Die Stimmung im Auto war gereizt. Das junge Paar aus West-Berlin, das Anfang 1990 in das bis dato nur mühselig erreichbare Umland Berlins aufgebrochen war, hatte sich bei seinem Ausflug irgendwo in der Gegend von Strausberg verfahren. Schon etliche Kilometer schuckelte man jetzt über wellige Feldwege aus schierem Sand, obwohl die Karte des VEB-Tourist-Verlages eine dick rot eingezeichnete Landstraße zeigte. Die Situation spitzte sich dramatisch zu, als die für die Orientierung zuständige Beifahrerin behauptete, man befinde sich mitten in einem menschenleeren Waldgebiet, obgleich sich draußen vor der Windschutzscheibe gerade das Panorama einer wachturm- und stacheldrahtbewehrten Militäranlage der NVA entfaltete. Das Wort "dämlich" fiel.Eine Rehabilitierung der Spezies Beifahrerin erfolgte erst, als im Juni 1990 der Direktor des VEB-Tourist-Verlags, Reginald Pustkowski, öffentlich gestand, auf Geheiß staatlicher Stellen jahrzehntelang Straßen- und Stadtkarten durch gezielte Verzerrungen in der Darstellung verfälscht zu haben. Auch Helmut Langer, Leiter der Kartenredaktion im Gothaer Haack-Verlag, gab solche Praktiken zu. Weitgehend unbekannt blieb bis heute, dass die DDR nicht nur Karten für Touristen (auf denen die "BRD" und "West-Berlin" zur Erschwerung der "Republikflucht" nicht dargestellt waren) frisierte, sondern auch die offiziellen topographischen Kartenwerke. Mit einem Forschungsprojekt und einem Workshop für Kartografen, Geodäten, Archivare und Historiker versuchte die Gauck-Behörde in Kooperation mit der "Museumsstiftung Post und Telekommunkation" vergangene Woche in Berlin, die Konturen des DDR-Kartenwesens wissenschaftlich nachzuzeichnen. Das Ergebnis: Bevölkerung, Wirtschaft und Wissenschaft der DDR sind jahrzehntelang systematisch mit verfälschten topographischen Landkarten irregeführt worden. Das ins Absurde gesteigerte militärische Geheimhaltungssystem erschwerte den vernünftigen Gebrauch der für ein Industrieland unentbehrlichen Planungsunterlagen.Ausgabe für die VolkswirtschaftDie Ost-West-Auseinandersetzung und die Einbindung der beiden Teile Deutschlands in die verfeindeten Militärblöcke führte dazu, dass die DDR 1953 von der Sowjetunion ein mit dem Westen inkompatibles geodätisches Netz ("System 42") einführte. Dies wies unter anderem eine andere Breite der Meridianstreifen auf. Übernommen wurde auch die rigide sowjetische Sicherheits- und Geheimhaltungsdoktrin: "Die Genossen in Moskau erwarteten, dass sich die DDR als der am weitesten westlich gelegene Staat des Warschauer Paktes in besonderem Maße an die in der UdSSR praktizierte Geheimhaltung halte", heißt es in einer Akte aus dem Jahr 1958, die Roland Lucht bei dem Workshop vorstellte. Lucht ist Mitarbeiter der Karten-Projektgruppe um die Historikerin Dagmar Unverhau in der Gauck-Behörde. Das bedeutete: An der Geheimhaltung topographischer Karten und des "Systems 42" war nicht zu rütteln. Dabei ging es den Sowjets besonders um das Koordinatensystem, weil sie vermuteten, dass der Westen es für die Zielprogrammierung von Raketen brauchte. Als eine Art Kompromiss mit den wachsenden Bedürfnissen der zivilen Wirtschaft nach aktuellem Kartenmaterial wurde bei der "VII. Konferenz der Vertreter der Geodätischen Dienste der sozialistischen Länder" 1965 jedoch die Möglichkeit eingeräumt, für die sozialistischen Volkswirtschaften ein eigenes Kartenwerk zu schaffen, aus dem man militärisch verwendbare Informationen entfernte. Auf dieser Basis verfügte der Nationale Verteidigungsrat der DDR am 13. Oktober 1965 die Schaffung einer neuen Kartenserie "Ausgabe Volkswirtschaft" (AV). Sie unterschied sich von der militärisch genutzten, später "Ausgabe Staat" (AS) genannten Version laut Vorschrift dadurch, dass "vertrauliche Angaben wie einheitlicher Blattschnitt, geodätische Netze, Trigonometrische Punkte, Qualitäts- und Quantitätsangaben entfernt sind". Dazu zählten etwa Angaben über Straßenbreiten oder die Tragfähigkeit von Brücken. Zusätzlich wurde für diese AV-Karten ein eigenes, von den AS-Karten unterschiedliches örtliches Koordinatensystem eingeführt. So wollten die Behörden verhindern, dass jemand aus den AV-Karten auf die Koordinaten in AS-Karten schließt. Zentral zuständig für die Durchführung dieser Anordnungen war die "Verwaltung Vermessung und Kartenwesen" (VVK) im Ministerium des Innern, die in Kooperation mit dem "Militärtopographischen Dienst" (MTD) die AV-Karten erstellte. Bis zum Ende der DDR, fand Lucht heraus, wurde von diesen Stellen in 185 Vorschriften und Redaktionsanweisungen penibel verfügt, wie das Landschaftsbild der DDR darzustellen sei. So verschwanden komplette Flugplätze und Kasernenanlagen vom Kartenbild (siehe Abbildungen), mitten aus Dresden sogar der allgemein bekannte Flughafen Dresden-Klotzsche. Die Chemieanlagen in Schkopau waren von den angrenzenden Wohnhäusern nicht mehr zu unterscheiden. Auf einer Karte wurden Gebiete an der Grenze zur Bundesrepublik in einer Breite bis zu 3,5 Kilometern einfach weggelassen. Festpunkte wie Kirchen und Türme, die der Orientierung dienen konnten, wurden, wie es die Vorschriften vorsahen, "sinnvoll" um einige Millimeter versetzt eingezeichnet. Zu ähnlichen Erkenntnissen wie die Gauck-Forscher kam der Kartografiehistoriker Wolf G. Koch von der Technischen Universität Dresden. Die Auswirkungen für die DDR-Volkswirtschaft, wo genaue Karten für die Industrieprojektierung, die Raum- und Verkehrsplanung oder die Hydrogeologie gebraucht wurden, waren fatal: "Ein Betrieb aus der Energieversorgung konnte zum Beispiel seine Gasleitungen nicht korrekt einzeichnen, weil in der AV-Karte Trigonometrische Punkte für die Vermessung verschoben waren", berichtet ein früherer DDR-Kartograf. "Ähnliche Probleme hatten zum Beispiel Brunnenbohrbetriebe." Die Betriebe halfen sich teilweise damit, dass sie auf verstaubte Karten aus der Vorkriegszeit zurückgriffen. Obendrein waren die AV-Karten als "Vertrauliche Dienstsache" eingestuft: DDR-Landschaft nur für den Dienstgebrauch. Das führte im Alltag zu einem erheblichen bürokratischen Sicherheitsaufwand: Jede Karte wurde nur gegen Unterschrift herausgegeben und war nur von einem überprüften Personenkreis verwendbar. Abends waren die Karten nachzuzählen und in gesicherten Schränken zu versiegeln. Hans-Jürgen Steinbrück, der dreißig Jahre lang in Erfurt Kartografie-Facharbeiter ausbildete, erinnert sich an absurde Situationen: Es kam vor, dass er Arbeiten seiner eigenen Lehrlinge an AV-Karten nicht sehen durfte, weil diese verschlusssachenberechtigt waren, er als Lehrer aber nicht: Er hatte Westverwandtschaft. Doch selbst verhaltene Kritik daran oder auch Diskussionen über den Sinn von Kartenverfälschungen im Zeitalter der Satellitenaufklärung hätten bei der Leitung seines Betriebes nichts gefruchtet: "Wir hatten schon 1972 aus Ungarn eine präzise französische Satellitenaufnahme unserer Gegend - auf der man jede russische Militärstellung sehen konnte. Trotzdem wurde an unserer Kartengeheimhaltung nichts geändert. Vorschrift ist Vorschrift, hieß es." Für deren Einhaltung und die umfassende Überwachung und Kontrolle zweifelnder Kartografie-Mitarbeiter sorgte die Hauptabteilung VII des Ministeriums für Staatssicherheit, die für die Sicherung des DDR-Innenministeriums zuständig war. Obwohl die Forschung hier erst begonnen hat, konstatiert Dagmar Unverhau, dass die Stasi einen erheblichen Einfluss im DDR-Kartenwesen ausübte: Sie bekämpfte mit zahlreichen IM die "politisch-ideologische Diversion" in Kartografie-Betrieben und untersuchte zum Beispiel, ob "Fehlmessungen" auf "Sabotage durch imperialistische Kräfte" zurückzuführen sei. "Es war schädlich"Genützt hat es offenkundig nichts. "Schädlich" nennt selbst ein ehemaliger hoher DDR-Militärkartograf heute die Kartenpolitik der DDR, an der er mitgewirkt hat. Und Herbert Scharlo, der von 1959 bis 1990 Direktor des "Militärkartographischen Dienstes" der DDR war, bekennt, "dass uns die Geheimhaltung nicht angenehm war". Wenn es um die eigene Rolle dabei geht, betonen Scharlo und seine Kollegen jedoch besonders die weltpolitischen Hintergründe: den Kalten Krieg, die Rolle der DDR im Warschauer Pakt: "Wir mussten als DDR das ausführen, was die Russen wollten", sagt Scharlo und hebt hervor, dass es auch im Westen Beispiele für militärisch motivierte Kartenverfälschungen gegeben habe.Bei dieser Argumentation in den ganz großen Zusammenhängen bleibt die eigene Verantwortung überschaubar, und Scharlo hört es deswegen nicht gern, wenn man ihn einen Fälscher nennt. "Verschleiern" und "Tarnen" sind für ihn weiter die "korrekten" Begriffe. Und korrekt nach Vorschrift ging es in der DDR sogar beim Fälschen zu.Ein Flugplatz verschwindet: Derselbe Ort, derselbe Maßstab 1:10 000, aber zwei verschiedene Kartenbilder: Die linke Karte ("Ausgabe Staat", AS), durfte nur von den "bewaffneten Organen" benutzt werden. Sie zeigt den ehemaligen DDR-Regierungsflugplatz Marxwalde (heute Neuhardenberg) mit vielen Details: Start- und Landebahn, einen spinnennetzförmigen Abstellplatz für Flugzeuge darunter, einen Hangar, oberhalb davon Gebäude und beidseits der Landstraße eine große Kläranlage. Auf der verfälschten Karte ("Ausgabe Volkswirtschaft", AV) rechts gibt es den Flugplatz gar nicht, auch die Straße dorthin im Norden fehlt. Die Kläranlage ist nicht mehr als solche erkennbar. Die Umrisse mehrerer Waldstücke unterscheiden sich. Die Koordinaten beider Karten (rechter Rand) sind nicht deckungsgleich. // Gewollte Unschärfe: Auch Industrieanlagen wurden in DDR-Karten getarnt. In der "Ausgabe Staat" (links) der Karte von Merseburg sind sehr detailgenau die Anlagen des Chemiekombinats Buna mit Gleisen, einzelnen Betriebsgebäuden und Kransymbolen zu erkennen. In der AV-Karte rechts ist hingegen nicht einmal auszumachen, was Wohngebiete und was Industrieflächen sind.

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