London hat Bansky, Berlin hat Alias. So vollmundig wirbt die noch kein Jahr alte West Berlin Gallery aus der Brunnenstraße 56 für ihre neueste Ausstellung, die heute Abend um 19 Uhr Vernissage feiert. Doch der Vergleich hinkt. Anders als den sagenumwobenen britischen Versteckspiel-Street-Art-Künstler Bansky kann man den Mann, der sich als Street Artist Alias nennt, treffen. Der 30-Jährige mit den wuscheligen Haaren wohnt in einem selbstverwalteten Haus in der Rigaer Straße, schon an der Fassade prangen einige seiner Werke.Sein WG-Zimmer gleicht einer Galerie für Street Art. Überall hängen Sticker, Poster und Bilder von ihm oder anderen Straßenkünstlern. Man erfährt auch Alias' richtigen Namen, darf den aber nicht schreiben. Was Alias derzeit macht, nämlich Poster an Wände zu kleben, hält er zwar für rechtlich wenig problematisch. Jetzt denkt er aber darüber nach, künftig wieder mehr mit der Spraydose zu arbeiten und seine Motive, genannt "Stencils", direkt via Schablone auf Wände zu bringen - und das wäre illegal. Dafür aber viel haltbarer als die Poster, die oft geklaut werden oder nicht sehr lange der Witterung trotzen.An dem Computer in seinem Zimmer sucht Alias Fotos im Internet, die er als Grundlage für seine Motive nutzt. Oft sind es Bilder von Kindern. Sie werden per Photoshop bearbeitet, mit anderen Motiven kombiniert, und am Ende bastelt Alias Schablonen. Mit denen sprüht er seine Bilder dann auf Plakate. "Ich hoffe, die Fotografen sind glücklich mit dem Ergebnis und finden das okay", sagt Alias. Er kümmere sich nicht so sehr um Urheberrechte, ihn frage ja auch keiner, wenn er was mit seinen Bildern mache.Seit 2003 lebt Alias, der in der Nähe von Gorleben aufgewachsen ist, in Berlin. In seiner Heimat hat er Fachwerkhäuser angesprüht, was nicht gut ankam und was er heute auch nicht mehr machen würde. Inzwischen sucht er sich Orte für seine Kunst, von denen er glaubt, dass sie dort niemanden stört. Deshalb sind auch frisch sanierte Häuser tabu. In Hamburg hatte er die ersten Kontakte mit der Street-Art-Szene. "In Berlin war ich echt geflasht, hier ist alles internationaler, man sieht mehr Sachen, und das hat mich schwer motiviert, selbst was zu machen und Teil der Szene zu werden", erzählt er.Sein erstes Motiv war ein Katzenkopf mit Brille, passend dazu erfand er den Künstlernamen Alias - und eigentlich wollte er nur dieses eine Motiv überall plakatieren, um "Fame", also Ruhm, in der Szene zu ernten. Das wurde ihm dann doch bald zu langweilig, neue Motive kamen dazu: Menschen mit Atemschutzmasken, die ihr Gesicht verbergen oder sich wegdrehen und immer wieder Kinder. "Es macht mir Spaß mir vorzustellen, dass Kinder das sehen und ihre Eltern fragen, warum sitzt der Junge auf einer Bombe", sagt Alias. Seine Motive sind meist in Grautönen gehalten, kombiniert mit einer Signalfarbe. Ein bis zweimal pro Woche ist er auf den Straßen unterwegs, vor allem in Friedrichshain-Kreuzberg, Mitte und Prenzlauer Berg.Jetzt hat er seine erste Solo-Show in der Stadt, er lebt vom Verkauf seiner Bilder. Deren Preis ist mit ein paar hundert Euro weit entfernt von denen, die für einen Bansky gezahlt werden. Im Atelier auf dem eiskalten Dachboden über seiner Wohnung bringt Alias seine Motive für die Ausstellung auf Eisen- oder Holzstücke, die er gefunden hat. Er sagt, manch anderer Künstler nutze den Fame der Straße als Sprungbrett, um in Galerien zu kommen. Seine Leidenschaft gehöre aber der Straße. "Es macht mir sehr viel mehr Freude, ein Bild draußen zu machen und zu wissen, da bin ich hochgeklettert und jetzt wirkt das so wie geplant." Eigentlich habe er wenig Motivation, Sachen extra für die Galerie zu machen. "Was ich produziere, soll auf die Straße", sagt Alias. Er wolle überraschen, und das gehe im öffentlichen Raum besser als in einer Galerie, weil die Leute dort nicht damit rechneten.------------------------------Foto (2): Street Artist Alias in seinem Atelier. Heute Abend wird seine Ausstellung in der West Berlin Gallery eröffnet. Zu sehen ist unter anderem das Motiv rechts.------------------------------KORREKTUR- Der im Artikel "Kinder und Katzenköpfe" (Donnerstag, Seite 28) erwähnte Street-Art-Künstler heißt korrekt Banksy. - 05.11.2010