Wenn's mal wieder anders kommt, dann werden sie wieder die Juden und die Kommunisten als Erste an die Laterne hängen." Anetta Kahane, Tochter jüdisch-kommunistischer Eltern, erinnert sich an diesen Ausspruch ihres Vaters als "Teil einer seltsamen Sammlung von Geräuschen", die ihr Erwachsenwerden begleiteten. Sie wusste, dieser Satz betraf auch sie, die als dreizehnjährige Ost-Berlinerin in der Überzeugung lebte, in der DDR sei der Faschismus ausgerottet. Deshalb wohnte ihre Familie dort. "Für mich war die DDR ganz eindeutig eine Einheit zwischen Elternhaus und Staat", schreibt die jetzt 50-jährige Kahane in ihren "deutschen Geschichten". Schon allein dieser Einblick in das Denken einer jüdischen Familie in der DDR, ihr Selbstverständnis und dessen Wandel nach der Wende, die Freilegung der jüdischen Wurzeln, machen das Buch lesenswert.Die irritierenden Kindheitserfahrungen haben Kahanes Sinne gewiss geschärft, mit dem anscheinend provozierenden Titel "Ich sehe was, was du nicht siehst" fordert sie zur Kommunikation über ihre Beobachtungen auf - und beschämt all jene, die zwar wissen, aber schweigen. Sie erzählt Geschichten von real existierender Fremdenfeindlichkeit, von lebendigem Antisemitismus in der DDR und von der Gewaltexplosion in den 90er-Jahren - in Rostock, Eberswalde oder Hoyerswerda. Sie hat sie als Ausländerbeauftragte von Ost-Berlin und später in verschiedenen Initiativen und Stiftungen erlebt, hat sich die Begegnung mit den Geistern des "Wenn-es-mal-wieder-anders-kommt" zugemutet. Zum Beispiel in Wurzen: In der sächsischen Stadt, einer "national befreiten Zone", beherrschen Rechtsradikale das Klima. Übergriffe gegen Ausländer, Punks, selbst gegen jugendliche Umweltschützer häufen sich. Ein öffentlich geförderter Jugendclub wird zum Hort der Neonazis. Versuche, mit den Verantwortlichen der Stadt ins Gespräch zu kommen, scheitern. Als Bundestagspräsident Thierse 2000 zu einem Gespräch im Rathaus anreist, bleibt der Bürgermeister demonstrativ fern, der Landrat und die Leiterin des Kreisjugendamtes leugnen Probleme. Dieselbe Frau Friedrich organisierte auch den Jugendclub Schweizergarten, als Treffpunkt der rechtsextremen Szene bekannt. In einem anderen Gespräch hatte sie erklärt, natürlich sei der Club offen für alle, aber sollte ein "Linker" dazukommen, müsse der erstmal geschrubbt werden, die seien unordentlich und würden stinken. Als Anetta Kahane im vergangenen Jahr als Ausländerbeauftragte von Gesamtberlin im Gespräch war, lebte eine schon vor Jahren kurz geführte Debatte um ihre Stasi-Tätigkeit wieder auf. Sie nahm sich früh selbst von der Liste, obwohl auch ein anderer Aktenstapel existierte, der von der ewig Suspekten, der ausspionierten Ausreisewilligen handelte. Anetta Kahane hat ihre IM-Tätigkeit nie geleugnet, jetzt werden die Umstände, Dimensionen und die Scham danach beschrieben: Die Stasi hatte eine Freundin, der sie bei der Vorbereitung der Republikflucht geholfen hatte, erwischt und nahm die Helferin in die Mangel. Unter diesem Druck kamen erste Treffen der damals 19-Jährigen mit dem Führungsoffizier zustande. Die seherischen Fähigkeiten, die sie später an sich entdeckte, ruhten noch. Sie habe in der ersten Zeit schrecklich viel geplappert und - wie so viele - geglaubt, damit sogar Sinnvolles zu tun: "Ich konnte am Anfang nicht anders - auch wegen meines Landes, wegen des Sozialismus, der Eltern, der Verfolgung, des Faschismus. Gegen jede Intuition hielt ich daran fest, bis ich es eben nicht mehr konnte." Der Bruch kam dann energisch, vollständig und in einer Zeit, als er enormen Mut brauchte.Sie beschreibt diesen Prozess in differenzierender Aufrichtigkeit, und dazu gehört die Einordnung in die historischen Umstände. Gerade die Brüche und Verwerfungen machen die ebenso typische wie besondere DDR-Biografie interessant. Dass sie eine politische Karriere verhindern, offenbart wiederum die Brüche und Verwerfungen der deutsch-deutschen Annäherung.------------------------------Anetta Kahane: Ich sehe was, was du nicht siehst. Meine deutschen Geschichten. Rowohlt, Berlin 2004. 350 S., 19,90 Euro.