Es waren einmal zwei junge Männer in Göttingen an der Universität um das Jahr 1800, die ihr Herz füreinander entdeckten, einander Briefe schrieben, später gemeinsam an den Rhein reisten, sich wieder trennen mußten und wieder Briefe schrieben, gespickt mit Versen wie diesen:Dichtung beherrschte das Wesen ihrer Briefe, Gedichte gingen hin und her, Lieder, Entwürfe für ein Leben in Poesie."Alles geschieht in der Welt der Poesie wegen, die Geschichte ist der allgemeinste Ausdruck dafür, das Schicksal führt das grosse Schauspiel auf, für den Sonntag arbeitet der Handwerker, der Schüler für die Spielstunden nur wenige und das sind die Poeten werden genug begünstigt daß ihnen die Arbeit ein Spiel wird und die müssen für die übrige Menschheit arbeiten, daß sie den Zweck ihres Lebens nicht verfehlen, daß sie nach der Arbeit einen poetischen Genuß finden nicht Langeweile mit Langeweile einkaufen."Ein Gedankenspiel aus dem Bilderbuch der Romantik, ersonnen von Achim von Arnim, seinem Freunde Clemens Brentano im Jahre 1802 mitgeteilt, und dieser feuerte zurück: "Nach meiner Überzeugung ist jedes Gedicht nur historisches Bruchstück einer höheren Natureinheit, das Genie nichts als die Bürgerkarte aus jener höheren Geschichte, und der Künstler der Prophetische Historicker jener Einheit " Oder: "Wenn du vor den Anticken stehst und den Gemälden in der Bibliotheck, so ärgere dich um Gotteswillen, daß sie Anstalten für die Kunst sind, und faße den Entschluß lieber tausenden den Sinn zu geben, als eine Anticke ausgraben zu laßen, die Goldene Zeit wohnt dicht am Herzen der Erde, und wenn das Kind anfängt aufrecht zu gehen, wird es schon ein Infanterist, wie das Steckenpferd schon der Schritt zur Kavallerie ist, wo die Kunst sich dem Marmor gesellte, war keine Poesie mehr im Fleisch." Oder: " ich mögte lieber der Lichterbuzzer Apollos als die oberste Gottheit der Lappländer sein."Das klingt nach Bruch mit der Tradition des Klassischen, Vollendeten à la Weimar, nach Loslösung vom Geniekult der marmornen Götter Goethe, Schiller. Eine Poesie des Unfertigen schwebte den jungen Dichtern vor, sie wollten die literarischen Gattungen miteinander verschmelzen, die ungebundene Rede mit dem Vers mischen, sie wollten mit dem Volke poetisch reden und klar. Schlegels Proklamation vom poetischen Leben als Kunstwerk, das jedermann versteht, rauschte in ihren Köpfen.Novalis machte es ihnen vor, Hölderlin haderte mit Schiller, seinem Gönner und rettete sich hernach aus enttäuschter Liebe zu ihm und zu seiner Diotima in den Wahnsinn, Kleist kündigte den Sold beim preußischen Militär, dichtete Unbotmäßiges, lebte von der Hand in den Mund und war ständig unterwegs, die Günderode klöppelte schön gemusterte Verse in ihrem Damenstift, das Liebesunglück heraufbeschwörend, die Gebrüder Grimm, von der Universität verjagt aus politischen Gründen, legten Hand an die neue Dichtkun st der jungen Poeten, Bettine schlug Purzelbäume zwischen Frankfurt am Main und Weimar, um auch etwas zu werden. Bettine, die jüngere Schwester Brentanos, geisterte von Anfang an durch die Briefe der Freunde. Clemens sah in ihr sein Ebenbild ins Weibliche gewendet, ein unsteter Geist, das liebe Naturkind Mignon, als das sie sich so gerne ausgab. Achim ließ sie stets artig grüßen.In den ersten Jahren bis zirka 1804 wechselten die Freunde hymnisch schwärmerische Briefe. Achim, märkischer Adelssohn, befand sich nach seiner Rheinreise mit Clemens auf einer Bildungstour quer durch die Lande, in die Schweiz, nach London, nach Paris. Clemens, Bürgerkind aus Frankfurt am Main, suchte ein Leben lang seinen Platz in der Welt. Er hatte studiert und nichts zu Ende gebracht, er sollte Kaufmann werden wie sein Vater, seine Brüder, er wollte kein Kaufmann sein, versuchte sich in allerlei Wissenschaften, trieb sich in Jena herum ohne Erfolg. Aber er fand zur Poesie und dichtete, seit er denken konnte.Um 1804 erörterten die Freunde ihre Literaturvorhaben, Fragen der Ästhetik wurden immer wieder neu diskutiert, sie kritisierten einander liebevoll. Eine Singschule schwebte ihnen vor, die fahrenden Sänger wollten sie sein. Sie begannen Gedichte und Lieder aus dem Volke zu sammeln. Vorgefundenes formten sie um, erfanden Neues zur Laute, reimten Vergnügliches und Trauriges. So entstand in den Jahren ab 1804 bis 1808 eine umfängliche Sammlung von Texten, die nach und nach drei Bände füllten und unter dem Titel "Des Knaben Wunderhorn" Furore machten. Sogar der alternde Goethe begeisterte sich bei Erscheinen des ersten Bandes und schrieb: "Von Rechtswegen sollte dies Büchlein in jedem Hause, wo frische Menschen wohnen, unterm Spiegel, oder wo sonst Gesang- und Kochbücher zu liegen pflegen, zu finden seyn."Der Literaturfürst von Weimar wurde natürlich von den Jungen verehrt, geliebt, seine Fürsprache galt viel, seine Kritik alles. Auch Bettine umschmeichelte ihn, setzte ihm Flöhe ins Ohr, verjüngte ihn. Sein Wilhelm Meister war den Freunden Passion, seitenweise leuchtete sein Leitstern auf, als seien sie Nachgeborene einer Dichterfigur.Doch prosaisch ging das Leben der beiden Brüder im Geiste weiter. Neben den unzähligen Arbeitsbriefen, die das Wunderhorn umkreisten, finden sich Spontangedichte, historische Versepen, Zeichnungen, Skizzen, Satiren, werden Geldsorgen ausgebreitet, die Liebe, die Sehnsucht nach Familie ohne Konvention, tritt Bettine auf, immer wieder, hört man Neues von den Grimms, von Görres, Savigny, Madame de Stael, Schlegel, Tieck, vom alten Fichte, vom Jenaer Kreis, aus Weimar. Brentanos endlose Frauengeschichten füllen die Seiten, Sophie Mereau, Auguste Bußmann beherrschen den Briefschreiber.Napoleons Truppen, nach 1806 in Preußen, bevölkern Achims Briefe aus Königsberg an den Freund in Heidelberg, in Kassel: "Den 14ten Juni 1807 Sonntags sah ich von den Wällen einer Schlacht zu, unsere Truppen, die sehr viel schwächer waren, musten sich zurückziehen; sie stürmten darauf zweymal vergebens, die Vorstädte wurden abgebrannt, den Nachmittag fielen ein paar Bomben in die Stadt, die ihre Kirchen getreulich besuchte."Dann ein paar Zeilen später: " vielleicht ist ein großer Friedenscongreß hier, die Schlacht von Friedland wo die Russen keine Preussischen Truppen bey sich hatten und daher gänzlich geschlagen wurden, entschied das Schicksal von Europa." Achim zog sich aus dem Kriegsgeschehen in Königsberg wieder zurück, er fühlte sich seinem König verbunden, aber er taugte nicht zum Kriegsherrn und nicht fürs Militär."Man muß dichten, um nicht das Leben in seiner schlechtesten Gestalt zu sehen", schrieb Clemens an den Freund. Politisches und Kriegerisches lagen Brentano fern, sein Krieg spielte auf häuslicher Bühne, wirr und unerforschlich wie Wind und Wetter.Nach jahrelangem Zaudern und Schwärmen heiratete Brentano 1803 die Dichterin Sophie Mereau, deren Romane er heftig kritisiert hatte. Halb zog sie ihn, halb stieß er sie weg, halb liebten sie sich, und das Ganze mußte von Arnim absegnen. Brentano war in Liebes- und Freundschaftsdingen unersättlich und meist in Aufruhr. Er verschlang Frauen und Männer, sobald sie ihm freundlich entgegentraten. Er wollte geliebt werden und alle lieben, und kam oft in die Situation des Bittstellers, des Bettlers um Liebe, Zuneigung. "Demuth ist der schönste Stolz", ließ er Achim wissen, damit er seine Liebe teilen konnte zwischen der Merau und dem Freunde. Sie lebten nicht lange in Freuden, es kriselte schon bald nach der Eheschließung. Die Mereau wurde schwanger, gebar ein totes Kind und noch eines. Beim dritten Engel mußte sie selbst ins Gras beißen, Brentano machte sich alle Vorwürfe dieser Welt, ward unglücklich zu Tode betrübt. Dann tröstete er sich so rasch es eben ging, schloß ein junges Ding in seine Arme. Auguste Bußmann, von der er sagte, sie habe sich ihm an den Hals geworfen. Auguste wollte alles sein mit ihren knapp siebzehn Jahren, eine Königin der Poesie, ein Kind, eine freie Person, eine Megäre. Sie brachte ihre Familie mit ihrem Benehmen halb um den Verstand und Brentano dazu. Ihre ausgeflippten Auftritte in der Öffentlichkeit wollten kein Ende nehmen. Da erbarmte sich Brentano und nahm sie 1807 zur Frau. Achim schluckte auch diese Kröte, ließ sie immer höflich grüßen.1808 schrieb Clemens aus Kassel, wo er sein Auskommen suchte: "Mein lieber Bruder! Ist es, weil du so lange nicht schriebst, oder weil ich einsam, und dich so vieles gefragt habe und dir so mancherlei zugeschickt, worüber ich deine Meinung hören mögte, genug, ich sehne mich sehr nach einem vollen Brief. In meinem grosen Elend ist es das neueste, das die zu Zeiten ganz verrückte Auguste vor drei Tagen mit einem Federmesser und einer Scheere aus langerweile sich zwei Stiche gegeben hat, die ein kollosaler Floh auch hätte vollziehen können, aber leider muß sie sich außer dem Frisiren und schnüren jetzt selbst bedienen, die Scene war komplett, Lulu und Claudine saßen zwei Tage an ihrem Bett, in welchem sie aus Scham nicht lieber lebendig geblieben und hineingepißt zu haben liegen blieb "Mit Auguste war kein Leben möglich, jeder Versöhnung folgte eine neue Attacke, Brentano konnte in der Ehe weder heimisch noch zahm werden. Er floh vor Auguste, floh vor sich selbst. Achim von Arnim heiratete 1811 Bettine Brentano, in den Briefen an Clemens ist davon nicht die Rede, als hätte das Paar einen Komplott gegen den Bruder im Geiste geschmiedet, oder das poetische Leben wurde nur kleiner geschrieben, oder verwischte mit den Jahren. Es war die gemeinsame Schöpfungskraft der Jugend, die alles zusammenhielt, was sonst trennte.Achim und Bettine zogen nach ihrer Eheschließung von Berlin auf das Arnimsche Gut Wiepersdorf, Briefe zwischen den Freunden wurden seltener gewechselt. Sie trafen einander noch mal hier, mal da, Clemens bat sogar einmal um Unterschlupf bei dem Paar. Dann lebte er auf einem Familiengut in Böhmen, dann in Wien, Berlin, Frankfurt am Main, München. Achim blieb in Wiepersdorf, schrieb, dichtete, verwaltete seine Ländereien, kümmerte sich um seine Kinder. Bettine indes zog es zurück nach Berlin in die Gesellschaft, die sie so sehr brauchte, um selbst etwas zu sein.Dieser Briefwechsel, zum ersten Mal vollständig und ungekürzt zusammengetragen von Hartwig Schultz, ist eine Fundgrube an Lebensstoff aus der Epoche, die wir die Romantik nennen. Eine Entdeckungsreise zum Mittelpunkt des Selbst. Das Private wird öffentlich durch den Brief, der Brief als literarisches Medium zum Spiegel des Privaten. Das Briefeschreiben, im ausgehenden 18. Jahrhundert zur Literatur erhoben, stand in voller Blüte. Man schrieb sich Briefe und zeigte sie den Freunden, Bekannten, machte sie zum Schauplatz alles Geistigen, Seelischen. Brentano nahm nie ein Blatt vor den Mund, von Arnim schrieb diskreter, ironischer, aber auch er sprudelte über, wenn die Ereignisse seine Seele ergriffen.Die beiden Bände der Freundschaftsbriefe enthalten ein sehr aufschlußreiches Vorwort vom Herausgeber Hartwig Schultz, und neben 800 Seiten Briefschatz findet sich ein Glossar von nahezu 200 Seiten, das Erläuterungen anbietet, eine unendliche Kleinarbeit, die Großes bewirkt, und vor der man den Hut ziehen muß. Ebenso ausführlich ist das Personenregister, wo diejenigen von Rang und Namen aufgeführt werden, die die beiden Briefschreiber je gekitzelt haben.Die einzige kritische Anmerkung der Rezensentin gehört dem Druck. Von Arnims Briefe sind blaugrau gedruckt, Brentanos rot, das irritiert, und die Lesarbeit geht langsamer voran, als man wünscht.>