Ja, hier war schon was los", sagt Hans-Peter Luther, Geschäftsführer der BBL-Kraftfahrzeug-Werk-stätte, über seine Garagen. Alt sehen sie aus, ein bisschen schäbig. Dabei sind die Kant-Garagen in Charlottenburg einzigartig: Bei ihrem Bau 1930 waren sie das erste Garagenhochhaus Berlins. Der junge Architekt Richard Paulick lieferte mit den Garagen sein Gesellenstück, lange bevor er sich um Stalin- allee und Staatsoper kümmerte. Später wurden die Garagen zwangsenteignet, gingen an den Mann, auf dessen Ländereien der VW-Vorgänger, der KdF-Wagen, gebaut wurde. Colani bastelte im Dachgeschoss mit einem Top-Stasi-Mitarbeiter, und auch die RAF soll hier gewesen sein. Die Kant-Garagen haben eine bewegte Geschichte. Sie sollten so prachtvoll werden wie die Autopaläste in den Vereinigten Staaten. Als die Kant-Garagen erbaut wurden, war gerade Weltwirtschaftskrise, doch die Autoindustrie florierte noch. Parkraum war im begüterten und daher früh motorisierten Charlottenburg knapp. Widerrechtlich wurden die wertvollen Wagen unter Laternen am Straßenrand geparkt. Einzelgaragen gab es, wenn überhaupt, nur in den Villenvororten.1929 begann der Bau der Kant-Garagen. Der Ingenieur Louis Serlin, der gleich nebenan wohnte, ließ mit ihnen den ersten Hochgaragenbau Berlins errichten. Sensationell: getrennte Auf- und Abfahrt über zwei Rampenspiralen. Das hatte man in Europa noch nicht gesehen. 16 000 Quadratmeter standen den Kunden zur Verfügung, 400 Wagen auf sechs Geschossen fanden Platz im "Kant-Garagenpalast" oder auch "Serlin-Rampenhaus". Louis Serlin, der zuvor in den USA gewesen war, hatte sich von dortigen Bauten inspirieren lassen. Der Stil einer neuen Zeit - er sollte sichtbar werden mit den Kant-Garagen."Baulich ist das fast unverändert", sagt Werkstatt-Pächter Luther stolz. "Vorne und hinten eine durchgehende Glasfassade", weist er auf eine weitere Besonderheit der Kant-Garagen hin. Durch das offene Erdgeschoss geht er an der Tankstelle vorbei zur Rückseite des Baus. Sie besteht vollständig aus Drahtglas. Vorne lockert Klinker die Fassade auf. Louis Serlin hatte sich nicht lumpen lassen und für den Eisenbeton-Bau im Stil der Neuen Sachlichkeit einen jungen Architekten engagiert: Richard Paulick, späterer DDR-"Staatsarchitekt", damals Ende Zwanzig und Leiter des Berliner Büros von Walter Gropius. Ihm zur Seite stand der Wiener Hermann Zweigenthal. Der emigrierte nach der Machtergreifung - wie auch Serlin.Pächter Luther führt über die Aufwärtsrampe durch die historisch wertvollen Boxen, in denen vor achtzig Jahren die Begüterten aus der Gegend ihre Automobile von Chauffeuren abstellen ließen. "Damals gab es hier Waschplätze, mit warmem und kaltem Wasser." Jetzt ist es hier dunkel, einstige Waschplätze sind Stellplätze geworden, aber mit viel Phantasie kann man sich vorstellen, wie Herren in Knickerbockern über die Motorhaube ihres Horch streichen, elegante Damen mit Wasserwelle und Perlenkette an ihrer Seite. Lange vorbei.Was bei der Erbauung der Kant-Garagen noch einerlei war, führt 1938 zur Enteignung: Louis Serlin war Jude. Der Mann, an den Serlin zwangsweise seinen Besitz abtritt, hatte zuvor selbst gerade seinen Grundbesitz abgeben müssen: Günther Graf von der Schulenburg, dessen Ländereien Hitlers Helfer für die Errichtung der Produktionsstätten für den KdF-Wagen (später VW) benötigen. Im April 1939 stimmt der Polizeipräsident in Berlin der "Entjudung des Kant-Garagen-Palastes" zu, ein Pächter, "Parteigenosse" Lombard, ist auch schon gefunden. Im Juni gibt es unter Lombard einen "feierlichen Betriebsappell", und in der nationalsozialistischen Presse freut man sich, "dass dieser Betrieb im Zuge der Arisierung in die Hände eines Fachmannes übergegangen ist", mit dem die Garage endlich wieder die Bedeutung erlange, die ihr zustehe. Lombard, nebenbei Führer eines SS-Begleitkommandos für Staatsbesuche, ist mit seinem Garagenpalast bald so ausgelastet, dass er von der Leitung der Berufsorganisation der Tankstellen- und Garagenbetriebe zurücktritt. Karriere macht er dennoch: Als Schwadronskommandeur bei der SS-Totenkopf-Reiterstandarte war er für tausendfache Erschießungen von Juden verantwortlich und gab dem Begriff "Entjudung", der vor dem Krieg auf wirtschaftliche Vorgänge bezogen war, eine neue Bedeutung, in dem er ihn für die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in den besetzten Gebieten verwandte.Als Lombard noch die Übernahme der Garagen feiert, ist Serlin schon nicht mehr in Deutschland. Bereits 1934 hatte er für sich und seine Familie die chilenische Staatsbürgerschaft erlangt - daher kann auch sein Vermögen nicht eingezogen werden. Im Sommer 1939 wandert die Familie in die USA aus. Serlins Schwiegermutter bleibt in Berlin und verliert mit über 80 Jahren ihr gesamtes Geld aufgrund des Gesetzes über die Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens. 1942 wird ihr eine Urkunde an die Adresse Große Hamburger Straße 26 zugestellt - das Sammellager für Berliner Juden vor der Deportation.Die Kant-Garagen schützen während des Zweiten Weltkriegs sogar Kulturgut: Der Schriftsteller und Journalist Georg Holmsten versteckt in einem dort deponierten Koffer Bücher und rettet so Marxs Kapital und Lenins Staat und Revolution.Louis Serlin überlebt im Exil und kommt kurz nach Kriegsende zurück nach Berlin. Die Kant-Garagen stehen nahezu unzerstört da. Wie Serlins Tochter schreibt, gelingt es ihm nach fünf Jahren, seinen Besitz wiederzubekommen.Die Garage bekommt in der Zwischenzeit im fünften Stock, da, wo im Krieg mal Bomben eingeschlagen sind, wie Luther weiß, einen Untermieter. Ein Kfz-Mechaniker, der im durch Sektoren geteilten Nachkriegsberlin Schmugglerbanden aufmischt und reiche Beutezüge macht. 1951 gelingt ihm ein Coup in Weißensee, tonnenweise räumt er neben anderem Tee und Wurstwaren ab. Ein anonymer Anruf bei der Polizei lässt ihn auffliegen: "Fahren Sie schnell zur Kant-Garage, dort werden gerade Sachen verteilt, die aus einem Raubüberfall in Weißensee stammen." Dort, im fünften Stock, stellt die Polizei in einer Box den Täter samt Gangsterbraut. Der Gefasste macht später weiter Karriere: Hans Wax, Deckname "Donner", reüssiert als Geheimer Mitarbeiter der Stasi, der 1956 die komplette Agentenkartei des amerikanischen Militär-Spionagedienstes MID stiehlt, dann an zahllosen Entführungen von Staatsfeinden aus dem Westen in die DDR beteiligt ist, nebenbei aber in den Kant-Garagen mit dem späteren Stardesigner Colani bastelt. "Tatorte haben sie hier gedreht", plaudert Pächter Luther. Auch "Ninja-Filme" hätten in den Kant-Garagen eine dankbare Kulisse gefunden, erzählt Luther. 1957 weiht Louis Serlin eine sogenannte Pflegediensthalle ein, mit dem neuesten Schrei an Reparatureinrichtungen. Das Autohotel, von dem auch Lombard geträumt hatte, blieb Idee. "So 80 bis 85 Mieter" hat Luther heute, einige, die schon zu Kriegszeiten ihr Auto hier unterstellten, "und davor".Und später, war da hier auch noch was los? "Eine Entführung gab's mal", erinnert sich Luther. "Die RAF war das. Die haben später dieses Foto gemacht." Die RAF? "Ja, die hatten hier den Entführten versteckt." Wen denn? "Na, Peter Lorenz. Da war ich aber noch nicht hier." Jahrzehnte später erzählen zwei der Täter von der Flucht mit dem entführten CDU-Vorsitzenden und Bürgermeisterkandidaten im Februar 1975: "Zum Umsteigen haben wir eine ganz hervorragende Garage in der Kantstraße genommen." Während tausende Polizisten nach Lorenz fahndeten, sei der "in den Kofferraum des anderen Autos gekommen".Luther erzählt von der Schauspielerin Thekla Carola Wied, die einmal da war, ebenso wie "die erste Tagesschausprecherin, na, wie hieß die denn noch?" Dagmar Berghoff? "Ja. auf jeden Fall die erste, die es gab." Ab und an kommen die Sternchen aus der RTL-Soap "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und tanken nebenan. "Und Robert Glatzeder ist hier mal mit dem Motorrad hingeknallt". Die Bahn hat Werbeaufnahmen gedreht. Es ist immer noch viel los, auch wenn die große Geschichte vorbei ist.------------------------------Karte: Kant-Garagen in der KantstraßeFoto: Im Stil der Neuen Sachlichkeit: Architekt der Kant-Garagen war Richard Paulick. Das Garagenhochhaus war sein Gesellenstück.