Berlin darf bald sein Eigen nennen, was bisher bloß geliehen war und zudem als unbezahlbar gelten musste. Es handelt sich um Heinz Berggruens Sammlung "Picasso und seine Zeit". Der Haushaltsausschuss des Bundestages, das ist die Sensation, bewilligte am Donnerstag ein 200 Millionen Mark teures Kunstgeschenk des Bundes an die Hauptstadt. Die Fraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen hatten, seltsam anonym, einen "Zuschuss für den Erwerb einer bedeutenden Privatsammlung" beantragt. Seit Tagen wurde in der Öffentlichkeit gerätselt, worum es da gehen könnte. Auch hatte der Kulturstaatsminister Michael Naumann Mitte Oktober bei einer intern vorgetragenen persönlichen Halbzeitbilanz angekündigt, der Bundeskanzler Gerhard Schröder werde der Berliner Republik "ein Weihnachtspräsent" in dreistelliger Millionenhöhe machen. Nun ist es heraus. Naumann darf öffentlich jubeln: Die gute Nachricht für Berlin hänge auch damit zusammen, "dass wir einen Bundeskanzler haben, der etwas von Bildern versteht".Wie Naumanns Sprecherin im Bundespresseamt am Freitag gegenüber der "Berliner Zeitung" erklärte, werde diese Zuwendung nicht dem bestehenden Kulturetat von Staatsminister Naumann entnommen, sondern zusätzlich sein. Die Sprecherin wollte sich nicht äußern, ob die Mittel womöglich aus den Erlösen vom Verkauf der UMTS-Lizenzen stammen. Es ist geplant, die unvergleichlich wertvolle Kollektion in Etappen anzukaufen. Der Leihvertrag zwischen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz und Berggruen bestand seit 1996 zunächst zehn Jahre. Letztes Jahr hat der Sammler den Vertrag um weitere zehn Jahre, also bis 2016, verlängert. Der inzwischen 86-jährige Berggruen betonte seither immer wieder, er befinde sich mit seiner Familie - der Ehefrau und den vier Kindern - "vollkommen im Einklang, dass die Sammlung unter der Bedingung ihrer Geschlossenheit für immer in Berlin bleibt". Nur unter dieser Voraussetzung könne sie eines Tages auch an die Stadt verkauft werden.Die erste Rate aus der Bundeskasse ist für das Jahr 2001 geplant. Für die folgenden neun Jahre bis 2010 erteilte der Haushaltsausschuss dem Bund eine so genannte Verpflichtungsermächtigung zur Zahlung der weiteren 180 Millionen Mark. Das bedeutet haushaltspolitisch, dass diese Mittel für diesen Zweck festgelegt sind. Insgesamt aber müssen für die 170 Gemälde, Handzeichnungen, Grafiken, Skulpturen und Künstler-Dokumente in der Berggruen-Sammlung wohl etwa 400 Millionen Mark gezahlt werden. Diese Summe wäre nach bisherigen Schätzungen des Gesamtwertes der Kunstobjekte der erbliche Pflichtanteil von 30 Prozent für die Mitglieder der Familie Berggruens. Kunstexperten gehen davon aus, dass die Sammlung weit über eine Milliarde Mark wert ist. Allein das unlängst vom Sammler zugekaufte Gemälde Picassos vom Jugendfreund Jaime Sabartés aus dem Jahr 1904 wird mit 100 Millionen Mark bewertet. So gesehen bedeutet die von Berggruen zugebilligte Verkaufssumme ein äußerst großzügiges Geschenk an Berlin. Es müssen also zu den Bundeszuwendungen weitere 200 Millionen Mark aufgebracht werden. Einen achten Teil der Kaufsumme, also 50 Millionen Mark, will das Land Berlin beisteuern. Das klingt zunächst ganz fair und annehmbar, zumal vorgesehen ist, die Zahlungen über zehn Jahre zu strecken. Aber der Berliner Finanzsenator Peter Kurth (CDU) soll trotzdem geschäumt haben, denn die Verhandlungen waren offenbar ohne ihn, nur mit dem Regierenden Bürgermeister gelaufen. Und so darf das Geld nach Kurths Willen auch nicht aus der Berliner Landeskasse fließen, da verstecken sich nämlich keine restlichen Finanzpolster. Die fünf Millionen Mark im Jahr müssten Sponsoren beibringen - und das kann noch eine gewaltige Hürde werden.Bleibt noch ein Restbetrag von 150 Millionen Mark: 100 Millionen Mark sollen durch die Beleihung von zwei Gemälden, einem van Gogh und einem Cézanne aus der Sammlung Berggruen, sichergestellt werden. Diese Bilder gehören dann allerdings der Bank, die das Geld vorstreckt. Wer aber eines Tages die Bilder mit seinem Geld wieder auslösen soll, ist offen. Die noch fehlenden 50 Millionen Mark erhofft der Kulturstaatsminister sich von Sponsoren aus der Wirtschaft.Noch ist der Vertrag mit Heinz Berggruen nicht unterzeichnet, und endgültig wird der Bundestag auch erst am 2. Dezember entscheiden. Vom Naumann schen "Schnellverfahren" der letzten 48 Stunden zeigten sich nicht nur Mitglieder des Haushaltsausschusses irritiert. Sie meinen, bei solchen Summen seien immerhin vertrauliche Vorgespräche nötig. Selbst Heinz Berggruen war gestern etwas überrascht vom allzu hektischen Lauf der Dinge. Seit gut einem halben Jahr sei man im Gespräch, bestätigt er. Aber in die jüngsten Absprachen war er nicht einbezogen. Das ging wohl auch kaum, hatte er doch den Großherzog von Luxemburg zu Gast, der seine Sammlung besuchte. Aber für Berggruen gilt: "Berlin ist meine Heimatstadt, hier gehört meine Sammlung auch her."Schon als er Mitte der 90er-Jahre den einst so spektakulären Leihvertrag mit der Londoner National Gallery löste und - bis auf einige Seurat-Bilder - seine kostbaren Ensembles - Werke von Picasso, Klee, Matisse, van Gogh und Cézanne - nach Berlin brachte, hatte er sich den Verbleib der Bilder hier gewünscht. Es ist die Stadt, in der er 1914 geboren wurde und aus der er, Sohn eines jüdischen Wilmersdorfer Schreibwarenhändlers, 22-jährig emigrieren musste, erst in die USA, nach 1945 lebte er in Paris. Mit der Entscheidung des Sammlers und Kunsthändlers, fortan in Berlin zu leben, kam 1996 eine exzellente Kollektion klassischer, französisch geprägter Moderne in die Hauptstadt. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz richtete der Leih-Sammlung damals für 9,5 Millionen Mark ein eigenes Museum ein. In den klassizistischen Westlichen Stülerbau kamen seither 600 000 Besucher. Die eher intime Sammlung hat enorme Anziehungskraft: Abseits allen kunstpolitischen Kalküls und musealer Strategien ist sie nur dem Geschmack und der Leidenschaft des Mäzens verpflichtet. Für Heinz Berggruen verbindet sich mit vielen Bildern seiner Sammlung auch eine ganz private Geschichte. Das erste Blatt seiner Sammlung war ein skurriles Aquarell von Klee mit dem Titel "Perspektiv-Spuk", das hatte Berggruen in San Francisco für 100 Dollar bei einem Trödler erstanden. "Mein Talisman", sagt er heute zum ersten seiner inzwischen 40 Werke von Klee. Für das Bildnis der "Madame Cézanne" um 1890 hatte er 1962 einen halbe Million Schweizer Franken bezahlt - und sich extrem verschuldet. Seine Vorliebe für Picasso erwuchs nicht zuletzt aus der Freundschaft mit dem Maler. Und beim alten Matisse war der junge Berggruen einst zu Gast.Der Sammler überraschte sein Publikum und ebenso die Fachwelt in den vergangenen vier Jahren mit spektakulären Ankäufen. Es waren abermals Arbeiten seiner Hausheiligen Picasso und Klee oder geduldig aufgespürte Bilder der anderen Maler seiner über 60-jährigen Passion: Von Matisse kamen "Mädchen mit Seil" und "Die blaue Zeichenmappe" hinzu. Der wohl aufregendste Ankauf war ein "Liegender Akt" Picassos von 1942, eine Arbeit, die formal an die "Demoiselles d Avignon" anknüpft.Es ist kaum vier Wochen her, dass Berggruen abermals deutlich machte, was seine Sammlerleidenschaft und seine großzügige Haltung für das Berliner Kunstleben bedeuten: Er zeigte im Stülerbau seinen gesamten Besitz von Werken Cézannes und vereinte sie mit den Cézannes der Berliner Nationalgalerie und dem Besitz eines ungenannten Sammlers. Keine andere deutsche Stadt kann sich eines solchen Aufgebotes rühmen."Eine der glücklichsten kulturpolitischen Ereignisse der letzten Zeit. Es ist eine exzeptionelle Sammlung, unwiederholbar. Berlin wird nachholen können, was versäumt wurde. Der Preis ist symbolisch. " Werner Spies KATALOG SAMMLUNG BERGGRUEN Berggruens Zentralgestirn: Picassos "Gelber Pullover" von 1939.