Ort mit fünftausend Seelen im oberen Franken. Hier spielte seine Kindheit "in der kleinen Fabrik, die mein Urgroßvater gegründet hat, und in der auch der Großvater und mein Vater gearbeitet haben". Ein Cousin führt heute die Geigenbauer-Werkstatt. Denn der direkte Nachfahre hatte nach der Schule zwar eine Bogenbauerlehre versucht, doch brach er sie nach einem Jahr wieder ab. "Ich hatte Holzstaub-Allergie." Wenn er von Bubenreuth spricht, rollt seine Stimme noch immer leicht über den Buchstaben "R". Den fränkischen Einschlag nahm er mit in die Welt. Und ein bisschen Welt bringt er seitdem immer wieder nach Bubenreuth zurück. "Heute habe ich dort schon eine Art seltsamer Autorität, dadurch, dass ich diese komische Art von Karriere gemacht habe. Doch im Grunde bin ich für die meisten noch immer der Bub, aber eben einer, von dem jetzt was in den Zeitungen steht." Bei den Besuchen in den letzten Jahren hat er seine Heimat-verwurzelte Schüchternheit nach und nach abgelegt und ist auch mit der Kamera durch die Welt seiner Herkunft gewandert. Er hat sich inszeniert. Einmal als Selbstporträt nackt im Schnee. Dass der Sohn nackt aus der Sauna kommt, diese Situation kannte seine Mutter schon länger. Doch dass später davon ein Bild im Museum hängt, hat sie dann doch etwas erstaunt. Teller hat sich hinter dem eigenen Bauch und vor dem nächtlichen Wald als Adonis inszeniert. Näher an Narben und Fettansatz kann ihm nun keiner mehr kommen. So viel Nähe härtet ab.Jetzt ist er achtunddreißig, ein erfolgreicher Fotograf mit Starstatus und Stadthaus im Londoner Notting Hill und einem Landhaus in Cornwall. Er ist Vater geworden, hat eine schulpflichtige Tochter, die nur wenig deutsch spricht. Als er in London anfing, sprach er genauso wenig englisch, war gerade zweiundzwanzig und hatte nicht viel mehr in der Tasche als seine Besessenheit für die Fotografie. Das Medium hat bei ihm wie ein Sesam-öffne-Dich gewirkt. Wo er sich mit Worten nie hätte hinbringen können, öffnete ihm seine Kamera die Türen. Trotzdem war London lange noch ein fremder Wald. Von heute aus gesehen, kann er sich selber kaum noch vorstellen, wie er die ersten Nächte im Auto verschlief. Dass er die erste teure Fotoausrüstung, die er nach der Ausbildung stolz mit auf die Insel nahm, erst mal wieder zu Geld gemacht hat. "Ich behielt nur die Kleinbildkamera, die Hasselblad und die für das Mittelformat hab ich sofort wieder verkauft. Das ging gar nicht anders. Ich musste mich erst mal zurechtfinden lernen."Auch seine Mutter in Bubenreuth hat ein Jahr gewartet und gehofft, er kommt wieder. Dann hat sie wohl gewusst, dass es der Sohn mit London ernst nimmt und bleibt. Also fuhr sie nach Erlangen und schrieb sich in der Volkshochschule in den Englischkurs ein.Mittlerweile ist Jürgen Teller selbst so eine Art Label, von dem manche sagen, sein Stil ist ganz einfach der, dass er gar keinen hat. Darüber schüttelt er nur den Kopf. "Immer wird gern geschrieben, dass ich von Mode nichts verstehe. Diese ganzen Klischees von Anti-Glamour und Grunge, mit denen man mich immer erschlägt. Meinungen ändern sich doch auch mit den Jahren." Es wird schon stimmen, dass ihn die konkrete Naht oder ein bestimmtes Muster oder etwa eine Rüsche nicht eine Sekunde lang interessiert. Ihn interessiert aber der Mensch, der das anhat. "Man kann nicht über zehn Jahre Mode glorifizieren, ohne dass man das gern macht. Ich finde es wirklich spannend, was wir uns jeden Tag anziehen. Aber mich interessiert eben nicht die Handtasche, sondern wie eine Frau sie trägt, hält, hinlegt, was sie reinpackt ."In der Münchner Ausstellung hatte er, wie um das zu belegen, beiläufig seine Fotostrecken für "Vogue" hingeblättert. Beispiele aus der Arbeit für "The Face" und für die Szenejournale W und Index. Man könnte als Beweis auch herausstreichen, dass ihm längst die Werbeaufträge ins Haus getragen werden, für alles, was gut und teuer ist. Zuvörderst von Marc Jacobs. Aber auch mal von Shiseido, Rolex, Yves Saint Laurent, Calvin Klein - aber lassen wir es gut sein. Wer Tellers Klienten hat, der muss nicht mehr mit Namen klingeln. Umso mehr klingelt er mit den Worten "echt" und "wahr" und "authentisch". Und er lacht dabei seinem eigenen Marketing hinterher. Teller hatte für diesen Teil seiner Selbstinszenierung erst eine ermutigende Venetia Scott an der Seite, die engste Londoner Freundin und Mutter seiner Tochter Lola. Sein Erfolg gab ihr Recht. Und selbst wenn die Legende von der "realistischen Fotografie" bei ihm genauso wenig stimmt, wie bei allen andern. Dass er sich an einer echten Sehnsucht nach einem "aufrichtigen Bild" von der Welt immer wieder abarbeiten will, das nimmt man ihm ab. Teller ist längst nicht der naive "Hi, ich bin Jürgen"-Fotograf, der für die Stars den artigen Jungen gibt. Er kann hinsehen und "meißelt mit der Kamera unter der Haut", schrieb über ihn einmal Tracey Emin. Und das kommt dabei hervor: Die nackten Füße der Claudia Schiffer. Linda Evangelista am Holztisch im Central Park. Die liegende Björk mit Plüschhund. Schwarzenegger im Krokodilmaul. Auf der Suche nach dem Gesicht, das stimmt, machte er bei der letzten Fußballweltmeisterschaft beim Finale einen einsamen Selbstversuch. Hat sich allein vor den Fernseher gesetzt und alle vierundneunzig Minuten des Spiels Deutschland gegen Brasilien auf Video aufgenommen. Ein Gesicht vor dem Bildschirm. Noch nennt er die Arbeitsfassung dieses narzisstischen Selbstprotokolls "Wir sind wieder wer". Muss aber noch schneiden, denn "im Moment ist es ein verdammt harter Stoff. Ich habe Venetia lange nicht verstanden, warum sie mich so ablehnt, wenn ich mir Fußballspiele im Fernsehen ansehe. Ich fand das einfach nur intolerant. Aber jetzt, nachdem ich mir dabei selbst zugesehen habe, kann ich sie verstehen." Anfang kommenden Jahres wird Teller in Berlin eine Soloausstellung eröffnen, in der er die neuen Werkstattserien aus Bubenreuth und die fertige Version vom Fußballspiel zeigt.Seine letzte Berliner Ausstellung war noch bei Shift e.V. und liegt fünf Jahre zurück. Als die Berliner Kuratorin Klara Wallner in diesem Zusammenhang einen Textbildband zum hundertsten Geburtstag von Bertolt Brecht herauszugab, bat sie den Schriftsteller Michael Rutschky um ein Essay und suchte nach einem ungewöhnlichen Fotografen für einen Berliner Stadtrundgang. Sie hätte auch Wolfgang Tillmanns fragen können. Aber der war ihr damals schon zu bekannt. Sie entschied sich also für Teller. Es stimmt nicht, dass sich Klara gern für die falschen Künstler entscheidet. Sie findet immer die richtigen. Nur manchmal zu früh.Madonna hat er auch gefragt, aber sie blieb bis heute bei "No". Alle anderen stehen bei ihm an."Ich kann erst dann aufhören, wenn für mich ein Bild stimmt. " Der Fotograf Jürgen Teller.