Wenn am Sonnabend das Neue Museum nach langer Renovierungsarbeit wieder eröffnet wird, thront die schöne Herrscherin vom Nil wieder an ihrem angestammten Platz. Doch war Nofretetes Gesicht tatsächlich so makellos, wie es ihre Büste glauben macht? Röntgenaufnahmen hatten in der Vergangenheit unter der äußeren Gipsschicht ein zweites Gesicht zutage gebracht, das Falten um die Nase zeigte. Später soll es mit dem heute sichtbaren Konterfei übertüncht worden sein.An der Existenz des zweiten Gesichts melden jetzt jedoch Experten der Bundesanstalt für Materialforschung und -prüfung (Bam) Zweifel an. In einem Artikel, der gestern in der Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Zerstörungsfreie Prüfung erschienen ist, behaupten Bernhard Illerhaus und zwei seiner Kollegen, dass sich die Details des zweiten Gesichts lediglich durch Zufall aus den Bilddaten ergeben.Im Jahr 2006 hatten Forscher der Charité die Skulptur in die Röhre eines Computertomografen (CT) geschoben, wie er in Krankenhäusern verwendet wird. Bei der Methode durchdringen Röntgenstrahlen aus verschiedenen Winkeln die Probe; die Messwerte werden im Computer ausgewertet, um ein 3-D-Bild zu erhalten. 2007 veröffentlichten Alexander Huppertz und seine Kollegen Ergebnisse, in denen sie auf die Existenz des zweiten Gesichts aufmerksam machten. Im April 2009 erschien dann ein Artikel in der Fachzeitschrift Radiology, in der die Details des Gesichts gezeigt wurden."Das Problem ist die Auswertung der Bilddaten", sagt der Bam-Wissenschaftler Illerhaus, der die Arbeit der Charité-Forscher überprüft hat. "Der Kalkstein, aus dem die Büste besteht, und die äußere Gipsschicht sind für Röntgenstrahlen ähnlich durchlässig. Die Grenze zwischen Stein und Stuck, an der das zweite Gesicht vermutet wird, ist daher schwer zu identifizieren."Um sie sichtbar zu machen, hätten Huppertz und seine Kollegen einen willkürlichen Schwellenwert gewählt. "Folgt man ihren Berechnungen, läge das zweite Gesicht aber tief im Kalkstein", sagt Illerhaus. "Es existiert also nur virtuell."Huppertz bezeichnet die Vorwürfe als haltlos. Dass das ursprüngliche Gesicht exakt so aussieht wie auf seinem 3-D-Scan, will er nicht beschwören. "Aber ich bin überzeugt, dass es das Gesicht gegeben hat." Wahrscheinlich seien bald Aufnahmen möglich, die weitere Details zeigten, sagt der Forscher. "Da reden wir aber nur über ein Fältchen mehr oder weniger." Radiology, Bd. 251, S. 233 ZfP-Zeitung, Oktober 2009, S. 52------------------------------Fotos (3): Makellos schön präsentiert sich die Nofretete-Büste (links), die von Sonnabend an im Neuen Museum zu sehen ist. Die Skulptur besteht aus Kalkstein, der mit einer weniger als einen Millimeter dünnen Schicht aus Gips überzogen ist. Darunter hatten Forscher der Charité 2007 ein zweites Gesicht entdeckt - mit Fältchen an den Nasenflügeln, die später übertüncht wurden. Nachdem sie die 3-D-Röntgenbilder (oben) geprüft haben, behaupten Experten der Bundesanstalt für Materialforschung jetzt: Das zweite Gesicht ist lediglich ein Rauschen im Datenwust, der aus dem unregelmäßigen Kalkstein (unten) entsteht.