POTSDAM. Seit mehr als drei Jahrzehnten rollen sie durch Brandenburg und andere Teile Ostdeutschlands - vor allem, aber nicht nur auf Nebenbahnen. Sie rumpeln vorbei an Dörfern, einsam gelegenen Haltepunkten sowie Rehen, die sich von diesen Fahrzeugen schon lange nicht mehr stören lassen. Fans nennen sie liebevoll "Ferkeltaxe", "Eule" oder "Blutblase". Andere kennen sie als "LVT", Leichtverbrennungstriebwagen, und als Baureihe 771/772. Doch das Schicksal der Schienenbusse aus DDR-Produktion ist besiegelt - zumindest in Brandenburg. Denn die Deutsche Bahn (DB) hat angekündigt, dass sie das traditionsreiche Fahrzeug in diesem Bundesland am 27. Mai zum letzten Mal planmäßig einsetzen will. Dann werden dort die letzten 19 Motor- und 14 Steuerwagen von jüngeren Fahrzeugen abgelöst. "Damit geht bei uns eine Ära zu Ende", sagte Karl-Heinz Friedrich, der beim DB-Regionalbereich Berlin/Brandenburg den Bereich Produktion und Technik leitet. "Wenn man früher über Land fuhr, hat man immer so ein Ding gesehen." Die Dieseltriebwagen brachten Ausflügler nach Rheinsberg und Templin, sie beförderten Pendler nach Staaken oder zum "Sputnik", dem Doppelstockzug Potsdam-Berlin. Noch heute verbinden die 13,5 Meter langen Zweiachser das Klosterdorf Heiligengrabe, Velten im Berliner Umland oder den einstigen "Kaiserbahnhof" nahe des Werbellinsees mit dem Rest der Welt. Im Durchschnitt legt jeder von ihnen täglich 500 Kilometer zurück - eine "beachtliche Leistung", sagte Friedrich. "Als die Deutsche Reichsbahn diese Fahrzeuge einführte, waren sie ein Komfortsprung", erinnerte sich der heutige DB-Manager. "Meist lösten sie die alten dampfbetriebenen Züge ab. Plötzlich machte man sich beim Reisen nicht mehr schmutzig", sagte der Berliner Autor Erich Preuß. Fortan saßen die Reisenden nicht länger in jahrzehntealten, schlecht beheizbaren Abteilwagen oder klappernden "Donnerbüchsen", sondern auf rotem Kunststoff in damals als schnittig geltenden Stahlkonstruktionen.1957 lieferte der "Volkseigene Betrieb Waggonbau Bautzen" den ersten Prototyp, ein zweites Muster wurde 1959 präsentiert. 1962 begann die Serienproduktion. Bis 1969 wurden laut DB 157 Triebwagen geliefert. Hinzu kam ungefähr dieselbe Zahl an Bei- und Steuerwagen, die keine Motoren besitzen.Die Reichsbahn ließ die Fahrzeuge dunkelrot lackieren - daher der Spitzname "Blutblase". Die Sputnik-Zubringer zwischen Babelsberg und Potsdam hießen "Eule", sagte Friedrich. Ansonsten herrschte die Bezeichnung "Ferkeltaxe" vor - "wahrscheinlich, weil sie vor allem auf dem Land eingesetzt wurden". Weil sich die Fahrzeuge mit der charakteristischen bauchigen Front über das Ende der DDR hinaus im Einsatz bewährten, ließ die DB bis 1994 viele von ihnen modernisieren - mit gepolsterten Sitzen, einer Lackierung in Türkis, Blau und Hellgrau sowie mit 162-Kilowatt-Motoren, die das Fahrzeug auf Tempo 90 beschleunigen. Friedrich: "Doch mit dem Komfort unserer neuesten Fahrzeuge können sie nicht konkurrieren. Das merken die Fahrgäste."Experten sagen allerdings, dass der Fahrkomfort auch etwas mit dem schlechten Zustand mancher Nebenstrecken zu tun hat. Auf den vernachlässigten Trassen schlingern die "Ferkeltaxen" teilweise nur noch mit Tempo 30 dahin. Was mit den betagten Schienenbussen geschieht, ist laut Friedrich noch nicht entschieden. Einige von ihnen will die DB als Reserve behalten - für den Fall, dass die modernen Nachfolger nicht richtig funktionieren.TRIEBWAGEN Einsatz endet im Mai // Am 27. Mai sollen zum letzten Mal "Ferkeltaxen" im planmäßigen Betrieb durch Brandenburg fahren. Zurzeit rollen 19 Motor- und 14 Steuerwagen der Baureihe 771/772 unter anderem auf den Strecken Neuruppin-Wittenberge, Kremmen-Hennigsdorf, Belzig-Brandenburg, Templin-Eberswalde.Am 28. Mai sollen die neuen dieselelektrischen Triebwagen GTW 2/6 zum ersten Mal eingesetzt werden - unter anderem als Prignitz-Express Berlin- Wittstock/Rheinsberg. Sie schaffen Tempo 120. Start der Lieferung: 2. Mai.