In gewisser Weise ist Uta Leichsenring ein Dinosaurier, Vertreterin einer längst ausgestorbenen Spezies. Sie glaubt an das Gute im Menschen, an den Re"iitsstaat und die Demokratie. Sie hält auch die Polizei für Freunde und Helfer. Dabei hätte gei~fi" sie Gelegenheit, sich vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Uta Leichsenring ist Polizeipräsidentin.Es gibt nur drei Polizeichefinnen in Deutschland: eine bei der Wasserschutzpolizei, eine in Karlsruhe und Uta Leichsenring. Sie hat von allen die schwerste Aufgabe. Ihr Präsidium steht in Eberswalde. Sie ist verantwortlich für ein Gebiet, das im Norden bis Schwedt und im Süden bis Bernau reicht. Die Städtchen sind in ganz Deutschland bekannt. Ihre Namen klingen nach Skandal. In Eberswalde wurde der Angolaner Amadeu Antonio erschlagen. Die Schwedter Polizei überließ Neonazis die Stadt. Und in Bernau, so stand es jüngst in dieser Zeitung, folterten Beamte vietnamesische Zigarettenverkaufer.Polizeipräsidentin in Eberswalde, das ist ein Job der Nackenschläge.Vertraut aus Wendezeiten Wenn in der Zeitung Vorwürfe wie die gegen die Bernauer Polizisten stehen, dann reagieren die Oberen der Gesetzeshüter meist reflexartig mit Blitzdementis Marke: "Stimmt nicht!" "Kann ja gar nicht sein!" "Alles haltlos!" "Maßlos übertrieben~" Doch Uta Leichsenring hat nichts voreilig bestritten.,, Ich könnte gar nicht schlafen, wenn ich alles unter dem Deckel halten müßte." Sie klärte auf. Noch am Tag der ersten Veröffentlichung wurde ein Beamter vom Dienst suspendiert. Ihm mußten bislang sechs Kollegen folgen.Der 44jährigen fehlt der Corpsgeist. Vermutlich, weil sie gar kein Corpsmitglied ist. Sie ist gelernte Bauingenieurin. Keine einzige der formalen Voraussetzungen für eine Polizeipräsidentin erfüllt sie auch nur in Ansätzen: Sie ist keine Polizistin und keine juristin. In Eberswalde hat sie zum ersten Mal eine leitende Position übernommen und ist gleich für 800 l>olizlsten verantwortlich."Sie hat zwar keine Erfahrung, aber sie hat Persönlichkeit." Das sagt Joachim (,auck, Beauftragter für die Stasiakten. Er kennt Uta Leichsenring aus der Wendezeit. "Das ist kaum ein paar Jahre her", sagt Uta Leichsenring. "Aber ich fühle mich so, als ob das schon Jahrzehnte hinter mir liegt. In einem anderen Leben."Dezember 1989. Der Staatssicherheitsdienst wird aufgelöst. Eine Freundin der Bauingenieurin ist in einer Potsdamer kogruppe aktiv. Keiner aus der Gruppe hat Zelt, bei der ersten Sitzung der Bürgerkommission zur Auflösung der Stasi dabeizusein. Die Freundin bittet Uta Leichsenring. Aus der politisch passiven Bauingenieurin wird eine Burgerrechtlerin.Von da an ist die Auflösung der Stasi ihre Aufgabe. Zuerst gehört sie zu den Auflösern. "Dann habe Ich gemerkt, daß von acht Mitgliedern der Potsdamer Kommission sieben Stasileute waren. Ich wollte raus." Da beauftragt die Volkskammer Joachim Gauck mit der Kontrolle dieser durchseuchten Komitees. Uta Leichsenring übernimmt die Leitung der Potsdamer Außenstelle der Behörde.Energische ReformerinSo lernt sie Brandenburgs Innenminister Alwin Ziel kennen. Völlig unerwartet fragt er die Gauck-Vertraute im Frühjahr 1991, ob sie nicht Polizeipräsidentin werden will. "Ich war total verblüfft. Auf so eine Idee wäre ich selber ja nie gekommen." Uta Leichsenring überlegt. Wochenlang. Ihre Freunde amüsieren sich. "Was? Du bei der Polizei." Aber dann kommen immer mehr, die sagen: "Uta, mach s!" Seit November ,91 ist also eine Bürgerrechtlerin Chefin von 800 einstigen Volkspollzisten -- ein seltener Triumph der Wendezeit.Seitdem gibt es Tage, an denen es ihr schwerfällt, ihren Standort zu finden, zwischen der Polizeipräsidentin und der Bürgerrechtlerin. Letzten Dezember war wieder so ein Datum: Der dritte Todestag des Angolaners Amadeu Antonio. Er starb, ein Jahr bevor sie Präsidentin wurde. Etwa 200 Demonstranten aus Berlin sind an diesem Jahrestag nach Eberswalde gefahren. Sie sind wütend, weil die Polizisten, die bei dem Mord zuschauten, bis heute nicht vor Gericht standen. Randale ist nicht ausgeschlossen. Frau Leichsenring läßt Einsatzkräfte aufmarschieren. Eigentlich würde die Bürgerrechtlerin gerne mitdemonstrieren. Doch von der Polizeipräsidentin wird an diesem Tag erwartet, hinter den Beamten zu stehen. So läuft sie an jenem Sonnabend vormittag ein wenig verloren durch Eberswalde. Sie pendelt zwischen den Fronten, zwischen den Lagern. Eine zierliche Frau mit unglücklichem Gesicht, die versucht, zwischen den vielen schaulustigen unerkannt zu bleiben. Sie weiß: Wenn jetzt einer durchdreht, ein Polizist oder ein Demonstrant, dann kann sie nicht mehr pendeln. Doch es dreht keiner durch.Ihre 800 Polizisten sind weit verteilt im Land. Die kann Uta Leichsenring nicht alle kontrollieren, nicht einmal beeinflussen. Je weiter entfernt die Polizeireviere sind, desto schwächer wird Leichsenrings Wirkung. Schwedt ist ziemlich weit weg von Eberswalde. Ein Jahr lang ließ die Polizei dort die Neonazis gewähren. Nachdem die Zustände öffentlich geworden waren, lud Uta Leichsenring zur Pressekonferenz. Einer ihrer Männer aus Schwedt gab eine gewagte Interpretation zum besten: "Wir haben hier Probleme mit rivalisierenden rechts- und linksextremistischen Gruppen." Weiter kam er nicht. Da fuhr ihm seine Chefin in die Parade: "Nein, nein. Die Gewalt geht eindeutig immer von rechts aus." Es ist eigentlich nicht Stil der Polizei, Streit öffentlich auszutragen. Uta Lelchsenring will das ändern.Und vieles mehr. Eigentlich will sie die Polizei von Grund auf reformieren. Ein ehrgeiziges Vorhaben. In den etablierten Polizeipräsidien im Westen ist es Aufgabe eines Präsidenten, Verbrechern das Handwerk zu legen. Uta Leichsenring muß vorher dafür sorgen, daß ihre Leute ihr Handwerk erst einmal erlernen. Die ehemaligen Volkspolizisten taugen oft nicht zum Polizeibeamten eines demokratischen Gemeinwesens. Sie wurden nach Kriterien ausgewählt, die heute nicht mehr wichtig sind. Ein halbes Jahr lang bekamen sie beigebracht, was zur Sicherung der DDR-Ordnung nötig war. In der Bundesrepublik lernen Gesetzeshüter zweieinhalb Jahre. Vor allem der Umgang mit Konfliktsituationen fällt den Ehemaligen noch immer schwer. So muß die Polizeipräsidentin kräftig gegen Widerstände im eigenen Apparat ankämpfen. Schließlich waren nicht alle der heutigen Gesetzeshüter mit dem Beruf des Volkspolizisten unzufrieden."Ich war immer der Meinung. daß man auch die ändern kann", sagt Uta l.eichsenring. Nach einer Sekunde Nachdenklichkeit schiebt sie hinterher: ,Eigentlich glaube ich noch immer daran." "Noch immer", das klingt nach Vorläufigkeit, nach Zweifel. "Ja", sagt sie. "Wenn ich so etwas wie das von Bernau erfahre, dann komme ich ins Grübeln, dann denke ich schon ans Aufhören."Freund und HelferDie Abende sind nicht selten, an denen sie beim Zubettgehen nicht sicher ist, ob sie am nächsten Morgen weiter Polizeipräsidentin sein will. "Der Rückzug muß immer offenbleiben", hat sie sich geschworen. Und nun plagt sie ihr Gewissen, weil sie, um nicht mehr nach Potsdam pendeln zu müssen, in Basdorf ein Haus für sich, ihren Mann und beide erwachsenen Söhne gekauft hat. Auf Kredit. I)as macht den Rückzug schwieriger.Noch hat sie den Glauben an das Gute nicht aufgegeben, auch nicht die Hoffnung auf eine Polizei als Freund und Helfer. Wenn sie von ihrer Vision spricht, dann drehen sich die Sätze um das Wort Mensch in seinen Variationen: Menschlichkeit, Menschenwürde, Menschenbild. Wenn Kollegen über sie sprechen, dann über ihren "menschlichen Arbeitsstil".Das Menschenbild, an dem sich Uta l.eichsenring orientiert, ist christlich geprägt. "Bis heute beneide ich die Christen, die glauben können." Und wenn die Nackenschläge schmerzen, "fiihle ich mich zu christlichen Gesprächspartnern hingezogen". Wie den Pastor Joachim Gauck. Oder den Chef der Schutzpolizei im Eberswalder Polizeipräsidium, Polizeirat Hans-Joseph Tischbein. Der katholische Rhe,nländer ist Kirchgänger. ,Aber ich bin einfach keine Christin", sagt Uta Leichsenring. "Ein Fehlurteil", widerspricht Tischbein. "Natürlich ist sie eine Christin. Sie weiß es vielleicht nur nicht."Uta Leichsenring ist Sonntag in Erich Böhmes Talk im Turm -- Thema: "Rassismus auf der Wache -- was ist los mit der Polizei?", SÄT 1,22.10 Uhr.ANDERE OBER SIE"Ihr Denken über Menschen und über die Welt ist schon sehr idealistisch."HANS-JOSEPH TISCHBEIN. Polizeirat"Sie ist ein Vorbild für alle Polizisten, wie man mit Macht umgeht." ALMUTH BERGER. Ausländerbeauftragte Brandenburg"Ich gehe davon aus, daß die Polizisten in Eberswalde spüren, daß sie mit ihr etwas ganz Besonderes bekommen haben."JOACHIM GAUC~, Bundesbeauftragter für die Unterlagen des DDR-Staatssicherheitsdienstes"Ein Mensch wächst ja mit seinen Aufgaben, und bei ihr habe ich das schon gespürt. Ich bin mächtig stolz auf sie."SVEN LEICHSENRING, 26. Sohn"Ich schätze Uta Leichsenring menschlich wie heruflich; sie ist zupackend. kompetent und ~ erläßlich. ALWIN ZIEL.Innenminister Brandenburg Uta Leichsenring

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