Heute, fünf Jahre nach Ankündigung der Agenda 2010, stellt sich die Frage nach den historischen Leistungen des inzwischen pensionierten Basta-Kanzlers Gerhard Schröder. Konsequent setzte er radikale Kürzungen im Sozialbereich durch und fegte aufkommende Widerstände rigoros weg. Einige glaubten sogar, der sogenannte Reformstau sei nunmehr aufgelöst, und bei der Agenda 2010 handele es sich um epochales Werk, das mit Brioni-Anzügen und Cohiba-Zigarren für alle ende.Die Agenda 2010 sollte der Befreiungsschlag der Schröder-Regierung aus Mittelmäßigkeit und Stillstand sein, raus aus einem Teufelskreis, in dem soziale Sicherungssysteme durch immer höhere Schulden und Steuern finanziert werden, der offenbar einzige Ausweg angesichts dramatisch leerer Kassen, der Reset-Knopf einer wirtschaftlich schachmatt gestellten Regierung, die die Offensive suchte.Unbestritten ist wohl heute, dass die Senkung der Lohnnebenkosten und die verminderte Hilfestellung bei Arbeitslosigkeit die Wirtschaft belebt. Weil Arbeitslosigkeit inzwischen schneller und unmittelbarer zum sozialen Abstieg führt, scheint auch die Bereitschaft der Beschäftigten zu Zugeständnissen deutlich höher als vor Jahren zu sein. Es wird für weniger Geld gearbeitet, in Minijobs, zu schlechteren Bedingungen, nah an der Selbstausbeutung. Die Arbeitsmarkt sei flexibler, heißt es scheinheilig; in Wirklichkeit ist er nur brutaler geworden.Die inzwischen deutlich höhere Zahl der Arbeitsplätze sagt nichts über ihre Qualität aus. Nicht die fundierten Arbeitsplätze mit auskömmlichen mittleren Einkommen nehmen stark zu, es boomen Tätigkeiten für Geringverdiener, Hilfsjobs, Zweit- oder sogar Drittarbeitsplätze. Mehr und mehr steuert das Land in eine Amerikanisierung des Arbeitsmarktes: Neben der verängstigten, den Abstieg fürchtenden Mittelklasse verdingen sich die Menschen immer häufiger zu geringen Einkommen als Hilfskräfte. Hierin einen Fortschritt zu erkennen, ist eine zynische Betrachtungsweise. Die Agenda 2010 erweist sich somit als Notfallplan mit bitteren Folgen.Ohnehin ist weiterhin unklar, wie groß der Anteil der Agenda am Wirtschaftsaufschwung tatsächlich ist. Denn ein Großteil der Arbeitsplätze ist getragen von der Nachfrage nach deutschen Industriegütern in den aufstrebenden Nationen wie China, Indien, Russland und Brasilien. Ein Ende des Booms dort dürfte alle Effekte aus der Agenda überlagern, und längst zeigen sich Bremsspuren in den dortigen Märkten.Das vermeintliche Meisterstück des Altkanzlers Schröder wirkt fragiler denn je und hat den anhaltenden Niedergang der SPD und das Erwachsen einer starken, linken Konkurrenz zur Folge. Schröder hat die Wirtschaft des Landes zweifelsohne belebt, aber die eigene Partei in einen lähmenden Zwiespalt gestürzt.Brav hat sein Nachfolger Beck als SPD-Chef die Agenda wortreich gelobt, obwohl er selbst zu den ersten Abweichlern gehörte und unter dem Tarnbegriff "Weiterentwicklung" die Härten der Regelungen tilgen wollte. Die SPD hat ihren Nimbus als Vertreter der Interessen der kleinen Leute verloren und wird in dieser Position links überholt. Es ist fast tragisch, dass alle positiven Effekte der Agenda derzeit der amtierenden Kanzlerin zum Vorteil gereichen. Die weiterhin gute Beschäftigungs- und Wirtschaftslage geht einher mit ihrer wachsenden Popularität. Die SPD aber kann aus ihrer Urheberschaft keinerlei Kapital schlagen. Sie geht unter zwischen den Blöcken des freien Wirtschaftens und der staatlichen Fürsorge und Umverteilung. Sie steht mit jeweils einem Bein in beiden Spielfeldern - als nur mehr komische Figur.Die Linke, insbesondere Oskar Lafontaine, nutzt diesen Spagat eiskalt aus. Der Saarländer ist wohl der größte Gewinner der Agenda 2010. Er hatte die Lücke, die die SPD öffnete, schnell erkannt und gefüllt. Er bündelt geschickt alle linken Kräfte und lässt die SPD ohne Profil dastehen.Mehr Zuversicht hat Hartz IV wohl nicht gebracht. Das Land ist stark durchwirkt von der Angst vor sozialem Abstieg, von dem Gefühl wachsender Ungerechtigkeit, wenn beispielsweise Manager wie eben der Reformator Hartz selbst ihre Zügellosigkeit ausleben. Die Geschichte der Agenda ist nach fünf Jahren längst nicht zu Ende erzählt. Bei der zu erwartenden wirtschaftlichen Abschwächung wird sie neu belebt - mit der Frage nach Fairness im Arbeitsleben. Und damit nach einem angemessenen Mindestlohn.------------------------------Das vermeintliche Meisterstück des Altkanzlers Schröder wirkt fragiler denn je und hat den anhaltenden Niedergang der SPD und das Erwachsen starker, linker Konkurrenz zur Folge.