Die Deutsche Carola Roloff ist buddhistische Nonne. Sie kämpft dagegen, dass auch in dieser Religion Männer privilegiert sind: Buddha und die Frauen

HAMBURG. Am Flughafen ist es vor einiger Zeit wieder passiert. Bhiksuni Jampa Tsedroen war auf dem Weg zum Dalai Lama und fragte einen Sicherheitsbeamten nach dem Weg zur VIP-Lounge. Der schaute sie überrascht an und sagte: "Ach, Sie sprechen aber gut Deutsch." Solcher Verwunderung begegnet die Frau mit den grauen, kurzgeschorenen Haaren und dem dunkelrot-orangen Ordensgewand häufig. Sie spricht zwar Tibetisch und trägt einen tibetischen Ordensnamen, aber sie ist Deutsche. Carola Roloff heißt sie im täglichen Leben. Seit 26 Jahren ist sie buddhistische Nonne, eine von sehr wenigen in Deutschland.Carola Roloff lebt in Hamburg. Nicht im Kloster, denn in Europa gibt es keines für buddhistische Nonnen. Ihr Lebensmittelpunkt ist das Tibetische Zentrum, das sich in einem Einfamilienhaus im ruhigen Stadtteil Rahlstedt befindet, mit einem Tempel im Garten, Gebetsmühlen und Stupa. Carola Roloff ist Lehrerin und Referentin dort, lange lebte sie in dem Haus. Aber seit die 48-Jährige an ihrer Doktorarbeit über einen tibetischen Meister des 15. Jahrhunderts schreibt, hat sie eine kleine Wohnung in der Nähe.Dalai Lama beliebter als der PapstDer Buddhismus boomt in der westlichen Welt, auch in Deutschland. Der Dalai Lama, geistliches und politisches Oberhaupt der Tibeter, ist bei den Deutschen beliebter als der Papst. Auch im Tibetischen Zentrum, seit 30 Jahren aus Spenden finanziert, ist wachsendes Interesse spürbar. Viele Besucher hätten aber nur vage Vorstellungen von den Inhalten des Buddhismus, sagt Carola Roloff. Das will sie ändern, mit Vorträgen vor Schulklassen, Volkshochschulkursen oder im Rotary-Club.Dem vom Dalai Lama beförderten Klischee des kontemplativen, gütig-heiteren buddhistischen Ordensmenschen entspricht die Nonne Carola Roloff nur bedingt. Sie ist Akademikerin. Sie spricht schnell und viel, klar und konzentriert, unterstreicht ihre Aussagen mit entschiedenen Gesten, liebt es, zu diskutieren, ist streitbar. Es gibt Frauen wie sie in Politik und Wissenschaftsbetrieb. Karrierefrauen.In gewisser Weise hat auch Carola Roloff als Nonne Karriere gemacht. Im März wurde sie in Bangkok im Uno-Haus ausgezeichnet, für ihr Engagement gegen die Benachteiligung von Frauen in buddhistischen Ländern. Im Juli hat sie in Hamburg einen Kongress mitorganisiert, auf dem sich der Dalai Lama erstmals für die volle Gleichstellung buddhistischer Nonnen aussprach.Als Carola Roloff Anfang der 70er Jahre in Holzminden im Weserbergland zur Schule ging, war so eine Laufbahn nicht absehbar. Religion spielte in ihrer Familie keine Rolle. Zwar besuchte sie ein evangelisches Internat und war in der evangelischen Jugend aktiv. Aber da ging es mehr um gesellschaftspolitisches Engagement, wie sie sagt.Wie kommt nun eine junge Frau aus der westdeutschen Provinz dazu, im Alter von 21 Jahren Buddhistin zu werden? Sie habe immer schon den Sinn des Lebens ergründen wollen, sagt Carola Roloff, habe sich viele Fragen gestellt. Zum Beispiel die, warum manche Menschen viel leiden müssten, andere nicht. Beigetragen habe die Konfrontation mit dem Tod. Ihr Vater war vor ihrer Geburt gestorben, im Umfeld gab es tragische Todesfälle. Schließlich habe sie nach einer Ausbildung zur Arzthelferin in einer chirurgischen Ambulanz gearbeitet und erfahren, wie plötzlich Menschen aus dem Leben gerissen werden. Dass alles vergänglich ist, dass es keine Sicherheit gibt - ein zentraler Punkt in Buddhas Lehre - das habe sich in ihrem Leben immer wieder gezeigt, sagt Carola Roloff.Die erste Begegnung mit dem Thema Buddhismus hatte ihr Hermann Hesse gebracht. Sie las, wie viele Jugendliche damals, "Siddharta", den Roman, der den Weg Siddharta Gautamas schildert, des jungen indischen Adligen, der Wohlstand und Familie hinter sich lässt, um durch Askese und Meditation zu Buddha, dem "Erleuchteten" zu werden. Das Buch habe ihr Leben verändert, sagt Carola Roloff. Besonders in Erinnerung ist ihr, wie Siddharta am Fluss sitzt und aufs Wasser schaut, das wie das Leben vorbeizieht, wie der Strom des Geistes. "Mir wurde klar, dass es die Möglichkeit gibt, den Geist zu formen, negative Gedanken vorbeiziehen zu lassen, geistige Gelassenheit zu üben."Sie las mehr über Buddhas Lehre. Dass Leiden durch das eigene Handeln verursacht ist, weil man schlechtes Karma angesammelt hat, möglicherweise in früheren Leben, dass es aber einen Weg aus dem Leiden gibt, durch Schulung des Geistes und Meditation - das konnte sie nachvollziehen. "Ich fand auch angenehm, dass der Buddhismus nicht so starre Konzepte und Vorschriften hat wie das Christentum und dass Eigenverantwortung im Vordergrund steht", sagt Carola Roloff. "Wenn du zum Beispiel tötest, hat das für dich selbst negative Konsequenzen, du sammelst negatives Karma an, einen Eindruck im eigenen Geist, der mit ins nächste Leben geht." Das sei nicht vergleichbar mit dem christlichen Konzept der Sünde. Reinigen kann sich ein Buddhist durch Meditation, Pilgerreisen, wirkliches Bereuen. "Aber man kann nicht von anderen durch ein Ritual freigesprochen werden wie bei der Beichte", sagt Carola Roloff. Auch die Idee der Wiedergeburt schien ihr einleuchtender als die vom Leben nach dem Tod.Um Buddhistin zu werden, nahm Carola Roloff 1980 vor buddhistischen Lehrern "Zuflucht", eine Art Gelübde, sich auf Buddha, seine Lehre und die Gemeinschaft zu berufen. Von da an verbrachte sie ihre Abende mit dem Studium der tibetischen Sprache und buddhistischer Schriften, neben der Arbeit als Arzthelferin. Die Religion wurde immer wichtiger.Eines Tages saß Carola Roloff im Café und schrieb Tagebuch. "Plötzlich stand der Satz da: Wäre ich konsequent, würde ich Nonne werden." Sie sei erschrocken, habe versucht, das "wegzudiskutieren" - mit sich selbst. Nach Stunden inneren Zwiegesprächs habe sie ihren Entschluss gefasst. Einziges Hindernis war, dass der Buddhismus die Zustimmung der Familie fordert. Mutter und Stiefvater waren nicht begeistert. "Sie sagten, es sei ein Fehler, verwiesen auf die andere Kultur, auf berufliche Nachteile." Sie sorgten sich, weil buddhistische Nonnen im Zölibat leben. Aber sie willigten ein.Carola Roloff selbst schreckte weder das Zölibat noch das genügsame Leben. "Ich hatte ja meine Beziehungen gehabt bis dahin. Und wenn wir sterben, müssen wir Familie und Reichtümer sowieso hinter uns lassen." Sie wurde durch ihren Lehrer Gheshe Thubten Ngawang ordiniert, hieß fortan Bhiksuni Jampa Tsedroen, zog in das Tibetische Zentrum und erhielt 15 Jahre lang eine traditionelle Ausbildung. Der Tagesablauf war durch Gebet und Meditation bestimmt. Dann holte sie die Hochschulzulassung nach, studierte Tibetologie und Buddhismuskunde.Seit 26 Jahren trägt sie nun die dunkelrot-orangen Gewänder und schert sich den Ordensregeln entsprechend die Haare. Im Winter dürfen sie bis zu eineinhalb Fingerbreiten lang sein, im Sommer nur eine Fingerbreite. Carola Roloff benutzt eine Haarschneidemaschine. In einem taiwanesischen Kloster, in dem sie einige Zeit lebte, schoren ihr die Mitschwestern den Kopf mit einem Messer. "Die waren nicht zimperlich, das hat geblutet."Sie reist regelmäßig nach Asien, hält sich in tibetischen Klöstern im indischen Exil auf. Aber bleiben will sie nicht. Bei aller Faszination ist sie auch ernüchtert. "In Asien lässt das Klosterleben wenig Raum für Individualität", sagt Carola Roloff. "Und besonders das Frauenbild entspricht mir nicht." In vielen Ländern gilt eine Wiedergeburt als Frau als minderwertig und wird auf mindergutes Karma in früheren Leben zurückgeführt."Buddha war viel weitsichtiger", sagt Carola Roloff, "er war gegen das Kastensystem, warum hätte er zwei neue Kasten einführen sollen - die der Frauen und die der Männer?". Aber, sagt sie, wie in anderen Religionen auch, wollten Männer ihre Privilegien festigen. Nonnen in Thailand dürften nicht das safrangelbe Gewand der Mönche tragen, sondern nur Weiß, die Farbe der Laien. Weil Frauen angeblich heilige Gewänder entweihen. Eine Diskriminierung. Und weil Mädchen als minderwertig gelten, würden viele von der Familie zur Prostitution gedrängt. "Ich habe mich nie als Feministin gesehen. Aber mittlerweile habe ich nichts mehr gegen die Bezeichnung. Gegen solche Dinge muss man angehen", sagt Carola Roloff.Ordensschwestern kichern nurAuch die Tatsache, dass tibetische Nonnen nicht voll ordiniert werden können, empört sie. Die volle Ordination ist vergleichbar mit der katholischen Priesterweihe. "Sie würde Frauen genauso qualifizieren wie Männer, die buddhistische Lehre weiterzutragen", erklärt Carola Roloff. "Und sie ist vom Buddha selbst für Frauen vorgesehen." Deshalb kämpft sie dafür. Auch wenn das Wort bei einer Nonne etwa so merkwürdig klingt wie die Bezeichnung Feministin.Sie selbst ist in Taiwan voll ordiniert worden. Auf Reisen in Indien spricht sie die Frage immer wieder an. "Die Mönche diskutieren darüber, solange es um westliche Frauen geht", sagt Carola Roloff, "aber sie können sich Tibeterinnen nicht in Führungspositionen vorstellen". Wobei ihre Ordensschwestern selbst dazu beitrügen: "Ich erlebe häufig, dass ich tibetischen Nonnen eine Frage stelle und sie zu kichern anfangen." In solcher Umgebung will sie nicht leben, auch wenn ihr eine Klostergemeinschaft sehr fehlt. Vielleicht, so hofft Carola Roloff, kann sie eines Tages mit europäischen und amerikanischen Ordensschwestern ein Kloster gründen. "Das wäre mein Wunschtraum. Viele westliche Nonnen leben wie ich allein, weil es keine Gemeinschaft für sie gibt."Einstweilen will sie helfen, dass sich der Buddhismus in Deutschland etabliert. Sie wolle nicht missionieren, aber es sei zu überlegen, wie man mit dem wachsenden Interesse von Nicht-Buddhisten umgeht. "Viele wollen nur hören, wie sie glücklich werden." Carola Roloff hält es für legitim, praktische Lebenshilfe zu geben, ohne gleich die Lehre der Wiedergeburt zu vermitteln. "Man muss nur klarmachen, dass das noch kein Buddhismus ist."------------------------------WeltreligionAuf 450 Millionen weltweit wird die Zahl der Buddhisten geschätzt. Einen größeren Anteil an der Bevölkerung haben sie in den Ländern China, Burma, Japan, Kambodscha, Laos, Mongolei, Sri Lanka, Südkorea, Taiwan, Thailand, Tibet und Vietnam.In Deutschland gibt es nach Schätzungen der Deutschen Buddhistischen Union 130 000 Buddhisten. Hinzu kommen etwa 120 000 asiatische Buddhisten, die hier leben. Der DBU hat etwa 630 buddhistische Gruppen in Deutschland verzeichnet, die in der Mehrzahl dem japanischen Zen und dem tibetischen Buddhismus angehören. 1903 gründete der Indologe Karl Seidenstücker in Leipzig die erste buddhistische Gemeinde.------------------------------Foto: Seit 26 Jahren Nonne: Carola Roloff.------------------------------Foto: 35 Meter lange Buddha-Statue im thailändischen Hat Yai. Der historische Buddha, Siddharta Gautama, wurde vermutlich im 6. Jahrhundert vor Christus in Nordindien geboren.