BERLIN, im Mai. Die Frau in dem beigen Pullover hat sich schnell noch an dem Journalistenpulk vorbeigedrückt. Von der Seite kann sie die CDU-Vorsitzende nun sehen, ihre Chefin. "Die Mikrofone stehen zu hoch. Man sieht ihr Gesicht gar nicht", sagt Beate Baumann. Sie lächelt entspannt. Die Höhe der Mikrofone wäre an einem anderen Tag möglicherweise ein Problem gewesen, an diesem Tag ist sie nebensächlich. Die SPD hat Neuwahlen ausgerufen, Angela Merkel ist sichere Kanzlerkandidatin der Union. Mit großer Wahrscheinlichkeit zieht sie im Herbst ins Kanzleramt einBeate Baumann wird sie auch auf diesem Weg begleiten. Seit 1992 arbeitet die Sprachwissenschaftlerin aus Osnabrück - damals eine Empfehlung von Christian Wulff - für Angela Merkel, die Frauen- und Umweltministerin war. Baumann zog 1998 mit der frisch ernannten Generalsekretärin in die Parteizentrale, übernahm dann die Büroleitung der CDU-Vorsitzenden und 2002 die der Unions-Fraktionschefin. Sie hat den Überblick über die Termine. Sie begleitet, beobachtet, berät. Merkels Redetexte laufen über ihren Schreibtisch. Bei Auftritten ist sie oft dabei, aber sie bleibt im Hintergrund. Selten steht Beate Baumann so, dass eine Kamera sie einfängt. Meist trägt die Mittvierzigerin gedeckte Farben, keine Hingucker. Sie gibt keine Interviews.Für die Öffentlichkeit ist Eva Christiansen zuständig. Die Volkswirtin kam vor der Bundestagswahl 1998 in die Pressestelle der Partei. Viel Politikerfahrung hatte sie da nicht. Der CDU-Spendenskandal wurde ihr Schnellkurs in PR. Sie stieg schnell zur Chef-Sprecherin auf. Die blonde Kölnerin nimmt an jeder CDU-Sitzung teil. Sie entscheidet über Interview-Wünsche, stimmt Erklärungen ab, telefoniert mit Journalisten. Freundlich, zuweilen auch ungehalten, wenn geschrieben wird, was vertraulich bleiben sollte.Es hat für Irritationen gesorgt in der CDU und in den Medien, dass eine Frau die Parteiführung übernommen hat - ausgerechnet bei den Konservativen - und dass diese Frau sich auch noch mit lauter Frauen umgibt. Denn auch die ehemalige Vorsitzende der Jungen Union, Hildegard Müller, und die baden-württembergische Kultusministerin Annette Schavan gelten als Merkel-Vertraute. Über das "Girls-Camp" im Konrad-Adenauer-Haus wurde gespottet, und dass das nicht ausreichen könne für einen Erfolg. Dabei gibt es keineswegs nur Frauen in Angela Merkels Umfeld.In ihrem wichtigsten Beraterzirkel, in der Planungsrunde, die wochentags jeden Morgen um 8 Uhr bei einer Tasse Kaffee zusammenkommt, sitzen neben Beate Baumann und Eva Christiansen sechs Männer: Generalsekretär Volker Kauder, Fraktionsgeschäftsführer Norbert Röttgen und sein Büroleiter, Bundesgeschäftsführer Johannes von Thadden, der Verwaltungschef der Fraktion Michael Wettengel und der Leiter des Planungsstabs, Matthias Graf von Kielmannsegg. Alles Westdeutsche.Kielmannsegg hat Angela Merkel von Friedrich Merz übernommen, der vor ihr die Fraktion geleitet hat. Kauder hat sich 2002 für Edmund Stoiber als Kanzlerkandidat stark gemacht. Auf Merkels Wunsch wurde er nach der verlorenen Wahl trotzdem zunächst Fraktionsgeschäftsführer, seither ist er einer ihrer wichtigsten Unterstützer.In der Bundes-CDU halten es viele im Nachhinein für ein Glück, dass Kauder, nachdem Laurenz Meyer über eine Gehaltsaffäre gestolpert war, im Januar dessen Posten übernahm. Kauder gilt als arbeitswütig und effizienter als Meyer. Der Baden-Württemberger muss jetzt für seine Partei den Wahlkampf organisieren.Merkel hat sich systematisch ihr Umfeld aufgebaut, Person für Person. Sie hat nicht wie andere in der Partei die langjährigen Seilschaften aus Zeiten der Jungen Union. Sie hat keinen starken Landesverband, der auf Parteitagen die Mehrheiten beschafft. Verglichen mit den Verbänden aus NRW oder aus Niedersachsen sind die Christdemokraten in Mecklenburg-Vorpommern ein versprengter Haufen.Sie ist misstrauisch geblieben auf ihrem Weg nach oben, das ist auch der gängigste Vorwurf, den man ihr macht in der Union. Dabei ist Angela Merkels Verhalten verständlich. Der Parteivorsitz, der Fraktionsvorsitz, die Kanzlerkandidatur - für diese Posten gibt es viele Interessenten. Es gibt Flügelkämpfe, Eitelkeiten, Karriereziele. "Im Dschungel geht es sittsam und friedlich zu im Vergleich zu einem Fraktionsvorstand", sagt ein CDU-Politiker.Aus den ersten Jahren ihrer politischen Karriere sind neben Beate Baumann auch einige Männer an Angela Merkels Seite geblieben oder wieder aufgetaucht. Der ehemalige CDU-Geschäftsführer Willi Hausmann gehört dazu, der Europapolitiker Peter Hintze und der Vize-Fraktionschef Ronald Pofalla.Den heute 62-jährigen Juristen Hausmann hat sie 1990 kennen gelernt, kurz nach ihrem Einstieg in die Politik. Angela Merkel war damals Sprecherin der DDR-Regierung, Hausmann koordinierte im Auftrag von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble die Verhandlungen über den Einigungsvertrag. Ein Jahr später war Merkel Frauenministerin und Hausmann ihr Staatssekretär. Nach der verlorenen Wahl 1998 wurde er Bundesgeschäftsführer. In diesem Jahr entsandte Merkel den inzwischen Pensionierten in die Wahlkämpfe nach Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen. "Allzweckwaffe" nennen sie ihn in der CDU, und höchstwahrscheinlich wird er auch im Bundestagswahlkampf eine wichtige Rolle spielen.Zwei Entwicklungen sind es vor allem, die das System Merkel in den letzten Monaten gestärkt haben. Da sind zum einen die Neuwahlen, durch die sich die Ministerpräsidenten neu aufstellen müssen. Für sie steht nun nicht mehr im Vordergrund, Angela Merkel zu verdrängen. Sie müssen sich einsortieren in das System der Kandidatin. Zum anderen sind da die Rücktritte des letzten Herbstes: Friedrich Merz und Horst Seehofer verließen ihre Posten als Vize-Fraktionschefs. Merz, der nicht verwinden konnte, dass Merkel ihn als Fraktionsvorsitzender abgelöst hatte und sich mit einer untergeordneten Rolle nicht zufrieden geben wollte. Seehofer, der den Gesundheitskompromiss der Union nicht mittragen wollte, den kaum einer in der Partei unterstützt. Mag sein, dass Merkel es nicht geschafft hat, diese hochangesehenen Fachleute einzubinden. Wahr ist aber auch, dass sie sich nicht haben einbinden lassen. Das Fachwissen dieser Leute wird einer künftigen Kanzlerin fehlen.Merkel hat lang gediente Unions-Größen - auch der einst mächtige Wolfgang Schäuble hat seinen Einfluss verloren und wird als künftiger Bundestagspräsident gehandelt - ersetzt durch eine Gruppe von Juristen zwischen Ende 30 und Anfang 40. Sie gehörten zu Kohls Zeiten zu den Aufmüpfigen in der CDU. Sie kritisierten den Kanzler, forderten mehr Offenheit in der Ausländerpolitik. Mit Merkel machen sie Karriere. Auch sie haben bis vor kurzem noch die Parteivorsitzende kritisiert oder 2002 Edmund Stoibers Kanzlerkandidatur gestützt. Jetzt bezeichnet sie die "Zeit" als "Merkels neue Boygroup".Ronald Pofalla gehört zu dieser Gruppe. Ihn wollte Merkel bereits 1992 als Staatssekretär ins Familienministerium holen. Kanzler Kohl legte sein Veto ein. Als Merz vergangenes Jahr hinschmiss, machte Merkel Pofalla zu einem der beiden Nachfolger, mit dem Spezialbereich Wirtschaft und Arbeit. Seine wichtigste Handlung bislang war eine PR-Aktion: Er fasste die arbeitsmarktpolitischen Forderungen der Union zusammen und gab dem Ganzen den Namen "Pakt für Deutschland".Der Saarländer Peter Altmaier beriet Merkel in der Gehaltsaffäre von Laurenz Meyer, die schließlich zum Rücktritt des Generalsekretärs führte. Altmaier bekam in der folgenden Personalrochade den Justitiars-Posten der Fraktion.Mitglied der jungen Truppe ist auch Eckart von Klaeden, den noch Friedrich Merz auf einen der Fraktionsgeschäftsführer-Posten gehievt hatte und der in den vergangenen Monaten für die Union den Visa-Untersuchungsausschuss dirigierte. Von Klaeden brillierte nicht immer, trug aber zum Ansehensverlust Joschka Fischers bei.An Klaeden vorbei ließ Merkel Norbert Röttgen ziehen, den sie erst zum rechtspolitischen Sprecher erkor und dann Anfang diesen Jahres zum ersten parlamentarischen Geschäftsführer der Unions-Fraktion. Die Wahl Röttgens sorgte in der Fraktion für Verwunderung. Der Bonner gilt als nicht besonders integrativ, muss aber in seinem neuen Amt für Merkel die Fraktion zusammenhalten. Eine richtig haarige Situation hatte er bislang noch nicht zu bewältigen.Wie Pofalla und von Klaeden ist Röttgen freundlich und jovial. Nicht scharf und zynisch wie Schäuble. Nicht hart und kompromisslos wie Merz. Röttgens Pressekonferenzen erinnern an Seminare für Verwaltungsrecht. Bei einer Regierungsübernahme könnte er Fraktionschef werden."Kohls Mädchen" ist Merkel genannt worden. Das Mädchen hat sich einiges abgeschaut von ihrem politischen Ziehvater: das Misstrauen, den Einsatz des Telefons, um Loyalitäten zu schaffen, sich abzusichern. Einen festen Beraterkreis außerhalb der Politik hat Merkel nicht. Ab und zu trifft sie sich mit Springer-Verlegerin Friede Springer oder mit Liz Mohn von Bertelsmann. Mc-Kinsey-Chef Jürgen Kluge gehört zu ihren Gesprächspartnern und der Deutschland-Chef der Investmentbank Goldman & Sachs, Alexander Dibelius.Wenn sie Quertreiber in Partei oder Fraktion disziplinieren will, spricht Angela Merkel sie in den Gremiensitzungen persönlich an. Unterstützende Wortmeldungen hat sie vorher sichergestellt. An diesem Montag wird sie das nicht tun müssen. Bei der Präsidiumssitzung von CDU und CSU in Berlin wird sie offiziell zur Kanzlerkandidatin der Union nominiert werden. Sie wird auf der anschließenden Pressekonferenz strahlen und sagen, dass sie zuversichtlich ist, dass die Union Rot-Grün im Herbst besiegen wird.Ihre Bürochefin Beate Baumann wird wie immer am Rande der Bühne stehen. Sie wird zufrieden sein.------------------------------Der Parteivorsitz, der Fraktions- vorsitz, die Kanzlerkandidatur - für diese Posten gibt es viele Interessenten.------------------------------Jeden Morgen um 8 Uhr trifft sich Angela Merkel mit ihrer wichtigsten Beraterrunde - zwei Frauen und sechs Männer.------------------------------Foto: Die Frau hinter Angela Merkel: Pressesprecherin Eva Christiansen.