BERLIN, im Juni. Ibrahim Böhme konnte man Tausende von Aktenseiten seiner Spitzelberichte vorlegen oder ihm die Tonbänder der Gespräche mit seinem Führungsoffizier vorspielen - der Topspitzel Mielkes, der sich mehr als zwanzig Jahre in der Dissidentenszene der DDR engagierte, im Herbst 1989 die Ost-SPD mitbegründete und zugleich alle seine Freunde an die Stasi verriet, antwortete nur: Das sei wohl seine Stimme, aber er habe das nicht gesagt. Bis zu seinem Tod 1999 weigerte sich Böhme, die Verantwortung für sein Leben zu übernehmen.Verräterische IM-BerichteDen Theologen Heinrich Fink kann man mit einem Aktenberg konfrontieren, der belegt, dass er Studenten wie Kollegen anschwärzte, die Stasi gefragt und ungefragt auf politisch Missliebige aufmerksam machte, über Kirchenleute in aller Welt bis ins Private berichtete - der 1991 wegen seiner Stasi-Tätigkeit entlassene Theologe, Rektor der Berliner Humboldt-Universität, und spätere PDS-Bundestagsabgeordnete sagt wieder und wieder: "Ich war kein IM. Ich habe nie mit der Stasi zusammengearbeitet." Es ist der Refrain des Ibrahim Böhme.Zwar bestätigten Gerichte bis zum Bundesgerichtshof die Einschätzung der Gauck-Behörde, dass Fink schon allein auf Grund der bis 1991 aufgefundenen Akten als IM "Heiner" "wissentlich für das MfS tätig gewesen" ist, aber das Gros der Akte galt als vernichtet. Doch nun liegt die fast vollständige Akte auf dem Tisch, die auf Veranlassung seines Führungsoffiziers Klaus Roßberg im Dezember 1989 vernichtet werden sollte. Als die Stasi-Reißwölfe im Herbst '89 heißliefen, zerrissen Mielkes Mitarbeiter aktuelle Akten per Hand. Die Fetzen wurden gerettet und in 16 000 Papiersäcke gefüllt. Aus Sack 307 puzzelten Archivare der Stasi-Unterlagenbehörde Finks Akte nun wieder zusammen: Die Unterlagen dokumentieren das Anwerbegespräch am 11. Juni 1968, unzählige Spitzelberichte - darunter auch einen handschriftlich in Ich-Form verfassten - Beurteilungen, Belege für Orden, Geldprämien, Geschenke bis zum Treffbericht vom 7. Oktober 1989.Der Dozent an der theologischen Fakultät war danach für die Stasi-Hauptabteilung XX/4 tätig, die für die Bespitzelung der Kirchen zuständig war. Mit den Führungsoffizieren trifft sich IM "Heiner" regelmäßig, etwa alle drei Wochen, überwiegend in konspirativen Wohnungen, auch im Auto. Die Männer besprechen mit "Heiner" die Situation an der Universität, Veranstaltungen der Kirchen im In- und Ausland, an denen der IM - von der Stasi mit einem Dauervisum für Westreisen ausgestattet - teilnimmt. Und "Heiner" gibt immer bereitwillig Auskunft: über Bischöfe, Pfarrer, Kollegen, Studenten, seine eigene Kirchengemeinde in Berlin-Karlshorst.So informiert er die Stasi über einen seiner Studenten, der nach Ungarn gereist war, und warnt vor dessen geplanter Republikflucht. Er versucht, die Eltern des jungen Mannes auszufragen. Er denunziert einen Kreis von Studenten und Pfarrern mit "negativer politischer Haltung", die ein Treffen auf Rügen planen. Führender Kopf sei einer seiner Studenten, vermeldet "Heiner" und empfiehlt der Stasi, die Zimmer in der 4. Etage rechts und parterre rechts des Studentenwohnheims Johanneum als "operativ interessant". 1988 informiert er die Stasi über einen "offen Brief" von 19 seiner Studenten, die Rechtsbruch und Unterdrückung der Demokratie durch den SED-Staat anprangern.Die Stasi lobt den IM, er arbeite zuverlässig, konspirativ, mache "von sich aus auf Einzelpersonen aufmerksam" und stelle seine Kenntnisse auch aus "Beichtgeheimnissen und vertraulichen seelsorgerlichen Gesprächen zur Verfügung." Mielke persönlich unterschreibt Orden und Geldprämie.Einen Universitätskollegen bezichtigt "Heiner", sich sein Haus durch "üble Erbschleicherei verschafft" zu haben. Den Superintendenten in Berlin-Karlshorst schwärzt er an, "gesamtdeutsche Ambitionen" zu vertreten. Er habe seine Gemeinde aufgefordert, Pfingsten gemeinsam mit dem West-Besuch die Gottesdienste zu besuchen, um Zusammengehörigkeit zu demonstrieren. Auf dem Weg zu einer Dienstreise in die Schweiz 1970 ruft er beim Zwischenstopp in Prag einen Kollegen der dortigen Universität an. Der eilt zum Flughafen, sie reden miteinander, "Heiner" denunziert den Prager Professor umgehend. Er stehe "absolut feindlich" gegen den Einmarsch der Ostblockarmeen zwei Jahre zuvor. Außerdem erhalte die Prager Fakultät Gelder von der Kirchlichen Hochschule West-Berlin. Wenige Beispiele von hunderten.Fink kennt alle diese Berichte. Er hat sie jetzt nachgelesen. Irgendein Journalist muss sie ihm gegeben haben. Bei der Birthler-Behörde dürfen nur Opfer ihre Akten ansehen. Fink kann sich angeblich an nichts erinnern. Aber an die Florastraße 32a in Pankow, die konspirative Wohnung "Hagen", in der die Stasi sich ständig mit ihren "leitenden IMs wie "Sekretär" - unter diesem Decknamen war der damalige Konsistorialpräsident Manfred Stolpe beim MfS registriert - und "Heiner" traf, müsse er sich doch entsinnen. "Ich war in keiner konspirativen Wohnung. Ich kenne keine Führungsoffiziere", behauptet Fink unerschütterlich. Er habe immer nur mit seinen Dienstvorgesetzten im Staatssekretariat für Kirchenfragen geredet, auch über einzelne Studenten. "Das war meine Pflicht. Das waren meine Dienstvorgesetzten."Und dann dreht Fink den Spieß um: Das Opfer ist er. Wie "Freiwild" werde er gejagt, klagt er. Wie auf Bestellung, um ihm zu schaden, seien nun die Stasi-Akten aufgetaucht. Wobei zu schaden? Er windet sich. Ob er etwa für die PDS im Bundestags-Wahlkampf antreten wolle? "Dazu sage ich gar nichts", sagt der Vorsitzende des Bundes der Antifaschisten.Fink will sich weder sein altes Leben in der DDR noch sein neues nach der Wende kaputtmachen lassen, in dem er für seine Anhänger zur Symbolfigur wurde im Streit gegen die Abwicklung ostdeutscher Wissenschaftler. In dem er für die PDS 1994 und - als Nachrücker - 1999 in den Bundestag zog. In dem er die Proteste gegen Hartz IV mitorganisierte. Sein Berufsleben endet für ihn als Bundestagsabgeordneter, nicht als hinausgeworfener Uni-Rektor. Nun hat sein altes Leben ihn doch wieder eingeholt.------------------------------Foto: Aus den zerrissenen Papieren, die in tausenden Säcken lagern, setzen Archivare die Stasi-Akten wieder zusammen.------------------------------Foto: Der Theologe Heinrich Fink