Sie hat 1952 im Berliner Hebbel-Theater Hans Werner Henzes "Idiot" als Ballett uraufgeführt und später auch Blacher, Klebe und Nono vertanzt. Sie sei halsbrecherisch modern gewesen, heißt es, und wenn Intellektuelle in den Fünfzigern sich nicht länger hätten schämen müssen, ihre Vorliebe fürs Ballett zu bekennen, sei dies ganz wesentlich ihr zu verdanken gewesen. So gut wie unter den elf Jahren ihrer Leitung (1954 bis 1965) ging es dem Ballett der Deutschen Oper, das sie als "Berliner Ballett" weltbekannt machte, danach nie wieder. Merkwürdigerweise aber kennt die Tänzerin und Choreografin Tatjana Gsovsky heute kaum noch jemand, nicht einmal in Berlin. Dabei hat sie noch bis vor sieben Jahren, bis sie im Alter von 94 Jahren gestorben ist, in der Stadt gelebt und fast bis zuletzt Ballett unterrichtet.Großzügig und leidenschaftlichBekannt geblieben ist dagegen ihr Gesicht. Die stolze Nase, die leicht geschlitzten, immer mit dunklem Lidstrich versehenen Augen und die so slawisch wirkenden Gesichtszüge, die allerdings von den Pflastern herrühren sollen, mit denen sich die Gsovsky unter der Perücke die Falten wegklebte. Das muss anstrengend und schmerzhaft gewesen sein und würde zu ihr passen, denn es heißt, dass sie großzügig und leidenschaftlich, aber auch von einem absoluten Kunstwillen und eisenharter Disziplin besessen war. Ihre überalterte, im merkwürdigen Widerspruch zu ihrer modernen Kunstauffassung stehende, rigorose Strenge führten zum Bruch mit dem Ballett der Deutschen Oper. Die Gsovsky zog sich zurück von der Bühne, vom Choreografieren überhaupt und widmete sich ihrer zweiten Leidenschaft: dem Unterrichten von Kindern.Tatjana Gsovsky wurde als Tochter eines russischen Generals und einer deutschen Schauspielerin in Moskau geboren. Aus den Wirren der Oktoberrevolution flüchtete sie mit ihrem Mann Victor Gsovsky nach Berlin, ein Unfall setzte ihrer eigenen Tänzerinnenkarriere ein Ende, fortan widmete sie sich der Lehre und der Choreografie. Aus ihrer Schule sind Gert Reinholm, der zum Star ihrer eigenen Ballette wurde, Konstanze Vernon, Maria Fris, Peter van Dyk und überhaupt mehrere Generationen bedeutsamer klassischer Tänzer hervorgegangen.Man solle ihre wichtigsten Werke, zu denen neben Henze, Blachers "Hamlet" und Nonos "Roter Mantel" gehören, rekonstruieren, wird heute von verschiedensten Seiten gefordert. Aber das hat Tatjana Gsovsky selbst beinahe unmöglich gemacht. Obwohl sie selbst auch fürs Fernsehen choreografiert hat: Eine Fixierung ihrer Werke auf Video oder zumindest als Tanzschrift hat sie untersagt. Sie hat auf deren Vergänglichkeit bestanden. So ist etwas von dem Charisma, dem strengen Pathos und dunkel Existenzialistischen, das auch viele ihrer Ballette ausgezeichnet haben soll, nur durch ihre Person, durch die Film-Interviews, die sie bis ins hohe Alter gegeben hat, erhalten. Tatjana Gsovsky hat einen Bogen zwischen der Petersburger Klassik und dem deutschen Ausdruckstanz geschlagen und nach 45 als Erste der musikalischen und literarischen Moderne Impulse fürs Ballett abgewonnen. Sie ist gleichzeitig unbekannt und eine Legende. Ballettgeschichte geschrieben hat sie sowieso, heute wäre sie hundert Jahre alt geworden.