KREUZBERG. "Den Lenin müsst ihr sehen, der ist witzig", sagt Hendrik und zeigt auf den Hof, auf dem riesige gelbe Container mit der Aufschrift "Zapf-Umzüge" übereinander gestapelt sind. Die vier jungen Leute blicken sich suchend um, doch Lenin ist umgezogen. Statt wie bisher am Eingang zum "Kartonverkauf" steht der russische Revolutionsführer seit einigen Tagen zwischen Containern. Dort wirkt die Bronzeskulptur trotz ihrer gut drei Meter Höhe etwas unscheinbar. Hendrik und seine Freunde machen trotzdem Fotos. Ein Firmenmitarbeiter erklärt ihnen, dass an Lenins "Heimatstandort" ein Wasserrohrbruch behoben werden muss: "Danach zieht er wieder zurück."Geschichten über die GeschichteSeit Jahren ist die Firma Zapf-Umzüge an der Köpenicker Straße das Ziel von Touristen, die die Lenin-Statue sehen wollen. Es sind junge Leute, Partygänger von einem benachbarten Edel-Restaurant und auch Menschen, die eigentlich zum Brommy-Balkon ans Wasser wollen. Manchmal, so sagt ein Zapf-Mitarbeiter, müsse er die Besucher darauf hinweisen, dass dies ein Betriebsgelände sei. "Einige meinen sogar, der Zapf habe sich ein eigenes Denkmal gebaut", sagt er. Denn nicht jeder kenne Lenin, Wessis weniger als Ossis und junge Leute fast gar nicht mehr. Der Mitarbeiter sagt, dass er seine Geschichtskenntnisse gern weitergibt: "Ich erzähle, dass der Name Lenin ein Pseudonym für Wladimir Iljitsch Uljanow ist und wie das damals war mit den Bolschewiki und der Revolution."Der Altlinke Klaus Zapf, der einst "West-Berlins bestes Umzugskollektiv" kreierte und heute bundesweit zu den Großen der Branche gehört, hatte Lenin im Sommer 2001 auf seinen Hof geholt, als Mahnmal gegen das Vergessen von Geschichte. Für die meisten, die zum Lenin gucken nach Kreuzberg kommen, ist die Skulptur aber nicht viel mehr als eine skurrile Dekoration.Viel erinnert ohnehin nicht mehr an die Revolutionsgeschichte und an Lenin. Ein Denkmal aus Granit wurde Ende 1991 in Friedrichshain in gut 120 Teile zersägt und in den Köpenicker Seddinbergen verbuddelt. Vor drei Jahren hatte Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) laut darüber nachgedacht, das Monument vielleicht doch nicht als Deponiegut enden zu lassen. Daran habe aber niemand Interesse gezeigt, sagt ihre Sprecherin: "Still ruht der Lenin."In der russischen Botschaft an der Straße Unter den Linden hat man das einstige Idol ins Exil geschickt: Lenin steht jetzt auf dem Innenhof. Auch in Tempelhof gab es einmal eine fünf Meter große Lenin-Skulptur. Auf dem Hof der Lex-Autovermietung am Mariendorfer Damm sorgte sie für Touristenauflauf. Und für Ärger bei Nachbarn und der örtlichen Politik. Eine Zeit lang fand das Denkmal noch Verwendung bei Ostalgie-Partys. Wo es jetzt ist, weiß bei Lex niemand.Natürlich hat sich das Deutsche Historische Museum (DHM) eine Lenin-Skulptur gesichert. Die steht seit 1990 im Foyer und kommt aus Eisleben. Es soll das erste Standbild sein, das nach Lenins Tod 1924 gefertigt wurde. Museumssprecher Rudolf Trabold findet es traurig, wie mit solchen Erinnerungen umgegangen wird: "Wir würden gern einen Skulpturenpark für Ehrenmale gestalten, wie es ihn zum Beispiel in Budapest gibt." Aber das sei politisch nicht gewollt.------------------------------Foto: Vom Eingang auf den Hinterhof: Die Lenin-Skulptur auf dem Gelände des "Zapf"-Umzugsunternehmens ist vor einigen Tagen umgezogen.