HAMBURG, 22. August. Die anderen spielen Fußball, sie warten. Sie warten, dass der Ball auf sie zugeflogen kommt. Dann versuchen sie ihn zu fangen oder wegzufausten, sie hechten ihm hinterher, schmeißen sich mit ihm auf den Boden, fallen auf die Hüfte, auf die Knie, auf die Schultern. Anschließend werfen sie den Ball schnell wieder ab, mit Händen, die in überdimensionalen Handschuhen wie Pranken aussehen. Und während die anderen nun weiterspielen, reiben sie sich die gepolsterten Schultern, ziehen die hüftverstärkten Hosen hoch, spucken noch einmal in die Hände. Und warten auf den nächsten Angriff, den sie zu parieren haben: die Torhüter.Als das moderne Fußballspiel im 19. Jahrhundert seine Anfänge nahm, gab es sie noch nicht. Wenn das eine Team angriff, verteidigte bei der anderen jeder - bei Bedarf auch mit der Hand. 1871 beschloss der englische Fußballverband, fortan dürfe nur noch ein Spieler seine Hände zur Hilfe nehmen. Dieser Torwart bekam eine eigene Kleiderordnung, denn er sollte erkennbar anders aussehen als die anderen. Aber es dauerte noch einmal rund hundert Jahre, bis aus dieser Kleidung eine echte Ausrüstung wurde.Bastelstunde mit Sepp MaierJahrzehntelang trugen Torhüter als höchsten Komfort Hosen mit Wattepolster. Ansonsten sahen sie mit ihren Schiebermützen und Strickpullovern in gedeckten Farben aus heutiger Warte eher aus wie Flaneure auf dem Weg ins Café als Sportler bei der Arbeit. Und während sie bald zwar Knie- und Ellenbogenschützer überzogen, kannten ihre Torhüterhände offenbar keinen Schmerz, jedenfalls nicht so sehr, dass sie nach Schutz verlangten. Torwarthandschuhe? "Gab s halt nicht", erinnert sich Wolfgang Fahrian, in den Anfangsjahren der Fußballbundesliga Torwart bei Hertha BSC und 1860 München. Lediglich bei Regen und Kälte zogen er und seine Kollegen handelsübliche Wollhandschuhe über, um sicherer greifen zu können. Ansonsten wurde mit bloßen Händen gehalten. Irgendwann aber muss in einsamen Bastelstunden ein einsamer Torwart eine Erleuchtung gehabt haben. Jedenfalls tauchten in den 60er-Jahren auch in der Bundesliga plötzlich Wollhandschuhe auf, deren Innenflächen mit Gumminoppen beklebt waren, wie man sie von Tischtennisschlägern kennt. Der Vorteil lag auf der Hand, jeder aus der Torhüterzunft habe das sofort erkannt, sagt Wolfgang Fahrian: Mit diesen Handschuhen konnte man entschieden besser zupacken. Und so begann bald das große Experimentieren unter den Torhütern. Sie beklebten die Innenseiten von Wollhandschuhen, Lederhandschuhen, später Kunststoffhandschuhen mit Gumminoppen, Gummiwaben, Frottee und Schaumstoff. Fahrian war einer der ersten Bundesligatorhüter, der seine Ideen nicht nur für den persönlichen Gebrauch anfertigte, sondern ein Geschäft daraus machte. Ihm folgten etliche Kollegen mit eigenen Kollektionen. Und mit Erfindergeist. Vor allem die ausdauernden Bastelarbeiten von Sepp Maier in den 70er-Jahren sind so legendär, dass sie bis ins Mutterland des Fußballs unvergessen sind. Bob Wilson, Torwart und später Torwarttrainer bei Arsenal London, sagt: "Ich erinnere mich, wie ich mich über diese riesigen Handschuhe lustig gemacht habe, die Sepp Maier bei der Weltmeisterschaft 1974 trug - aber innerhalb eines Jahres trug sie jeder."Die Männer mit den inzwischen wie aufgeblasen wirkenden Händen steckten auch nicht mehr in dunkler Wolle, sondern in bunten Hemden. Das schwarze Trikot des Schiedsrichters habe es nötig gemacht, den Torwart bunter zu präsentieren, erinnert sich Fahrian. Ende der 60er-Jahre brachte er selbst unter dem Slogan "Keeper jetzt wird s farbig" eine komplette Torwartausstattung auf den Markt. Unter Spezialisten des Torwartwesens gibt es sogar die Theorie, dass gelbe und orange Trikots bei Flutlicht wie eine blitzartige Erscheinung auf den entgegenkommenden Schützen wirken, weshalb der Stürmer den Ball dann vor lauter Schreck diesem Blitz in die Arme schießt. So erklärt sich wohl auch, wieso das Duell in Peter Handkes "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" für den Keeper gut ausgeht: "Der Schütze lief plötzlich an. Der Tormann, der einen gelben Pullover anhatte, blieb völlig unbeweglich stehen, und der Elfmeterschütze schoss ihm den Ball in die Hände."Astronauten im StrampelanzugSchicker wurde auch das Training. Teil des Fahrian schen Sortiments der späten 60er-Jahre war der so genannte Strampelanzug, ein Einteiler mit breitem Hüftbund, der das lästige Verrutschen von Hemd und Hose verhinderte. Das Werbemotto war ein umwerfendes Versprechen: "Da steckt ihr drin wie Astronauten." Ebenfalls für den besseren Sitz entwickelte der Stuttgarter Torhüter Gerhard Heinze in den 70er-Jahren ein spezielles Trikot, das mit zwei Gurten zwischen den Beinen festgeknöpft wurde. Während der Trainingsstrampler noch heute im Einsatz ist, blieb dieser Body trotz Anfangserfolgen eine Episode. Auch der gepolsterte Brustpanzer, wie ihn etwa der Bayern-Torwart Jean-Marie Pfaff in den 80er-Jahren ausprobierte, setzte sich unter Bundesliga-Torhütern nicht durch. Sowieso nutzt aller Schnickschnack mit Handschuhen in immer neuen Haftschauminnovationen und Hemden aus Funktionspolyester nichts, wenn es dem Keeper an Talent und Technik fehlt. Wolfgang Fahrian sagt: "Fangen muss man den Ball immer noch selber."Rückhalt // Die Bundesliga wird am Sonntag 40 Jahre alt. Der Torwarthandschuh wuchs in dieser Zeit kräftig mit. Eine kleine Rückschau auf die modische Entwicklung eines allzu oft unterschätzten Accessoires.Die Keeper spielen in den Anfangsjahren der Bundesliga zunächst mit bloßen Händen. Ab und an wärmt ein Fäustling die Finger.Torhüter-Pioniere wie Wolfgang Fahrian, Gerhard Heinze oder Sepp Maier verfeinern dann die Handschuhe in den 60er-Jahren mit Noppen und Belägen von Tischtennisschlägern.Der Publizist B. F. Hoffmann hat die Geschichte der Torhüterausrüstung und die Biografien der Bundesligakeeper nun in einem Buch zusammengetragen.Der Titel lautet: Das große Lexikon der Bundesliga-Torhüter. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag. 22,90 Euro.Mächtige Fanghandschuhe UHLSPORT.DPA Erfolg mühsamer Bastelstunden mit Belägen von Tischtennisschlägern: Sepp Maier und seine Torwarthandschuhe SCHWARZKOPF & SCHWARZKOPF VERLAG Bloße Hände, bloß keinen Schmerz: Wolfgang Fahrian ohne Handschuhe.