Die Bösen und die Hässlichen, aber bitte haarfein: Guido Sieber ergötzt sich am Verbrechen: Gangsterballaden

Scarface - Narbengesicht: Diesen wenig schmeichelhaften Beinamen trug Al Capone, jener mythische Chicagoer Gangsterboss der Prohibtionsjahre. Begründet war "Scarface" in mehreren langen Narben, die Capones linke untere Gesichtshälfte zierten. Angeblich soll sie sich der Sohn italienischer Einwanderer ziemlich am Anfang seiner kriminellen Karriere eingefangen haben, als er in einer Bar mit dem falschen Mädchen anbändelte. Nur kurz, aber um so heftiger fiel die darauffolgende Auseinandersetzung mit dem ebenfalls anwesenden Bruder der Frau, einem leicht reizbaren Gangsterkollegen, aus. Ein Wort gab das andere, schnell war ein Springmesser gezückt.Fortan trug Capone die entstellende Erinnerung an jenen Abend mitten im Gesicht - bis zu seinem Tod im Jahr 1947. Während die damaligen Journalisten der Zeitungen und Magazine die Narben gerne größer machten als sie tatsächlich waren, um Capones Image eines harten Mafia-Jungen zu unterstreichen, versuchte der medienaffine Gangsterboss selbst den Fotografen stets sein narbenloses Halb-Profil darzubieten.Die Porträts des Berliner Künstlers Guido Sieber hätten Capone - wäre er noch am Leben, - also vermutlich überhaupt nicht gefallen. Zu offensichtlich ist Siebers bildnerische Lust am Kaputten, Brutalen und der grenzenlosen Kaltblütigkeit, welche die Mafia-Granden in Berichten über das organisierte Verbrechen stets umweht. Unübersehbar pochen Capones ungepuderte Narben auf der Leinwand, durchkreuzen blutunterlaufene Augenpaare herrisch den Galerieraum, verraten gefrorene Mundwinkel in auch sonst versteinerten Gesichtszügen nicht die geringste Gefühlsregung.In satten, schmutzigen Farben hat Sieber in den vergangenen zwei Jahren eine Ahnengalerie des organisierten Verbrechens geschaffen. Gleich jenen sinistren Familienfeiern in unzähligen Mafiafilmen, auf welche in der nächsten Einstellung immer ein Begräbnis folgt, sind hier die Bösen, die Hässlichen und ihre Bräute versammelt: Capones Vorgänger in Chicago, der Bordellbetreiber Jim "Big Jim" Colosimo, das platinblonde Hollywood-Starlet Lana Turner ebenso wie Lucky Luciano, der New Yorker "Boss aller Bosse", welcher schon als pockennarbiger Teenager von seinen Mitschülern Schutzgeld erpresst haben soll.Es liegt in der Natur der Sache, dass sich Sieber auch mit den medialen Wiedergängern der historischen Figuren beschäftigt. Untrennbar sind Unterhaltungsindustrie und Organisiertes Verbrechen miteinander verstrickt. So verdanken nicht gerade wenige große Schauspieler der Mafia ihre Paraderollen. Die einen indirekt, wie etwa Al Pacino als der junge und Marlon Brando als der alte Corleone aus Coppolas' "Der Pate". Oder Robert de Niro als Sam "Ace" Rothstein, der in Scorseses "Casino" ein ebensolches leitet. Anderen Showgrößen soll die Mafia ganz direkt den Weg zum Erfolg geebnet haben, etwa Legenden wie Dean Martin oder Frank Sinatra.Auch deren Porträts sind in der über vierzig Gemälde zählenden Schau zu sehen. Allen Bildern gemeinsam ist die unbarmherzige Ausdeutung des Personals durch Siebers Kunst. Denn in der darstellerischen Zuspitzung der seelischen Verwüstungen ist Sieber, der auch als Illustrator und Karikaturist arbeitet, unschlagbar. In der Tradition von Grosz, Dix und auch Schad arbeitet er mit drastischen Bildern an einem figürlichen Realismus, dessen Genauigkeit alles Fotografische hinter sich lässt.Galerie Friedmann-Hahn, Wielandstraße 14, bis 6. Mai. Di-Fr 15-18 Uhr, Sa 11-16.30 Uhr.------------------------------Foto: (2) Auch die Videokunst ist auf der am 4. April eröffnenden 5. Berlin Biennale keinem "roten Faden" einer thematischen Strategie unterworfen: Lars Laumann drehte "Berlinmuren" vor Mauerresten (l.), Babette Mangolte "(Now) or Maintenant entre parenthèses", einen Film über die Vergeblichkeit allen Tun und Trachtens.------------------------------Foto: (2) Dean Martin und Frank Sinatra, von Guido Sieber lustvoll als Mafia-Günstlinge im neusachlichen Stil von Dix, Grosz und Schad gemalt.